Tag 5: (Olympiakos Piräus – Juventus Turin)²

22. Oktober 2014. Piräus, Griechenland.

Jeder hat doch ein Ziel im Leben, von dem er selbst sagt: „Das wollte ich immer schon mal machen, aber ich habe mich noch nie getraut.“. Nun, so was haben wir auch. Unser Ziel heißt: Wir wollten immer schon mal an einem Flughafen an unserem Abfluggate sitzen, das Boarding beobachten und so lange abwarten bis die Boardingbeauftragten in Stress verfallen und wir namentlich ausgerufen werden. Wir haben es uns nur noch nie getraut.

Heute war es leider auch noch nicht so weit, auch wenn wir schon nah dran waren und einen anständigen Auftritt hingelegt haben. Wir waren sehr lange vor Abflug am Flughafen von Larnaca, weil wir unseren Mietwagen zurückgeben mussten und lieber etwas mehr Zeit eingeplant haben. Wir bewegten uns dann zu dem, was wir für unser Abfluggate hielten, und ließen uns dort nieder, hörten ein Hörbuch und warteten darauf, dass es endlich losging mit dem Boarding.

Eine Viertelstunde vor Abflug war es an unserem Gate noch viel zu leer und davon, dass hier bald ein Flugzeug nach Athen abfliegen sollte, war auch noch nichts zu erahnen. Ich bequemte mich daraufhin einmal hoch und warf einen Blick auf die Abflugtafel. Dort stand, dass unser Flug von Gate A26 gehen würde, wir aber befanden uns an Gate A29. Da muss sich wohl irgendjemand vertan haben als er felsenfest davon überzeugt war, dass wir bei A29 richtig wären.

Aber das war nicht weiter schlimm. Unser richtiges Gate war in Sichtweite und weil es ja noch eine Viertelstunde bis zum Abflug war, besorgten wir uns noch einen Kaffee am Kiosk gegenüber. Wir wurden zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht namentlich ausgerufen, aber die Stimme aus dem Lautsprecher klang schon arg gestresst, als sie alle Passagiere unseres Fluges aufforderte, sich unverzüglich zu Gate A26 zu bewegen.

Als wir dann gemütlich mit unserem Kaffee angeschlendert kamen, meinte ich, einen Hauch von persönlicher Abneigung in dem Blick der Flughafenangestellten zu sehen, die unsere Boardingpässe scannte. Nachdem wir durch waren, wurde das Boarding geschlossen und wir konnten uns auf den Weg zu den letzten beiden freien Plätzen machen. Diese befanden sich fast am Ende des Flugzeugs auf zwei Mittelsitzen, sodass wir nicht nur die Flughafenangestellten mit unserem Kaffee und unserer Ruhe stressen konnten, sondern auch ein paar unserer Sitznachbarn. Super. So kann ein Tag doch beginnen.

Der Flug verlief dann für alle Beteiligten entspannt. Nachdem wir in Athen gelandet waren und außerordentlich schnell unseren Bus nach Piräus gefunden hatten, fuhr dieser außerordentlich kurz vor unserer Nase ab und so hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit, uns am Flughafen ein wenig umzusehen.

Ein paar Juve-Fans, die ebenfalls gerade in Athen angekommen waren, liefen in kleinen Gruppen über den Flughafen. Diese wurden von den hier abgestellten Polizisten dezent gebeten, ihre Fanartikel –Schals, Trikots usw. – nicht so offensichtlich zu Schau zu stellen. Warum, war nicht klar, denn es waren weit und breit keine Olympiakos-Fans zu sehen, die vorhatten, Stress zu machen.

Den nächsten Bus nach Piräus nahmen wir dann aber und stoppten die Fahrtzeit, damit wir entscheiden konnten, mit welchem Bus wir morgen früh wieder zum Flughafen aufbrechen müssten. Wir fuhren eine Stunde, was bedeutet, dass der 5:30 Uhr-Bus unserer sein würde. Deswegen war der Flug nach Thessaloniki also so billig.

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Wir sind ein bisschen durch Piräus geirrt und konnten nach einiger Zeit auch tatsächlich unser Hotel finden. Unsere Eintrittskarten für heute Abend waren noch nicht für uns hinterlegt worden, was uns ein wenig beunruhigte. Bevor wir dem aber nachgehen konnten, mussten wir uns erstmal hinlegen und ein paar Stunden Schlaf nachholen. Danach würden wir schließlich immer noch Zeit haben, uns um die Eintrittskarten zu kümmern.

