Tag 4: Keine Fecht-WM, keine Fahrkarten, kein Putin-Park

13. Juli 2015. Moskau (Russland).

Der Grenzübergang zwischen Finnland und Russland findet gegen Mitternacht während der Fahrt statt und verläuft außerordentlich unspektakulär. Unser Zug muss nicht mal ins Umspurwerk (wie es z.B. der Fall ist, wenn man von Polen nach Weißrussland fährt), weil die vier Millimeter Unterschied in der Spurbreite zwischen Finnland und Russland keine Rolle zu spielen scheinen. Zumindest hoffen wir das.

Nachbarn im Nachtzug

Kurz vor dem Grenzübertritt war ein Paar Mitte Vierzig eingestiegen, das die beiden anderen Liegen im Abteil belegt. In der Nacht noch hätte ich den Mann aufgrund der Lautstärke und Intensität seiner Schlafgeräusche am liebsten mittels Kissen zum Schweigen gebracht. Am Morgen erweisen sich die beiden aber als sehr angenehm. Er ist Arzt, sie Marketingspezialistin und beide waren zum Angeln in Finnland. Sie wundern sich darüber, dass wir so viel Urlaub haben und diesen auch noch damit verbringen, mit dem Zug nach Japan zu fahren. Dass diese drei Wochen streng genommen nur die Hälfte unseres Jahresurlaubs ausmachen, behalten wir vorsichtshalber für uns.

Die beiden erzählen von einigen Japanern in ihrem Freundeskreis, die nirgendwo ohne ihren Geiger-Zähler hingingen. Einmal wären sie zu Besuch in Russland gewesen und an einen Ort gekommen, an dem der Geiger-Zähler aufgrund ein wenig erhöhter atomarer Strahlung ausschlug. Die Japaner bestanden darauf, sofort umzukehren und den Tagesausflug zugunsten ihrer Gesundheit ausfallen zu lassen. Wir sind uns schnell einig darüber, dass Japaner unter Umständen zu Überreaktionen neigen könnten.

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Ja, hier geht es zu einem Hotel.

In Moskau angekommen, suchen wir in einigen Hinterhöfen unser Hotel, das sich unweit des Kasanskij Woksal befindet, lassen uns schließlich den Weg von einem Passanten zeigen und stellen fest, dass wir bereits mehrfach daran vorbei gelaufen sind. Die braune Metalltür mit dem schlichten blauen Schild passt auch eigentlich eher zu einer illegalen Hinterhof-Textilfabrik als zu einem Hotel, aber da uns ein Bett in einem sauberen Zimmer mit Fenstern zur Verfügung gestellt wird, fragen wir nicht weiter nach. Weil wir vollkommen unerwartet bereits um 9:00 Uhr einchecken dürfen, nutzen wir die Zeit, das nachzuholen, was uns in der Nacht aufgrund von Grunzen und Röcheln aus dem Nachbarbett verwährt worden war.

Fahrkarten? Was für Fahrkarten?

Als wir das Hotel am frühen Nachmittag verlassen, beweist der russische Sommer, dass er dem finnischen in nichts nachsteht. 17 Grad und Regen. Unser Sommerurlaub läuft bisher.

Wir fahren mit Metro zum Prospekt Mira. Ich weiß, was ihr jetzt denkt: Dass wir dorthin fahren, weil wir unbedingt der Fechtweltmeisterschaft im Sportiwnij Kompleks „Olimpijskij“ beiwohnen wollen. Wenn ihr euch jetzt schon auf ausführliche Berichte zu den Vorrunden-Kämpfen der Säbelfechter gefreut habt, muss ich euch leider enttäuschen. Wir hatten am Prospekt Mira nämlich eine Besorgung zu erledigen, die unsere volle Aufmerksamkeit verlangte und von der wir uns unter keinen Umständen durch einen dermaßen mitreißenden Zeitvertreib ablenken lassen konnten.

