Tag 5: Prunk, Protz und Kabelsalat

8. Juni 2011. 12:13 Uhr. Im Zug von Bukarest, Rumänien nach Veliko Tarnovo, Bulgarien.

Nachdem wir in Brasov 30 Minuten zu spät losgefahren sind, erreichten wir Bukarest gestern zwei Minuten zu früh (!). Respekt!

Hotelreservierung rausgesucht…Scheiße, da stand 06. statt 07. Juni drauf. Wir hatten aber beide noch in Erinnerung, dass wir das Hotel Anfang des Jahres noch mal umgebucht hatten. Also erstmal Hotel suchen und das Beste hoffen. Da es auf dem Stadtplan nicht so weit aussah, machten wir uns zu Fuß auf den Weg.

Bahnhofsgegend

Bahnhofsgegend

Der erste Eindruck von Bukarest war kein guter. Der Bahnhof war noch ganz okay, aber das Drumherum war eine olle Wohngegend mit alten baufälligen Häusern und vielen kleinen schäbigen Läden. Alle Häuserwände waren beschmiert und es war sowieso viel zu heiß. Wir gingen an vielen kleinen schäbigen Hotels vorbei und ich war jedes Mal froh, nicht den Namen unseres Hotels daran zu lesen. Le Boutique Moxa. Klar, wir haben die Hotels vorher sorgfältig ausgewählt, aber im Internet kann der kleinste Schuppen ja aussehen wie ein großer Palast.

Dann haben wir schließlich unsere Unterkunft gefunden, die von außen schon vielversprechend aussah. Viele große Fenster, viele Fahnen, ein großer Eingangsbereich. So einen Nobelschuppen hatten wir nun nicht erwartet. Da kam gleich jemand, der uns unsere Koffer abnahm, die Angestellten trugen alle Uniformen und der ganze Eingangsbereich war schon echt stilvoll eingerichtet. Das mit der Reservierung und Umbuchung hat alles geklappt, es gab keinerlei Probleme. An der Rezeption war als Normalpreis für ein Doppelzimmer 210 Euro angeschlagen. Wir hingegen haben für unser Zimmer 59 Euro bezahlt…Schnapper!

Buchhandlung

Buchhandlung

Unser Zimmer war ziemlich klein und wir sind uns sicher, dass es sich ursprünglich um ein Einzelzimmer gehandelt hat. Es gab nur einen Zahnputzbecher, zwei Minischränke, die für zwei Personen zu klein waren und unsere beiden Betten haben auch nur mit Mühe Platz gefunden. Aber egal, wir wollten ja nicht schon wieder zu einem Ball laden.

Nachdem wir uns fertig gefreut hatten, ging es auch schon los, um die Stadt zu erkunden. Denis hatte sich im Vorfeld schon eine schöne Route überlegt, auf der wir alle Sehenswürdigkeiten mitnehmen konnten.

Der erste Eindruck von Bukarest war ja nicht der beste. Dafür konnte die Stadt aber im zweiten Versuch umso mehr glänzen. Die Innenstadt ist sehr offen und großzügig gebaut. Es gibt viele alte, sehr gut erhaltene Gebäude und an jeder Ecke gibt es was zu sehen. Da war der Gewerkschaftsstreik (?) vor einem Ministerium (?); die großen Polizeiwagen mit maskierten Polizisten, die Richtung Parlament eilten; viele alte Leute, die ebenso alte Bücher verkauften und vieles mehr.

Platz der Vereinigung

Platz der Vereinigung

Das Highlight war allerdings eindeutig das Parlament – ein riesengroßer Prunkbau auf einem Berg. Dorthin führte eine lange Allee (ca. ein Kilometer), an deren Anfang/Mitte (man weiß es nicht genau) eine riesige Springbrunnenlandschaft mit dem bürgerlichen Namen „Platz der Vereinigung“ angesiedelt war. Das war ein beeindruckendes Bild und viel protziger als wir es von Rumänien erwartet hätten. Hier spielt die Vergangenheit um Diktator Nicolae Ceaușescu in das moderne Stadtbild, der den Palast inklusive Auffahrtsstraße erbauen ließ.