Das Klingeln des Telefons auf unserem Zimmer riss uns aus unserem wohlverdienten Mittagsschlaf, was aber in Ordnung war, denn am anderen Ende war die Dame von der Rezeption, die uns mitteilte, dass unsere Tickets abgegeben worden waren. Sehr schön. Manche Probleme lösen sich im Schlaf von selbst.

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Daraufhin machten wir uns dann auf den Weg. Zuerst stärkten wir uns in einem kleinen Lokal am Hafen von Piräus, dessen Umfeld einer üblen Bahnhofsgegend starke Konkurrenz machen kann. Von dort fuhren wir mit der Metro zwei Stationen nach Moschato und mussten von dort noch ein wenig zu unserem ersten Tagesprogrammpunkt laufen: der UEFA Youth League. Das ist eine neu eingeführte Jugendliga auf europäischer Ebene. Hier spielen die U19-Mannschaften der Vereine gegeneinander, die für die Champions League-Endrunde qualifiziert sind. Und zwar vollkommen unabhängig davon, wie diese Mannschaften in Ihren Ligen daheim dastehen. Das macht natürlich Sinn.

Dementsprechend waren wir also auf dem Weg zum Spiel Olympiakos Piräus gegen Juventus Turin, A-Jugend. Der Weg von der Metro zum Platz war zwei Kilometer lang, was uns aber nicht weiter störte, weil wir dann noch ein wenig von Piräus zu sehen bekommen sollten. Und was wir alles sahen. Unsere Route führte nämlich geradewegs durch ein Gewerbegebiet vom Allerfeinsten. Alte, heruntergekommene und teilweise verlassene Lagerhallen und Fabrikgebäude, überall streunende Hunde, Leute, denen man nicht nachts allein im Dunkeln begegnen wollte. Mit anderen Worten: eine 1A-Kulisse für einen schlechten Horrorfilm.

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Hinter den Bahngleisen, die das Ende des Gewerbegebiets markierten, liefen wir am Stadion Gipedo Tavrou „Spyros Gialabidis“ vorbei, in dem der Verein APO Fostiras Zuhause ist. Der Verein spielt in der Football League Süd, der zweiten Liga Griechenlands. Wir warfen einen Blick in das Stadion, wo aber nichts spannendes passierte, weshalb wir weiter liefen, in der Hoffnung, demnächst am richtigen Platz anzukommen.

DSC04650Nach ein paar Minuten erreichten wir auch tatsächlich ein Jugend-Trainingszentrum von Olympiakos, wo das Spiel allem Anschein nach stattfinden sollte. Der Mannschaftsbus von Olympiakos stand jedenfalls bereit und am Eingang erwartete uns ein Ordner, der nicht ganz einordnen konnte, warum da jetzt Leute kamen, die ihn auf Englisch fragten, wo sie denn Eintrittskarten bekämen oder ob sie umsonst hinein kämen.

In einem Pförtnerhäuschen am Eingang saß jemand, der uns mit Tickets ausstattete, die uns nichts kosteten und auch einen aufgedruckten Preis von 0,00 Euro auswiesen. Damit der nächste Ordner am Eingang des Stadions nicht ebenso durch unsere Anwesenheit verwirrt wurde wie der erste, begleitete uns der Typ aus dem Pförtnerhäuschen. Unterwegs fragte er uns, was wir hier eigentlich wollten, ob wir jemanden kannten. Als wir antworteten, dass wir das Hauptspiel am Abend besuchen würden und hier einfach interessehalber vorbeischauen wollten, hielt er uns wohl für ein wenig abgedreht.

Dem Ordner am Eingang sagte er, dass es okay wäre, uns hinein zu lassen, und so durften wir auf die einzige Tribüne, die an der Seitenlinie stand und schon ganz gut gefüllt war. Dort saßen hauptsächlich Spielereltern und jüngere Mannschaften von Olympiakos, die allesamt in ihren weißen Präsentationsanzügen angetreten waren. Auf Höhe der Mittellinie war ein Teil für Offizielle von Verein und UEFA abgesperrt, wo sich auch einige Leute in Anzügen aufhielten und wichtig fühlten.

