Tag 5: Kaliningrad – Ostseestadion und Plattenbauten

26. Juli 2017. Kaliningrad, Russland.

Kaliningrad hat 430.000 Einwohner und läuft man durch die Stadt, fällt es schwer, zu glauben, dass ein einziger davon nicht in einem Plattenbau wohnt. Überall, wo wir hinschauen, stehen diese Ungeheuer in allen Ausführungen: Groß – riesig, hellgrau – dunkelgrau, achtgeschossige – achtzehngeschossig, klassisch eckig – modern eckig, baufällig – sehr baufällig. Nichts scheint unmöglich.

Unser erster Weg durch die Betonwüste führt uns zum Königsberger Dom, dem letzten erhaltenen mittelalterlichen Gebäude der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg schweren Luftangriffen ausgesetzt war. An der Außenseite der Kirche ist das Grab von Immanuel Kant zu finden. Weil Kant fast sein ganzes Leben im damaligen Königsberg verbrachte, wurde er hier auch beigesetzt. Und weil niemand seine letzte Ruhestätte (großartig) verlegt hat, ist sie heute noch dort zu finden.

Königsberger Dom

Liebe auf Russisch

Bevor wir allerdings am Dom ankommen, laufen wir nahe der „Fischerdorf“ genannten Promenade voller Fachwerkhäuser über die Honigbrücke, an der Verliebte – genauso originell wie überall auf der Welt – Schlösser anbringen und den Schlüssel in den darunter gelegenen Fluss werfen. Ewige Liebe und so.

Der einzige Unterschied zwischen den Russen und dem Rest der Welt besteht in der Art der Schlösser. Die einen bevorzugen sie kompakt mit einer filigranen Inschrift, die Namen und Jahrestag der Liebenden trägt. Die anderen mögen sie eher groß, schwer und unverwüstlich. Namen und Daten sind Nebensache und können zur Not auch händisch und ein bisschen schief eingeritzt werden. Und wem ein einfaches Vorhängeschloss zu albern ist, der bringt halt eine Namensplakette an. Da muss man sich auch nicht zieren oder zurück halten. Große Verliebtheit sollte auch groß präsentiert werden.

Große Liebe darf wohl auch mal rosten

Königsberger Dom

Am Dom angekommen, steht uns heute Morgen noch nicht der Sinn nach Kirchenbesichtigung, und deshalb holen wir uns einen Kaffee und gehen im angeschlossenen Kneiphof spazieren. Die gesamte Anlage befindet sich auf einer kleinen, grünen Insel mit vielen Bänken und einigen Statuen, das Panorama an der Pregel geht vom Motiv „Plattenbau“ zu „Industriehafen“ über. Es ist alles sehr romantisch.

Romantik an der Pregel

Über eine Treppe, für deren Aufstieg man sehr viel Vertrauen in die hiesige Ingenieurskunst benötigt, gelangen wir auf den Leninskiy Prospekt und finden uns plötzlich mitten in der Stadt auf einer vierspurigen Straße wieder.

Haus der Räte

Von hier oben erhaschen wir einen letzten Blick auf den Dom und einen ersten auf ein Gebäude, das die Kaliningrader Skyline prägt wie kein anderes: das Haus der Räte, auch „Haus der Sowjets“ genannt. An der Stelle, an der heute dieses Bauwerk in die Höhe ragt, befand sich früher der Burggraben des Königsberger Schlosses, das während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört und dessen Überreste 1968 als „fauler Zahn preußischen Militarismus'“ schließlich mit viel Symbolkraft gesprengt wurden. Möglicherweise ist dabei auch versehentlich das Bernsteinzimmer vernichtet worden. Irgendwas ist ja immer.

Zuerst vollkommen unbemerkt hat sich dabei der Untergrund gelockert, was man dann schließlich doch feststellte als der Rohbau mit seinen stolzen 16 Stockwerken abzusacken begann. Man unterbrach die Bauarbeiten daraufhin erstmal vorsorglich, weil eine Behebung der Schäden das Budget so deutlich überstieg, dass man es auch nicht mehr schön rechnen konnte. Alle Versuche, einen Investor zu finden, scheiterten bisher und so steht das Haus nun verlassen in der Gegend herum und wartet sehnlichst auf seinen Abriss. Und alle Kaliningrader warten mit.

