Tag 4: Kellner, Kosmonauten und Bauern

20. Juni 2013. Moskau, Russland.

Liegewagen

Liegewagen

Wir haben Liegewagen gebucht. Großraumliegewagen. Diesen teilen wir uns mit etwa 60 Leuten, hauptsächlich Touristen, die meisten davon Russen. In unserem Wagon gibt es einen Hauptgang, von dem aus in eine Richtung Kojen mit je vier Betten abgehen. Diese sind quer zur Fahrtrichtung positioniert, sodass man mit den Füßen Richtung Gang und mit dem Kopf Richtung Fenster liegt. An der anderen Seite des Hauptganges sind auf zwei Etagen Betten in Fahrtrichtung angebracht. Das untere der beiden Betten kann in eine kleine Sitzecke umfunktioniert werden. Für jede Liege liegt eine Matratze, eine Decke, ein Kissen und die jeweiligen Bezüge dafür bereit.

Wir teilen uns unsere Viererkoje mit einem älteren russischen Ehepaar, wir haben die beiden oberen Betten. Das ist an sich kein Problem. Das einzig unbequeme daran ist nur, dass es direkt über der Liege ein Gepäckablagefach gibt. Das hört sich im ersten Moment praktisch an, macht die ganze Geschichte aber ziemlich eng. Abteile oder andere Vorrichtungen, die etwas Privatsphäre schaffen könnten, gibt es nicht. Es herrscht aber eine sehr entspannte Stimmung in unserem Abteil, sodass das kein Problem ist, solange niemand schnarcht und die Ratten einer unserer Nachbarinnen nicht aus ihren Käfig entkommen.

Großraumliegewagen

Großraumliegewagen

Es hat sich übrigens herausgestellt, dass der Leningrader Bahnhof wirklich der richtige Bahnhof für uns war. Wir sind jetzt jedenfalls in einem Zug nach Sankt Petersburg und Ljudmilla von der Fahrkartenkontrolle hatte nichts gegen unsere Fahrkarten einzuwenden. In Russland werden die Fahrkarten nämlich schon vor dem Einstieg kontrolliert. Vor jeder Wagontür steht ein Bahnbeamter und passt auf, dass keine ahnungslosen Touristen in den falschen Zug steigen und niemand schwarzfährt.

Noch ein Wort zu den Namen, die hier für die Personen verwendet werden: Die Leute heißen wirklich so. Wir haben uns die Namen nicht ausgedacht, sondern immer von den entsprechenden Namensschildern abgelesen. Die einzige Ausnahme ist Olga von der Metro, der Name ist ausgedacht. Olga klingt einfach wie das russische Pendant zur Blechernen Else, die wir von deutschen Bahnhöfen kennen.

Nachdem wir heute Morgen irgendwie wieder alles Gepäck in unsere Rucksäcke bekommen und diese an der Gepäckabgabe am Bahnhof abgegeben hatten, machten wir uns auf den Weg zum Arbat. Das ist eine etwa einen Kilometer lange Straße, die es schon seit dem 15. Jahrhundert gibt und heute eine Fußgängerzone im Szeneviertel Arbat ist, auf der viele Straßenkünstler unterwegs sind. Es gibt viele kleine Stände, an denen entweder Touristenkram oder alte Bücher verkauft werden. Außerdem findet man hier alle paar Meter ein Restaurant.

Arbat

Arbat

Wir kehrten dort in eine Lokalität ein und bestellten folgende Dinge: ein stilles Wasser, einen Apfelsaft, einen Borschtsch (Suppe mit Roter Bete), eine Soljanka und ein Stück Kuchen. Erhalten haben wir folgende Dinge: ein sprudelndes Wasser, einen Orangensaft und einen Borschtsch. Die Soljanka und das Stück Kuchen waren gar nicht erst dabei. Aber immer eins von fünf richtig, das ist eine Trefferquote von 20 Prozent.