Weil der neue chinesische Fahrplan ab 1. Juli eher kurzfristig veröffentlicht wurde, konnte unsere Verbindung von Moskau über Astana nach Urumqi ebenfalls erst sehr zeitnah gebucht werden. Und weil es zum Zeitpunkt der Buchung bereits zu spät war, die Fahrkarten von Moskau über Berlin (Sitz der Bahnagentur) nach Hamburg zu schicken, müssen diese in der russischen Partneragentur der Bahnagentur Schöneberg abgeholt werden.

Wir betreten den Laden, der von oben bis unten mit Zetteln voller Reiseangebote tapeziert ist, und sind bis auf zwei eher desinteressierte Personen an den Rechnern im hinteren Teil des Raums erst mal allein. Sind das Mitarbeiter? Oder Kunden, die an ihren Drucksachen arbeiten, die hier ebenfalls vertrieben werden? Man weiß es nicht.

Nach kurzem Warten erscheint eine Frau hinter dem Tresen, die aufgrund ihrer Körpergröße und der außerordentlichen Höhe des Tresen Probleme zu haben scheint, über ebendiesen zu schauen. Wir geben ihr unseren Voucher, mit dem wir nicht nur nachweisen, dass wir die Fahrkarten gebucht, sondern auch bereits bezahlt haben, und erwarten in fast kindlicher Naivität, dass die Dame sich nur kurz bückt und uns einen Umschlag voller Tickets aushändigt.

Stattdessen bittet sie uns, auf der grauen Couch vor dem zweiten (höheren) Tresen Platz zu nehmen. Obwohl sie keine Ahnung zu haben scheint, wo unsere Fahrkarten sind, ist sie vollkommen unaufgeregt und sucht erst mal ihr Telefon. Das folgende Telefonat hört sich ebenso unaufgeregt an und wir fragen uns zwischenzeitlich, ob sie sich überhaupt um unsere Fahrkarten kümmert oder einen Friseurtermin abspricht.

Schließlich hören wir die Worte „Astana“, „Urumqi“ und „Bileti“, sind uns nun aber nicht sicher, ob sie sich nun wirklich um unsere Fahrkarten kümmert oder sich zusammen mit einer Freundin darüber lustig macht, dass da zwei Westler in ihrem Laden sitzen und tatsächlich mit dem Zug nach China fahren wollen.

Schließlich drückt sie Denis ihr Telefon in die Hand und am anderen Ende erklärt ihm jemand auf Englisch, dass wir unsere Handynummer und die Anschrift unseres Hotels hinterlegen müssten. Morgen würde uns dann jemand die Fahrkarten ins Hotel bringen. Ooookay. Das war anders geplant. Aber weil es sowieso keinen Unterschied macht, ob wir uns deswegen aufregen oder nicht, entscheiden wir uns dafür, ebenso ruhig zu bleiben wie die Frau und erst dann in Panik zu verfallen, wenn wir morgen Abend die Tickets noch nicht in der Hand halten. Der Zug fährt erst um 22:50 Uhr ab und bis dahin kann schließlich eine Menge passieren.

Putin-Park?

Nachdem wir also ruhig geblieben sind, fahren wir mit der Metro zum Skulpturenpark. Als wir vor zwei Jahren bereits einmal in Moskau waren, war dieser aufgrund von Umbauarbeiten geschlossen. Ich hatte damals gemutmaßt, dass hier stattdessen ein neuer Putin-Park zur Ehrung des Großen Wladimir entstehen soll, und wollte das natürlich prüfen. Glücklicherweise stellt sich mein hellseherisches Talent als nicht vorhanden heraus und der ursprüngliche Park ist tatsächlich „nur“ erneuert worden.

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Lenin. Und Lenin. Und Lenin.