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Die Spieler liefen zusammen mit den Schiedsrichtern auf und spulten genau das Programm ab, das es bei den Profispielen auch zu sehen gibt: Handshake, Wimpel übergeben, gemeinsames Gruppenfoto mit allen Spielern und Schiedsrichtern. Es war den Jungs anzumerken, dass sie die ganze Show ein wenig verwirrend fanden und eigentlich nur Fußball spielen wollten.

Das durften sie dann auch endlich. Olympiakos ging sehr schnell in Führung und es sah aus als würden sie die Italiener innerhalb kürzester Zeit an die Wand spielen. Durch etwas Pech im Anschluss und ein wenig Nachlassen in der Vorwärtsbewegung konnte die Führung allerdings nicht ausgebaut werden. Juve glich kurz nach der Halbzeit aus, das 1:1 sollte schließlich auch das Endergebnis werden.

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Von den Rängen gibt es nicht viel zu berichten. Ein paar Eltern feuerten ihre Jungs an, viele Kinder liefen ununterbrochen die Tribüne auf und ab und interessierten sich relativ wenig für das Spiel, das Stimmungspublikum beider Vereine war nicht hier anzutreffen, sondern bereits am Karaiskakis-Stadion und wir machten uns zwanzig Minuten vor Spielende ebenfalls auf den Weg dorthin.

Auf Google Maps hatten wir gesehen, dass sich in der Nähe eine große Straße befand und so beschlossen wir, dass wir uns dort ein Taxi suchen würden. An der Straße angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um eine Autobahn handelte, an der wir sicher große Probleme hätten, ein Auto anzuhalten.

An einer Abfahrt hatten wir dennoch nach ein paar Fehlversuchen Glück und fanden ein freies Taxi. Leider hatte dessen Fahrer keinen Plan, wie er nun genau Richtung Stadion kam und so drehten wir ein paar Runden an der Autobahnauffahrt. Mittlerweile war es fast 21:00 Uhr. Anpfiff war um 21:45 Uhr. Die Zeit wurde knapp, eigentlich war es auch schon viel zu spät.

Als wir dann in der richtigen Richtung unterwegs waren, gerieten wir direkt in einen Stau, der sich bis zum Stadion hinziehen sollte, weil wir anscheinend nicht die einzigen Leute in der Stadt waren, die dieses Spiel sehen wollten. Verdammt. Wir stiegen dann irgendwo in Stadionnähe an einer roten Ampel aus und fanden uns in einer Seitenstraße wieder, die vollkommen mit Mopeds zugeparkt war und direkt zum Stadion führte.

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Im Sommer 2011 waren wir bereits einmal in Athen und machten von dort einen Abstecher zum Karaikakis-Stadion, das wir damals als großen, herzlosen Betonklotz empfunden und den Stempel „Austauschbar gegen jedes andere große Stadion in Europa“ gegeben hatten. Damals waren wir mitten in der Sommerpause vor Ort, also zu einem Zeitpunkt, an dem jedes Stadion trostlos wirkt.

Dieses Urteil müssen wir heute revidieren, denn das Karaikakis-Stadion zu Piräus ist während der Saison, wenn vor dem Spiel Tausende von Leuten unterwegs sind, ein wunderbarer Ort. Zwar sind in das Stadion unter die Tribünen einige Läden und Cafés gebaut worden, das eigentliche Leben spielt sich aber drumherum ab. Die Leute tümmeln sich an den vielen kleinen Ständen, die aus Tischen und Grills bestehen und wo Mutti am Vortag noch das Fleisch selbst einzulegen scheint.

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Es gab überwiegend Bratwurst und Kebab, die Zutaten lagen frisch auf den Tischen und die Gerichte wurden nach Kundenwunsch zusammengestellt. Eine sehr angenehme Abwechslung zu den modernen standardisierten Fressbuden, die wir am Vortag in Nikosia gesehen hatten und hier ebenfalls erwartet hätten.

Trotz der wunderbaren Betriebsamkeit vor dem Stadion, machten wir uns auf den Weg zu unseren Plätzen, um noch wenigstens ein kleines bisschen der Atmosphäre vor dem Spiel einfangen zu können. Unsere Plätze befanden sich in der Ecke unter dem Dach gegenüber der Hintertortribüne um die Szene von Gate 7, sodass wir einen wunderbaren Blick auf das Spielfeld, die Tribünen und alles hatten, was es zu sehen gab.