Nachdem wir unser Mahl vollends ausgekostet hatten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Neujungfrauenkloster. Dabei kamen wir am Außenministerium vorbei, das so groß ist, das man sich fragt, ob Russland überhaupt mit so vielen Ländern in Kontakt steht, um ein derartig großes Gebäude zu rechtfertigen. Ein paar Meter weiter konnten wir die Wolkenkratzer der Moskauer City sehen, die sich nicht groß von Geschäftsvierteln anderer Metropolen der Welt unterscheidet.

Dann ging es am Kiewer Bahnhof vorbei, an dem uns mal wieder bewusst wurde, wie die Bahnhöfe in Deutschland so gar nicht mit denen in Moskau mithalten können. Hier sind die Bahnhöfe einfach mal groß und gestaltet wie Kirchen oder Museen. Außerdem gibt es hier Bahnhofsvorplätze, die sich auch so nennen dürfen und gestaltet sind wie Parks, mit Springbrunnen, Rasen und Blumenbeeten.

Neujungfrauenkloster

Neujungfrauenkloster

Wir liefen eine Weile an der Moskva entlang, wo eine Menge großer, teurer Autos herumstanden. Unterwegs sind wir an einem Plattenbau vorbei gelaufen, das eine Holztür als Nebeneingang hatte. Auf dieser war ein Plakat angebracht, auf dem Logos von Marken wie Gucci, Dolce & Gabbana, Louis Vuitton und so weiter zu sehen waren. Oben drüber stand in großer roter Schrift „No Fake!“, wohl für die Zweifler unter der Laufkundschaft.

Gegen 17:00 Uhr erreichten wir das Neujungfrauenkloster. Wir wollten gerade durch das Eingangstor gehen als wir von einem Wachmann freundlich darauf hingewiesen wurden, dass das Kloster in wenigen Minuten schließen würde. Na toll. Wenigstens hatte man vom benachbarten See noch einen Blick auf die Türme, die über die Mauer ragten.

Nun gut. Schade, aber das ließ sich nun mal nicht ändern. Also wollten wir zum Novodevitschje-Friedhof, auf dem viele berühmte Persönlichkeiten begraben sind, da sich dieser direkt nebenan befand. „Die können ja schließlich keinen Friedhof um 17:00 Uhr schließen“, dachten wir. Tja, falsch gedacht, auch dieser war schon so gut wie zu.

Kosmonautenmuseum

Kosmonautenmuseum

Aber es ist ja nicht so, dass Moskau sonst nichts zu bieten hat. So fuhren wir mit der Metro nach Ostankino. Hier gab es nämlich ein bisschen Geschichte der Sowjetzeit zu sehen: Zum einen das Kosmonautenmuseum und zum anderen einen Park, der früher einmal „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ hieß.

Zuerst waren wir am Kosmonautenmuseum und dem Park drumherum. Hier standen Statuen wichtiger sowjetischer Raumfahrer, eine Nachbildung des Sonnensystems und natürlich das Museum selbst. Dieses hatte die Form des Schweifes einer in den Himmel aufsteigenden Rakete, die an der oberen Spitze des Gebäudes in über 100 Metern angebracht war. Am Sockel des Museums waren Szenen der sowjetischen Raumfahrt zu sehen mit dem Konterfei Lenins an der Spitze, den Blick in die Zukunft gerichtet.

Allrussisches Ausstellungszentrum

Allrussisches Ausstellungszentrum

Anschließend ging es in das „Allrussische Ausstellungszentrum WWZ“, das hauptsächlich den Bauern der ehemaligen Sowjetunion gewidmet ist. Direkt hinter dem Eingangstor, auf dem die Statue zweier Bauern stand, fühlten wir uns wie in einem schlechten Vergnügungspark: Springbrunnen, Fressbuden, Losbuden, Stände, die Autos für Kinder verliehen, das russische Pendant zum Rasenden Roland und vieles mehr. Die Wege waren gesäumt von Laternen in der Form von Getreideähren.

