Tag 4: Russland calling

25. Juli 2017. Kaliningrad, Russland.

Der Morgen nach der ersten Nacht im Zelt. Wir sind nicht erfroren. Niemand hat uns ausgeraubt. Das Auto steht noch mit allen vier Rädern an seinem Platz. Das Zelt hält dicht. Der Rücken lässt sich fast problemlos in alle Richtungen bewegen. Es war ein voller Erfolg.

Ort des Geschehens: Zelt 4

Das Duschen ist geprägt vom Motto „Augen zu und durch.“ und hätte es Druck auf der Leitung gegeben, wäre ich doppelt so schnell fertig geworden. Statt Druck bietet das Waschhaus einen ganz speziellen Service: die am einfachsten zu bedienende Armatur der Welt. Sie besteht aus nur einem Knopf, der das Wasser für etwa 15 Sekunden laufen lässt. Super, da muss man sich nicht von so Nebensächlichkeiten wie der Temperatur ablenken lassen.

Das Frühstück ist famos und hätte sich nur noch durch das Vorhandensein eines Tisches toppen lassen. Was wir nur mit Klappstühlen lösen, lösen unsere Nachbarn, die offenbar ganz ohne Sitzgelegenheiten unterwegs sind, mit einer Tischdecke auf der Motorhaube und einem gemütlichen Frühstück im Stehen. Dobry apetyt.

Finanzieller Engpass in Gdynia

Nachdem unser Hotelzimmer im Kofferraum verstaut und die Reste vom Frühstück im Kühlschrank untergekommen sind, geht es wieder auf die Straße. Luftlinie nach Gdynia sind wohl nur 20 Kilometer. Weil unser Škoda aber nicht fliegen kann und wir die Halbinsel Hel auf dem Landweg verlassen müssen, sind wir erst nach zwei Stunden dort.

Unsere letzten Bargeldreserven belaufen sich auf etwas mehr als vier Złoty (ca. ein Euro). Und weil uns die Geldautomaten aus irgendeinem Grund keinen kleineren Betrag als 400 Złoty (95 Euro) auszahlen wollen, denken wir nicht daran, diese aufzustocken. Wir wollen Polen heute ja sowieso verlassen.

Daher kommt es also dazu, dass wir das gesamte verbliebene Geld in den Parkautomaten stecken und nun etwa eine Stunde Zeit für Gdynia haben. Da wir in der Nähe des Hafens parken, steht das Ziel dieses Ausflugs relativ schnell fest.

Gdynia ist eine Hafenstadt und daher mehr von Kränen denn von Natur geprägt. An der Promenade steht ein Seefahrerdenkmal aus einer anderen Episode der polnischen Geschichte, das Aquarium hat – zumindest äußerlich – schon bessere Tage gesehen, der Rummel ist weniger als mäßig besucht und der graue Himmel trägt seinen Teil zur Atmosphäre bei. In Czołpino hat die Ostsee gestern einen freundlicheren Eindruck hinterlassen. Aber wer alles sehen will, muss auch damit leben, wenn er mal etwas nicht so schön findet.

Am Hafen von Gdynia

Erinnerungen – kann bei Desinteresse übersprungen werden

Kurz vor Ablauf der Parkdauer geht es weiter. Der Weg führt uns durch Sopot und Danzig, vor dessen Hauptbahnhof wir in einen dicken Stau geraten. Zeit für Erinnerungen an unseren ersten Danzig-Besuch. 2010 war dies der Ausgangspunkt unserer ersten größeren Reise nach Split in Kroatien. Damals war das neue Stadion für die Europameisterschaft 2012 noch im Bau. Und Warschau, wohin wir von hier aus gereist sind, wurde kurz vorher von einem schlimmen Hochwasser heimgesucht. Zeitgleich lief die WM in Südafrika und wir sahen am Ende das Halbfinale Deutschland gegen Spanien beim Public Viewing in Split mit einer Gruppe Spanierinnen, die vollkommen durchdrehten. Den Ohrwurm ihres Evergreens „Yo soy Española, Española, Española.“ habe ich heute noch regelmäßig, wenn Spanien spielt. Die Zeit rennt. Wir sollten alle zusehen, dass wir nicht am Rand stehen bleiben.