Das Haus der Räte von seiner Schokoladenseite

Wir lassen das Haus der Räte hinter uns und folgen trotz des einsetzenden Nieselregens dem Schlossteich in Richtung Norden. Am Bernsteinmuseum, das wir auslassen, weil wir uns in Puschkin noch die Nachbildung des Bernsteinzimmers anschauen werden, wollen wir einen Blick auf den Oberteich werfen, der uns leider durch eine Wand aus Nieselregen versperrt wird. Davon lassen wir uns aber nicht die Laune verderben, denn eigentlich wollen wir ja sowieso lieber zur Christ-Erlöser-Kathedrale. Gibt es in Russland eigentlich eine Großstadt, in der kein Bauwerk dieses Namens steht?

Wenn Kindergartenkinder das Sagen haben

Weil es immer interessant ist, über einen Markt zu laufen, dieser hier sowieso auf dem Weg liegt und teilweise überdacht ist, was bei der derzeitigen Wetterlage eine sehr willkommene Abwechslung darstellt, müssen wir nicht lange überlegen, ob wir kurz rechts abbiegen wollen. Außerdem lockt ein Schild am Eingang, das in die Mir Modiy, also die Welt der Mode, einlädt. Und weil ich keine Worte habe, dieses exklusive Einkaufserlebnis angemessen zu beschreiben, möchte ich an dieser Stelle ein Bild sprechen lassen.

Herzlich willkommen in der Welt der Mode

Nachdem Russland 2014 die Halbinsel Krim annektiert hat, wurden von der EU Sanktionen gegen einige einflussreiche Russen verhängt und wirtschaftliche Hürden aufgebaut. Als Reaktion darauf hat Russland den Import europäischer Lebensmittel gestoppt und begonnen, die Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern aus anderen Teilen der Welt zu intensivieren. („Wenn du nicht mehr mit mir spielen willst, such ich mir eben andere Freunde. Bäh!“) Welche Folgen dieser Kindergartenzirkus im echten Leben für die Exklave Kaliningrad hat, die 1.100 Kilometer von Moskau entfernt liegt und nur von EU-Staaten umgeben ist, bekommen wir in der Obst- und Gemüsehalle zu sehen.

In den Auslagen sind die Auberginen schrumplig, die Paprika schimmlig oder an faulen Stellen bereits beschnitten, nur Kartoffeln und Zwiebeln führt jeder Stand, Obst scheint teuer, weil wenig gekauft. Melonen hingegen gibt es in allen Größen und Farben, denn die werden in großem Stil in Usbekistan angebaut. Ob Fleisch nicht im Angebot ist, weil es woanders verkauft wird oder zu teuer ist, finden wir nicht heraus. Für Kaliningrad ist das alles dennoch sehr unerfreulich. 

Pause

Weil es mittlerweile ziemlich stark regnet und sich Hunger breit macht, legen wir in einem Restaurant am Siegesplatz eine Pause ein. Denn es muss ja immer noch die Kernfrage des Tages beantwortet werden: Schmecken Königsberger Klopse in Königsberg anders als bei Muddi? Die Antwort: Keine Ahnung. Denn enttäuscht müssen wir feststellen, dass Königsberger Klopse hier offenbar kein Standardgericht sind. Satt werden wir glücklicherweise dennoch.

Anschließend wollen wir wirklich die Christ-Erlöser-Kathedrale besichtigen, müssen aber feststellen, dass diese geschlossen ist. Mit ihren goldenen Kuppeln hinter dem Friedensplatz stehend weiß sie dennoch zu beeindrucken, auch wenn sie hier nicht mal halb so opulent wirkt wie ihre große Schwester in Moskau.

Christ-Erlöser-Kathedrale

Weil es nun immer stärker regnet und Schuhe und Jacken trotz Regenschirms durch sind, wollen wir uns schnell unsere Karten für das eigentliche Highlight des Tages besorgen und die Wartezeit in einem Restaurant in der Nähe verbringen. Ersteres ist schnell erledigt, weil an den Kassen unverständlicherweise niemand ansteht.

Für letzteres suchen wir eine Weile nach einer Lokalität, finden zunächst eine, die aber ausfällt, weil sie auf der anderen Straßenseite gelegen ist, die wir nicht erreichen könnten, ohne knietief durch eine Pfütze zu waten. Schließlich stehen wir vor einen Laden namens „Parmesan“, der zwar etwas gehobener aussieht, aber nach einem Käse benannt ist, also so schlecht nicht sein kann.

Baltika

Ein paar Gläser Wein und eine Käseplatte später ist der Höhepunkt des Tages dann wirklich gekommen: im Ostseestadion, oder wie man in Russland sagt, Stadion Baltika, empfängt heute Abend der FK Baltika Kaliningrad den Gegner aus Tambow zum 4. Spieltag der zweiten Liga.