Das Karaiskakis-Stadion konnte nun nicht nur von außen, sondern auch von innen gefallen. Die Tribünen waren rund um das Spielfeld angeordnet, sodass es keine echten Eckblöcke gab. Außerdem waren sie relativ flach und daher weitläufig. Leider gab es keine Flutlichtmasten, die einem Stadion immer das gewisse Etwas verleihen und einen Anziehungspunkt in der gesamten Umgebung deutlich machen. Aber man kann nicht alles haben.

DSC04693Während beim Einlaufen die Champions League-Hymne lief, gab es eine Choreografie über die gesamte Hintertortribüne mit einem aus den Vereinsfarben rot und weiß gestalteten Kreuz und einem Plakat mit dem Vereinslogo in der Mitte. Dieses wurde dann eingezogen und durch eine Fahne ersetzt. Als Spruchband stand unten über die gesamte Breite „Avanti Olympiakos“.

Im Gegensatz zum Vortag in Nikosia waren heute auch Gästefans anwesend. Es waren vielleicht 300, die es zwar immer wieder versuchten, gegen die Lautstärke des Stadions aber nicht den Hauch einer Chance hatten. Denn wenn das ganze Stadion dabei war – und das war bei jeder großen Chance – wurde es unglaublich laut. Hatte Olympiakos die Chance, stand das Stadion und feuerte lautstark an. Hatte Juve die Chance, wurde gepfiffen was das Zeug hielt. So laut hatten wir es lange nicht mehr in einem Stadion erlebt. Das war schon ganz großes Kino.

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Insgesamt war die Stimmung sehr emotional und alle Zuschauer fieberten intensiv und dramatisch mit dem Spielgeschehen mit. Hatte Juve einen Einwurf, standen die Leute in den Blöcken auf der Höhe des Einwurfs auf und pfiffen, traf der Schiedsrichter eine aus ihrer Sicht nicht korrekte Entscheidung, wurde ausgiebig und lautstark darüber geschimpft, lief Olympiakos auf das Tor zu, stand das ganze Stadion. Es war unglaublich mitreißend.

Der Schiedsrichter der Partie, Milorad Mažić, war übrigens jemand, den wir bereits kannten, denn er hatte das Derby am Wochenende zwischen Partizan und Roter Stern geleitet. Die Welt ist ein Dorf.

Olympiakos hatte in der ersten Halbzeit das 1:0 geschossen und war die überlegene Mannschaft. Juve war zwar nicht untätig, konnte aber lange nicht gefährlich werden. Erst kurz vor Schluss gab es mehrere brenzlig Szenen, die der Torwart von Olympiakos aber in Weltklassemanier vereiteln konnte. So wurde es zum Schluss noch einmal eng, aber insgesamt war der Sieg dennoch verdient.

Die Olympiakos-Fans, die zwar nicht besonders viele Gesänge in petto hatten, dafür aber unheimlich laut und emotional aufgetreten waren, feierten ihre Mannschaft und sich selbst nach Abpfiff zurecht gebührend für den Sieg. Wir verließen das Stadion relativ schnell, weil es bereits Mitternacht war und unser Bus um 5:30 Uhr sicher nicht auf uns warten würde.

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Auf dem Weg zurück zum Hotel versagte der Akku des Handys mit der Internetverbindung und dem GPS und wir standen plötzlich mitten in Piräus da, ohne zu wissen, wo wir waren oder wo wir hinmussten. Super. Nachdem wir einige Zeit vergeblich versucht hatten, eine Straße zu finden, die uns bekannt vorkam, sprach ich eine Frau an, ob sie wisse, wo die Straße mit dem Namen Notara liege.

Ziemlich souverän erklärte sie, wann wir wo abbiegen mussten und ließ keinen Zweifel daran, dass wir ankommen würden, wo wir wollten. Nachdem wir ihrer Wegbeschreibung gefolgt waren und weiterhin keine Ahnung hatten, wo wir waren, beschlich uns das Gefühl, dass die Frau ebenfalls keine Ahnung gehabt hatte. Super.

Nach ein paar genauso verzweifelten wie falschen Versuchen, eine Seitenstraße auszuprobieren, fanden wir einen Laden, den wir schon mal gesehen hatten, und konnten uns zu unserem Hotel durchschlagen. Danach hatten wir auch noch über vier Stunden Schlaf vor uns.

Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal bei der Person bedanken, die es möglich gemacht hat, dass wir dieses Spiel heute sehen konnten. Vielen Dank!

 

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