Dorf und Backstein

Die nächste Stunde fahren wir wie so oft dieser Tage durch die schönste Dorfidylle, über Landstraßen mit etwa anderthalb Spuren und müssen ein ums andere Mal aufpassen, kein Huhn oder Kaninchen zu überfahren. Das Leben hier mitten im Nichts kann sicherlich langweilig ohne Ende sein, vor allem wenn der Bus nur einmal am Tag kommt. Dennoch wirken die Menschen hier ein bisschen entspannter, das Leben ein bisschen langsamer und die Welt ein bisschen heiler.

Später erreichen wir Malbork, wo mit der Marienburg der größte Backsteinbau Europas zu finden ist. Wir halten kurz an, bestaunen das Panorama und laufen ein wenig an der Burg entlang. Weil man für die Besichtigung mindestens einen Nachmittag einplanen müsste und wir auf jeden Fall noch heute nach Kaliningrad wollen, fahren wir nach kurzem Aufenthalt weiter.

Die Marienburg

Frombork – letzter Halt in Polen

Anderthalb Stunden später erreichen wir Frombork, unseren letzten Halt in Polen. Frombork ist eine kleine Stadt im Osten des Landes, sehr angenehm, weil nicht aufdringlich, verfügt über einen kleinen Hafen am Frischen Haff und beheimatet mit dem Frauenburger Dom zudem den Ort, an dem mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent Nikolaus Kopernikus beerdigt wurde.

Und weil man auf die letzten drei Prozent pfeift, feiert man seinen Astronomen aus dem 16. Jahrhundert mit einer riesigen Statue vor dem Dom, mit der Darstellung des Heliozentrischen Sonnensystems, das auf seinen Mist gewachsen ist, am verlassenen Bahnhofsgebäude und mit einer langen Kopernikusstraße, in der sich trotz intensiver Suche kein Stadion finden lässt.

Frauenburger Dom und Kopernikus

Gesichtskontrolle

Weil unsere persönliche Navigatorin die Anweisung erhalten hat, unsere Routen ohne Autobahnen zu berechnen, werden wir anschließend auf einen Waldweg geführt, in dessen weiteren Verlauf wir uns wahrscheinlich des illegalen Grenzübertritts nach Russland schuldig gemacht hätten. Weil wir darauf heute ausnahmsweise keine Lust haben, entscheiden wir uns für den Weg des geringsten Widerstandes und begeben uns zum Grenzübergang an der Autobahn. Dort ist vor allem auch die Chance am größesten, die auszufüllenden Dokumente in lateinischer Schrift zu erhalten oder wenigstens auf jemanden zu treffen, mit dem wir eine gemeinsame Sprache sprechen.

Nach etwas über einer Stunde, überraschend wenigen auszufüllenden Formularen und viel mehr deutschen Kennzeichen als erwartet, dürfen wir in die russische Exklave Kaliningrad einreisen. Hinter der Grenze erwartet uns eine scheinbar endlos lange Straße ohne Kurven, ein einziger (polnischer) Radiosender und schließlich der Traum einer sowjetischen Skyline vor dem Sonnenuntergang. Wir haben die Stadt Kaliningrad erreicht.

Skyline an schmutziger Scheibe

Endlich in Russland

Wir tauchen in die Skyline ein und finden uns inmitten einer Plattenbausiedlung auf der Kommunisticheskaya Ulica wieder, die ein bisschen wie ein postsowjetisches Freiluftmuseum wirkt: Kopfsteinpflaster, Häuser, die scheinbar nur durch Fensterkitt und guten Willen zusammen gehalten werden, Menschen in Jogginganzügen, ein paar Kioske und Oberleitungen für Trolley-Busse.

Das am Vortrag gebuchte Hotel finden wir ohne Schwierigkeiten und liegen schließlich, die Beine von uns gestreckt, auf dem Bett und fragen uns, ob unser Zelt oder diese Wände schalldichter sind.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 1.710 km
  • Heute: 326 km
  • Streckenverlauf: Hel – Gdynia – Malbork – Frombork – Kaliningrad
  • Länder: Polen, Russland

      Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

      Schreibe einen Kommentar

      Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.