Tag 4: Hast du schon gegessen?

19. Juni 2012. 20:37 Uhr. Bett 15, Wagen 10. Im Nachtzug von Hanoi nach Hue, Vietnam.

Nebel

Nebel

Als wir heute Morgen aufwachten, war unser Boot bereits auf dem Weg zurück in den Hafen. Schon beim ersten Blick aus dem Zimmer (Fenster hatten wir nicht) war klar, dass es heute ein bisschen nebliger sein würde als die Tage zuvor. Denn obwohl wir ziemlich dicht an den Bergen vorbei gefahren sein mussten, waren sie nicht mehr zu sehen. Die Luftfeuchtigkeit war mittlerweile auf ein Maß angestiegen, dass man eigentlich nicht mehr duschen gehen musste.

Auf dem Weg zurück nach Hanoi lernten wir eine ganze Menge über das Essen in Vietnam. Tuan erzählte uns, dass die Vietnamesen eigentlich alles essen, was sich bewegt und dass Hundefleisch nicht nur bei Einheimischen sehr beliebt ist. Die Vietnamesen achten sehr darauf, dass sie „ausgeglichen“ essen. Yin und Yang müssen sich die Waage halten. Dabei symbolisiert Yin das Kalte, Nasse, also alles, was aus dem Wasser und von unter der Erde kommt wie Fisch, Reis, Meeresfrüchte usw. Yang ist das Warme, von „oben“, Chili, Geflügel, Gemüse… Die Vietnamesen essen genau dreimal am Tag und sehen es absolut nicht als Option, das Mittagessen aus zu lassen oder durch einen kleinen Imbiss zu ersetzen. Busfahrer und Touristenführer bestehen auf eine Mittagspause. Das Essen ist in Vietnam so wichtig, dass die Frage, ob der Gegenüber schon gegessen hat, die in unseren Breiten üblichere Frage nach dem „Wie geht’s dir?“ ersetzt. Wer schon gegessen hat, dem kann es schließlich nicht so schlecht gehen.

Reisfelder

Reisfelder

Wir fuhren nun auf Straßen, von denen wir glauben, dass es sich um Autobahnen handelt, da sie einige Merkmale dafür aufwiesen, z.B. mehrere Spuren, Fahrbahnmarkierungen, Mautstellen, Grünstreifen. Hier gab es zwar keinerlei Tankstellen oder Raststätten, dafür aber alle paar Kilometer ein paar Verkaufstände für Wasser und Kleinigkeiten. Auf den Seitenstreifen spielten sich auch andere Dinge ab, wie z.B. Reparaturen oder Reifenwechsel.

Auf dem Weg sind wir an hunderten Reisfeldern vorbei gefahren, deren Pflanzen schon gelb wurden, also zur Ernte bereit waren. Diese wurde auch an vielen Feldern vorgenommen. Mal war nur eine Person damit beschäftigt, mal die ganze Familie. Was jedoch alle gemein hatten, war, dass der Reis getrocknet werden musste. Die geernteten Körner wurden also großzügig verteilt. Jeder hatte seinen Platz dafür, manche direkt am Feld auf der Straße, andere in ihrer Garageneinfahrt.

Bauerngräber

Bauerngräber

Auf den Feldern selbst waren häufig Gräber zu sehen, die sehr groß und teilweise von außen gefliest waren. Die Vietnamesen glauben an ein Leben nach dem Tod und, dass das Grab das Haus ist, in dem der Verstorbene die Ewigkeit verbringt. Es muss daher möglichst groß und hübsch sein und wird oft reich verziert. Und da das Land auf dem Friedhof teuer ist und die Bauern Land in Form von Feldern haben, was liegt da näher als einen Bauern auf seinem Feld zu begraben?

Nachdem wir wieder in Hanoi angekommen waren, konnte ich zum ersten Mal meinen Rucksack in den Arm nehmen. Geile Scheiße! Denis‘ Tasche hat sich leider noch nicht wieder angefunden. Im Internet haben wir nach dem Status des Rucksacks geschaut. „Die Suche dauert an“. Mist! Daher mussten wir später noch ein paar Sachen kaufen gehen. Wäsche waschen lassen können wir nämlich erst wieder morgen im Hotel in Hue.

Zum Mittag waren wir mit Tuan in einem Restaurant, in dem es die Speisekarte nur auf Vietnamesisch gab und wir die einzigen Ausländer waren. Entsprechend haben wir – wie überall bisher – Touristenpreise bezahlt. Es nervt langsam, dass hier alle Leute denken, sie könnten uns das Geld ganz einfach aus den Taschen ziehen. Das ist aber auch ziemlich schwierig zu umgehen, da es hier kaum Preisauszeichnungen gibt. Außerdem sind wir verglichen mit einem durchschnittlichen Vietnamesen wahrscheinlich relativ wohlhabend. Also geht das schon in Ordnung.