Im Skulpturenpark sind vor allem Büsten und Statuen ehemaliger russischer Herrscher zu sehen. Es gibt auch viele kleinere und unpolitische Statuen, die Szenerie wird aber von Lenin (vor allem Lenin), Stalin und Co. dominiert. Lenin gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen, jung und alt, als Skulptur und Büste, aus Marmor und Granit, rot und weiß. Für jeden ist etwas dabei.

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Auf dem Bild: Stalin. Nicht auf dem Bild: seine Nase.

Karl Marx steht neben Lenin – wie immer mit wuschligem Rauschebart. Und dem dreieinhalb Meter hohem Granit-Stalin fehlt die Nase. Hinter letzterem steht ein Käfig mit Stacheldraht voller Köpfe, die die Opfer seiner Herrschaft symbolisieren sollen. Steht es nicht prominent auf einem großen Platz, sondern mit anderen auf einem Rasen im Park, wirkt das Abbild Stalins, das einst Macht und Grausamkeit ausstrahlte, fast unbedeutend. Die fehlende Nase tut ihr übriges, die Statue weniger furchteinflößend wirken zu lassen.

Neben dem Park lassen wir uns an der Moskva nieder und genießen ein tolles Panorama aus Peter I., Christ-Erlöser-Kathedrale und den vielen undefinierbaren Hochhäusern der Stadt. Auch der Parkranger mit seiner knatternden Reinigungsmaschine und das Rundfahrtschiff mit vollaufgedrehten Lautsprechern, aus denen der Evergreen „Barbie Girl“ dröhnt, können diese Idylle nicht stören.

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An der Moskva

Schwulenpropaganda im Kinderland

Am Lubjanka Plochat steht noch heute das Hauptquartier und zentrale Gefängnis des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB. Das Gebäude heißt wie der Platz, auf dem es steht (Oder der Platz wie das Gebäude?), ist heute Sitz des russischen Geheimdienstes FSB und wird derzeit renoviert.

Direkt gegenüber befindet sich das Detski Mir mit einer Aussichtsterrase im achten Stock, die einen Blick auf die Stadt zu versprechen scheint. Deshalb und weil es wieder anfängt zu regnen, schauen wir uns dort mal um. Den Blick kann die Terasse auch wie versprochen bieten; wir sehen den Kreml, die Basilius-Kathedrale und eine in eine Richtung zehnspurige Straße und erahnen, welche Ausmaße diese Stadt annimmt. Denn am Horizont ist kein Ende der Hochhäuser in Sicht. Zwölf Millionen Einwohner sind halt doch ein wenig mehr als 1,7 Millionen.

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Moskau

Plötzlich erscheint – fast wie aus dem Nichts – ein Regenbogen über den Dächern der Stadt. Wir fragen uns, ob dieser mit dem für die Unterbindung von schwuler Propaganda zuständigen Politbüro abgestimmt ist und bezweifeln, dass dies der Fall ist. Einen Aufmarsch des Militärs befürchtend, verlassen wir die Aussichtsterrasse umgehend und schauen uns stattdessen das Detski Mir etwas genauer an.

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Detski Mir

Das Detski Mir ist ein Kinderkaufhaus, in dem es auf sechs Stockwerken alles gibt, was man für Kinder braucht – und was nicht. Es ist ein altes, freundliches, renoviertes Einkaufzentrum mit Atrium, in dem ein Bühnenprogramm für Kinder läuft und mit übergroßen Lego-Steinen gebaut wird. Ähnlich wie das GUM wirkt es hell und einladend und scheint für jeden etwas zu bieten.

In der obersten Etage befindet sich die Fressmeile voller in- und ausländischer Fast Food-Ketten und einem Spielplatz, auf dem die überzuckerten und nach dem Einkauf hunderter Spielsachen überdrehten Kinder ein bisschen Energie abbauen können. In den anderen Etagen finden sich einige Kleidungsgeschäfte mit vermeindlich „normalen“ Klamotten und einige mit der Garderobe für das anspruchsvolle Kind – Ballkleider, Anzüge, Balettröckchen, wer hier nicht fündig wird, schaut nicht richtig. Für den Prinzen und die Prinzessin von morgen werden die wichtigsten Lifestyle-Accessoires in mehreren Schmuckläden, einem Handy-Geschäft und einem Schönheitssalon angeboten. Wer was auf sich hält, legt schließlich auch Wert darauf, dass seine Kinder gezupfte Augenbrauen haben und nicht wie Wilde herumlaufen.