Wir liefen an einer riesigen Ausstellungshalle vorbei und fanden dahinter das Herzstück des Parks: den Brunnen der Völkerfreundschaft. Das ist wirklich der protzigste Brunnen, den wir je gesehen haben. Kreisförmig aufstellt waren komplett vergoldete Statuen von 15 Bäuerinnen, von denen jede eine Nation der Sowjetunion symbolisierte. Durch das Sonnenlicht auf Wasser und Gold strahlte der Brunnen im übrigen Grau und Grün des Parks. In unmittelbarer Nähe des Brunnen waren noch Pavillons jeder Sowjetnationen zu besichtigen.

Vorbei an einem weiteren sehr schönen, aber weniger protzigen Springbrunnen war am Ende des Parks noch eine Vostok-Rakete von der Art zu sehen, mit der Juri Gagarin in den Weltraum befördert wurde.

Am Leningradski Woksal

Am Leningradski Woksal

Es wurde nun langsam Zeit für uns, den Rückweg zum Bahnhof einzuschlagen. Unser Zug würde nämlich ziemlich wahrscheinlich nicht auf uns warten. Also rein in die Metro und ab dafür. Wir hatten am Bahnhof noch Abendbrot vom Grand Grill. Es gab Schaschlik mit einer Beilage, die unter anderem Kartoffeln enthielt. Die Wahl der Speise erfolgte durch Zeigen auf die beiden Bestandteile, die direkt auf dem Verkaufstresen platziert und nicht mal mit einem Spukschutz versehen waren. Wir hätten also auch direkt mit den Händen auffüllen können.

Danach wollten wir nur noch kurz unsere Rucksäcke holen, die wir im Untergeschoss abgegeben hatten. Der Leningradski wird derzeit renoviert, das Untergeschoss ist aber bereits soweit fertiggestellt, dass die Gepäckabgabe und die Toiletten genutzt werden können. Also ging es durch den Metalldetektor zur richtigen Bahnhofshalle und weiter durch ein Labyrinth von Bauzäunen ins Untergeschoss. Dort angekommen bekamen wir einen mittelschweren Herzinfarkt, denn das Fenster der Gepäckabgabestelle war geschlossen. Tolle Wurst. Nach einigen Millisekunden der Panik sahen wir allerdings, dass sich neben dem geschlossenen Fenster eine Klingel befand. Etwas genervt wurde auch geöffnet (Wie können wir nur unser Gepäck zurück verlangen?) und wir bekamen unsere Rucksäcke zurück.

Wir versorgten uns noch mit Piroggen und Bier, liegen jetzt bereits bequem in unseren Betten und sind auf dem Weg nach Sankt Petersburg. Was bleibt von Moskau in Erinnerung?

Genauestens abgetrennte Wege

Genauestens abgetrennte Wege

  • Es ist eine tolle Stadt, die man auf jeden Fall mal gesehen haben sollte. Kreml, Roter Platz und so weiter sind ein Muss für jeden Weltreisenden.
  • Gegen die Metrostationen und Bahnhöfe in Moskau können alle deutschen Gegenstücke einpacken.
  • Die Frauen hier sehen entweder aus wie Models mit Magersucht auf 20-Zentimeter-Absätzen oder wie frisch aus den 90er Jahren importiert.
  • Weiß ist das neue Schwarz, zumindest was die Autofarbe angeht. Hier fahren viele Protzkarren mit getönten Scheiben durch die Gegend und die meisten davon sind weiß. An unserem ersten Tag haben wir einen weißen Porsche mit der Aufschrift „I love my job“ gesehen.
  • Alle Wege sind hier genau abgesteckt. Es kann nicht passieren, dass man versehentlich ineinander läuft, da genau geregelt ist, auf welcher Seite in welche Richtung gelaufen wird. In der Metro sind die Richtungen sogar durch Zäune abgetrennt, an den Fußgängerampeln durch Streifen und Pfeile auf dem Boden markiert.

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