Vom Springbrunnenplatz aus wollten wir mit der Metro zum Parcul Tineretului, einem Park fahren. Es ergaben sich allerdings zwei Probleme:

Erstes Problem: Wo ist der Eingang zur Metro? Laut Stadtplan befanden wir uns direkt über einer Metrostation. Nur leider war weit und breit kein großes M zu sehen. Nachdem wir dann einen Eingang auf der anderen Straßenseite gefunden hatten, hofften wir, auf unserer Seite auch einen zu entdecken. Fehlanzeige. Natürlich gab es auch keinen direkten Weg über die Straße. Bei einer sechsspurigen Einbahnstraße sollte man das ohne Ampel auch nicht versuchen. Also zur nächsten Kreuzung, drei Ampeln genommen und runter in die Station.

Zweites Problem: Welche Tickets brauchen wir und wo bekommen wir diese? Wir sind mit der Annahme in die Metrostation gegangen, dass Bukarest eine sehr große Stadt ist, in der es sicher Ticketautomaten gibt, die auch englisch sprechen können. Es gab zumindest Automaten, die auf Englisch wichtige Infos über die Metro gaben. Preisauskünfte waren allerdings nur auf Rumänisch zu erhalten. Also erstmal zum Ticketschalter. „Do you speak English?“ Kopfschütteln. Also haben wir improvisiert und erstmal die günstigsten Tickets gekauft, auf denen eine Zwei stand. Diese kosteten 3 Lei (0,75 Euro) pro Stück. Zuerst dachten wir, dass die Zwei bedeutet, dass man zwei Stationen damit zurück legen kann oder durch zwei Tarifzonen fährt. Auf der Fahrkarte selbst stand dann „2 Trips“…achso, zwei Fahrten, das ist ja günstig.

Denkmal für die Helden des Sozialismus

Denkmal für die Helden des Sozialismus

Wir sind dann eine Station zum großen Park gefahren, haben dort ein Eis gegessen und sind ein bisschen spazieren gegangen. Es war dort sehr nett, viel Grün, viele Leute, viele Blumen und ein See. Dann über die Straße und in den nächsten Park (Parcul Carol). Hier gab es schon etwas mehr zu sehen, z.B. ein großes Mausoleum, das als „Denkmal für die Helden des Sozialismus“ errichtet wurde. Dort standen ein paar alte Kanonen und ebenso alte Soldaten herum, es gab viele Nationalflaggen zu sehen und da waren viele Leute mit noch mehr kleinen Kindern. Ein kleiner Junge fuhr mit seinem Laufrad auf und ab und schrie ununterbrochen: „Atentie, Atentie!“.

Denis bemerkte bereits im ersten Park: „Hier gibt’s gar keine Jogger!“ Gab’s auch nicht. Denn wer hier was auf sich hält, geht nicht wie in Deutschland joggen, sondern läuft die große Treppe vor dem Mausoleum auf und ab. Insgesamt ist Bukarest eine sehr sportliche Stadt. Viele Leute waren mit dem Fahrrad oder auf Inline Skates unterwegs und fette Menschen haben wir in ganz Rumänien noch nicht gesehen. (Nur insgesamt zwei dicke Kinder.)

Bukarest

Bukarest

Nachdem wir uns im Park ein bisschen verlaufen hatten und dort wieder raus kamen, wo wir rein gegangen sind, nahmen wir unsere zweite Metrofahrt in Anspruch. Zum Triumphbogen, oder wie man in Rumänien sagt: „Arcul de Triumf“. Es riesiges Bauwerk mit einer großen rumänischen Flagge in der Mitte. Die rumänischen Nationalfarben (Blau-Gelb-Rot) sieht man hierzulande so häufig wie Schwarz-Rot-Gold nur zur WM. Und wo die rumänische Flagge hängt, ist meist die EU-Fahne nicht weit. Wir waren uns anfangs nicht sicher, ob Rumänien ein EU-Land ist – wegen der Grenzkontrollen bei der Einreise – unsere Zweifel verflogen aber schnell wieder.