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Im Detski Mir gibt es ein wenig Lego…

Die Hauptattraktion ist allerdings der absolut verschäfte Spielzeugladen, der auf drei Etagen alles Spielzeug der Welt verkauft – Kuscheltiere, Gesellschaftsspiele, Lego, Barbie-Zeug, viele, viele Bücher, Kostüme, ferngesteuerte Autos, eine Nerf-Ecke für Mädchen und Jungs, Plastiktiere für den Bauernhof, Modelleisenbahnen und noch sooo viel mehr. Außerdem gibt es auf einer Etage eine Kartbahn und auf einer anderen Kletterbäume und ein Karussell.

Das beste an dem Spielzeugladen ist, dass hier wirklich sinnvolles Spielzeug verkauft wird, das zum Spielen und Kreativsein anregt. Es gibt nur eine kleine Ecke, in der eine Play Station und eine andere Konsole stehen. Diese sind aber aufgrund der Vielzahl der anderen Beschäftigungsmöglichkeiten sehr spärlich besucht. Wer will denn auch Need for Speed auf der Konsole spielen, wenn er genauso gut mindestens genauso schnell über die Kartbahn heizen kann?

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…und eine Kartbahn

Die einzige Möglichkeit für Moskauer Eltern, aufgrund dieses Kaufhauses nicht bereits vor Geburt ihres Kindes Privatinsolvenz anmelden zu müssen, ist wahrscheinlich, die Existenz des Detski Mir vor ihrem Nachwuchs zu verheimlichen. Und das Kaufhaus auf die Größe und Attraktivität eines Straßenkiosk herunter zu spielen, sollten die Kinder je davon erfahren. Wahrscheinlich gibt es eine Art Geheimabsprache unter allen Eltern in Moskau. Außer den reichen Säcken.

Abend am Roten Platz

Wir lassen den Tag schließlich mit einem Spaziergang zum Roten Platz ausklingen. Obwohl wir diesen schon von unserem Moskau-Besuch vor zwei Jahren kennen, sind wir fasziniert von der Atmosphäre. Zu schreiben, dass er leer wäre, wäre nicht nur maßlos übertrieben, sondern auch schamlos gelogen. Aber die ganzen geführten Tagestouren sind bereits beendet, sodass nur kleinere Grüppchen vor Ort sind, die deutlich weniger Krach machen als zwölf Gruppen á fünfzig Chinesen. Daher ist die Geräuschkulisse für diesen Ort fast gespenstisch ruhig. Außerdem hüllt das Licht der untergehenden Sonne den Kreml und die Basilius-Kathedrale in angenehm warme Farben und lässt sie aussehen wie an den Horizont gemalt. Eine Szene zum Verlieben.

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Roter Platz

Zurück im Hotel versuche ich der Dame an der Rezeption zu erklären, dass wir erwarten, morgen eine Sendung mit Fahrkarten zu erhalten. Sie spricht wenig Englisch, ich kein Russisch. Dass ich ihr versichere, das es sich nur um eine Information handelt und sie nichts zu tun hätte, beruhigt sie. Sie nickt und lächelt. Sie versteht mich nicht.

Die stickige Luft in unserem Zimmer und der Lärm der achtspurigen Straße vor dem Haus stellen uns vor ein Dilemma, das wir nur schwer aufzulösen wissen. Schließlich haben wir gelüftet und einen Gehörschaden erlitten, können aber ruhig und mit etwas erfrischter Luft einschlafen.

Heutige Verbindungen

Keine.

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