Irgendwo in Hanoi

Irgendwo in Hanoi

Das Mittag war aber trotzdem ein Traum. Wir hatten Hot Pot. Auf dem Tisch stand eine große Schale auf einem Feuer, in der Fischstückchen mit allerlei Gemüse gebraten wurden. Dabei waren auf jeden Fall Minze und Dill und ein Gemüse, das aussah wie Gras und ziemlich scharf geschmeckt hat. Jeder hatte eine kleine Schale und da kam der Inhalt der Schüssel zusammen mit Reisnudeln, mehr Gemüse, Erdnüssen und einer lecken Sauce rein. Das Ganze machte dann umso mehr Spaß, weil wir wussten, dass Tischetikette in Vietnam absolut fehl am Platze ist. Es wird an allen Tischen geschlürft, geschmatzt, gekleckert. Großartig.

Am Nachmittag waren wir wie gesagt einkaufen und ein bisschen spazieren. Hier konnten wir noch einmal Hanoi genießen und die überfüllten Straßen und Fußgängerwege/Moped-Parkplätze und die Kabelwirtschaft beobachten. Außerdem waren wir noch an der roten The-Huc-Brücke am Hoan-Kiem-See, der von einem kleinen Park gesäumt und ein beliebter Treffpunkt ist.

Unser Zug

Unser Zug

Danach haben wir uns mit Essen versorgt und schon konnte es los gehen zum Bahnhof, von wo aus unser Nachtzug nach Hue um 18:00 Uhr abfährt statt 18:30 Uhr. Von Verspätungen hatten wir ja schon gehört, aber eine frühere Abfahrt?! Na ja, auch gut.

Der Zug ist übrigens ein weiteres Highlight. Zuerst wurden eine Viertelstunde (nicht übertrieben) die Regeln vorgelesen, die hier gelten. Zum Glück nur auf Vietnamesisch. Dann fuhren los und an einigen Häusern und Läden vorbei, aus denen wir im Fahren noch etwas hätten kaufen können, wenn wir nicht so schnell gewesen wären. Die Häuser waren so dicht am Gleis, dass deren Bewohner den Fahrplan wahrscheinlich sehr genau kennen.

Unser Abteil

Unser Abteil

Wir entschieden uns nach einiger Zeit, das Bordrestaurant aufzusuchen, weil wir hofften, dort ein bisschen bequemer sitzen zu können als auf unseren Betten. Es sollten nur zehn Wagons bis zum Restaurant sein, also in ein paar Minuten machbar. Dieser Ausflug sollte die Zugerfahrung unseres Lebens werden. In unserem Wagon gab es nur Abteile mit vier Liegen. Als wir durch einen Wagon kamen, in dem die Abteile mit sechs Liegen ausgestattet waren, waren wir schon froh über unseren Luxus.

Danach kamen ein paar Wagons mit Großraumsitzabteil, in dem es schon voll und laut war. Die Leute beschäftigten sich mit Kartenspielen, Filmeschauen, warm Essen oder sie unterhielten sich einfach laut. Einige Kinder haben unter den Tischen geschlafen, andere saßen im Gang auf Plastikstühlen und -hockern. Die Vietnamesen verhalten sich im Zug genauso wie auf der Straße. Sie sind immer da, überall und echt viele.

Da wir schon ziemlich weit gelaufen waren, erwarteten wir, dass wir demnächst ins Restaurant kommen würden. Was aber folgte, war die Bretterklasse mit Holzbänken wie im Park. Diese war natürlich genauso bevölkert wie der Rest des Zuges. Interessant war, dass niemand schlecht drauf war und alle gelacht oder zumindest ein freundliches Gesicht gemacht haben. Außerdem ist niemand allein gereist, alle waren in Gruppen unterwegs oder haben sich zu solchen zusammen gefunden.

Bordrestaurant

Bordrestaurant

Danach kam dann auch endlich das Bordrestaurant. Tuan hatte uns gewarnt. Man stirbt von dem Essen nicht, aber gut bekommen würde es uns wohl auch nicht. Mit dem ersten Schritt in den Speisewagen war dann auch klar, warum. Der Boden war glatt vor Öl und ein Blick in die Küche reichte, dass wir mehr als froh waren, unser eigenes Abendbrot mitgebracht zu haben. Sagen wir es mal so: Der Boden scheint nicht das einzige zu sein, was hier nicht jeden Tag geputzt wird. Da leider alle Tische besetzt waren, kauften wir jeder ein Wegbier („Bia“ auf Vietnamesisch) und liefen zurück. Zwischen den Wagons war es nass und es saßen viele Leute auf Klappstühlen in den Gängen. Diese hatten wohl keine Sitzplatzkarte mehr bekommen.

Mittlerweile sind wir wieder im Abteil. Der Rest schläft schon und ich werde das auch mal in Angriff nehmen.

Fast vergessen: Wir hatten heute zum ersten Mal Regen. Leider waren wir da schon im Zug und haben (außer zwischen den Wagons) nicht viel von der Abkühlung mitbekommen. Es war den ganzen Tag so schweinewarm, dass wir ernsthaft gefroren haben, als wir in unser auf 24°C gekühltes Zimmer kamen.

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