Vom Triumphbogen aus führte uns ein etwa achtstündiger Fußmarsch zum Piata Victoriei. Das ist ein großer Platz, der von Wohnhäusern gesäumt ist, die ebenso große leuchtende Werbetafeln tragen. In Deutschland hätten sich schon Interessengruppen unter den Mietern gebildet, die ein Volksbegehren dagegen angeschoben hätten. Vom Piata Victoriei aus waren es dann nur noch zwei Stunden bis zum Hotel, wo erstmal ausgiebig geduscht und anschließend direkt ins Bett gefallen wurde. Der Weg von der Dusche zum Bett war nicht so weit, dass das nicht möglich gewesen wäre.

Dinamo-Stadion

Dinamo-Stadion

Heute Morgen zum Frühstück haben wir uns dann wie normale Menschen verkleidet (lange Hosen und Polos statt kurze Hose und Top), weil unser Hotel so ein Schikimikiladen war. Das Frühstück wurde dann sehr ausgedehnt und stilvoll auf der Ledercouch eingenommen. Danach fuhren wir mit dem Taxi zum Hauptbahnhof (5 Lei, 1,25 Euro), um unsere Koffer zwischenzulagern.

Anschließend machten wir uns auf zum Stadion vom FC Dinamo Bukarest. Entgegen unseres ersten Eindrucks, sind wir doch reingekommen. Ein Wachmann hat uns rein gewunken, als wir schon wieder gehen wollten. Es war ein sehr weitläufiges Gelände um eine schöne alte Schüssel mit Leichtathletikanlagen, wo gerade ein Jugendspiel in Gange war.

Dann fuhren wir zurück zum Bahnhof, wo wir für die Verpflegung auf unserer sechsstündigen Fahrt nach Veliko Tarnovo unsere letzten 9 Lei (2,25 Euro) auf den Kopp gekloppt haben. Der Zug, mit dem wir unterwegs sind, ist der erste auf unserer Reise, der nicht klimatisiert ist. Das Fenster in unserem Abteil ist offen, ebenso die Abteiltür und alle Fenster auf dem Gang. Man muss sagen, dass es hier viel angenehmer ist als in vielen „klimatisierten“ Zügen.

Zug nach Bulgarien

Zug nach Bulgarien

Auf dem Bahnhof in Bukarest haben wir übrigens den Engländer wieder getroffen, der uns mittlerweile grüßt und auch in diesem Zug sitzt, allerdings in dem Teil, der weiter nach Istanbul fährt. Wir sitzen in einem Achterabteil mit braunen „Ledersesseln“ und teilen es uns mit zwei alten Bulgaren (?).

Ein paar abschließende Worte zu Bukarest:

  • Ein bisschen Schikimiki ist diese Stadt schon. Viele Leute laufen im Anzug oder anders aufgetarkelt herum.
  • Bukarest tropft. An allen Ecken von allen Häusern tropft es, was wahrscheinlich mit den vielen Klimaanlagen zu tun hat, die in der ganzen Stadt verbaut sind. So viele Klimaanlagen auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen.

    Kabelsalat

    Kabelsalat

  • Außerdem hat man das Gefühl, dass nicht ein Kabel unterirdisch verlegt ist. Alle Kabel hängen irgendwo in der Luft rum, sind an Ampeln zusammen gebunden und verdecken Verkehrsschilder. Ein einer Ampel hing sogar ein abgeschnittenes Kabel auf Kopfhöhe.

Abschließende Worte zu Rumänien:

  • Ein sehr schönes Land. Der Westen des Landes ist ärmer und ländlicher als der Osten, wo auch neuere Züge und Autos unterwegs sind. Zwischen Stadt und Land gibt es riesige Unterschiede.
  • Die Nationalfarben Blau-Gelb-Rot sind hier allgegenwärtig.
  • Es gibt hier nur genau drei Sorten von Autos: Dacia Logans (fast alle neuen Autos sind Logans), alte Dacias (die in Deutschland Oldtimer-Nummernschilder hätten) und Autos, die ihr erstes Leben in Mittel- oder Westeuropa verbracht haben.

 

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