Das Stadion Baltika jeden verfügt über einen standesgemäßen Eingangsbereich mit Springbrunnen und Säulentor. Der Innenraum bietet Platz für 14.500 Personen und zwei Verkaufszelte – eins für Kaffee und Piroggen, das andere für Fanartikel. Es gibt eine überdachte und zwei unüberdachte Tribünen, auf der Gegentribüne steht groß und weiß auf blau der Name von Stadion und Verein: Baltika.

Angemessener Eingangsbereich für ein Ostseestadion

Der Eintritt für einen Sitzplatz unter dem Dach beträgt 200 Rubel, also umgerechnet 2,85 Euro. Zum Vergleich: die Oberliga Hamburg kostet 6 Euro und weder Sitzplatz noch Dach sind hier die Regel.

Die Haupttribüne ist sehr gut gefüllt, auf der Gegentribüne harren einige Unerschütterliche mit Regenschirm oder -cape aus und ganz allein hinter dem Tor stehen ein paar Ultras mit Fahnen und Banner. Gästefans sind nicht zu finden und hier sicherlich auch eher die Ausnahme. Vor allem an einem Mittwoch.

Haupttribüne

Kaliningrad liegt 500 Kilometer vom Kernland entfernt, Tambow etwa 1.700 Kilometer von Kaliningrad. Um die Dimension mal deutlich zu machen: das ist als hätte Hansa ein Auswärtsspiel in Rom. Das wäre durchaus mal wünschenswert, in der Regel aber logistisch schon problematisch. Und vor allem teuer.

Baltika hatte in dieser Saison schon Auswärtsspiele im 3.400 Kilometer entfernten Tjumen und im 2.700 Kilometer entfernten Orenburg. Der letzte Gast von Sibir Nowosibirsk musste bei der Anreise 4.600 Kilometer zurücklegen – bei der Abreise natürlich nochmal ebensoviele. Und was sollen die Mannen von Lutsch Wladiwostok erst sagen, die über 10.000 Kilometer entfernt in derselben Liga kicken? Tambow als quasi direkter Nachbar kann sich also wirklich nicht beschweren. Dass an der Ergebnistafel am Eingang das Symbol für Auswärtsspiele ein Flugzeug ist, versteht sich von selbst.

Zwei Siege, ein Unentschieden zum Saisonauftakt

Endlich Fußball

Baltika geht nach drei Minuten in Führung und erhöht vor der Pause auf 2:0. Das Publikum ist positiv gestimmt und von jeder Tribüne gehen dann und wann Gesänge aus, die mal in Wechselgesängen enden und mal nicht. Jeder macht das mit, worauf er Lust hat. Hin und wieder ist ein derber Spruch zu vernehmen, der vor allem von den Männern anzüglich belacht wird. Ohne ernsthaft Russisch zu sprechen, wissen wir ziemlich genau, was man so redet.. Fußball verbindet eben.

Baltika

In der Halbzeitpause steht dann der große Auftritt von zwei Personen an: der Platzwart und dem Platzwart seine Frau drehen ihre Runde. Weil die Linien unter dem Dauerregen mittlerweile ausgewaschen sind, ist es dringend nötig, diese nachzuziehen. Er ist mit seinem Wagen, Baujahr 1978, im Einsatz. Sie mit Eimer und Stabpinsel für die kritischen Stellen. Beide mit Gummistiefeln im Partnerlook. Ein eingespieltes Team. Wahrscheinlich auch seit 1978.

In der zweiten Hälfte erhöht Baltika auf 3:0 und die Menge dreht durch. Es werden einige nicht ganz wellenförmige Wellen gestartet, gejubelt, man singt ein Lied, in dem das Wort „Champions“ vorkommt. Wenn’s läuft, drehn se durch…

Nach dem Spiel laufen wir die verbleibenden drei Kilometer zum Hotel, um die durchgeweichten Schuhe schon mal anzutrocknen. Auf dem Weg passieren wir die „Gedenkstätte für die 1.200 Gardisten“, unter der sich ein Massengrab befindet und eine ewige Flamme brennt, und das Brandenburger Tor am Hauptbahnhof. Am Hotel angekommen, sehen wir, dass unser Auto noch da ist und wahrscheinlich auch noch ein paar Räder hat, was uns optimistisch für unseren morgigen Weg nach Litauen stimmt.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 1.722 km
  • Heute: 12 km (im Kreis)
  • Streckenverlauf: Kaliningrad
  • Länder: Russland
  • Tore: 3

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

2 Gedanken zu „Tag 5: Kaliningrad – Ostseestadion und Plattenbauten

    • Das stimmt. Es war dort eigentlich nur laut wegen der Nachbarn, die sich durch die Wände anhörten, als würden sie auf unserer Bettkante sitzen. 😉

      Danke auch für Ihren Kommentar auf turus.net.

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