Tag 5: Sag mal, weinst du oder ist das der Regen?

30. Juni 2014. Soroa, West-Kuba – Santa Clara, Zentralkuba. 350 Kilometer.

Soroa - Santa Clara. 350 Kilometer.

Soroa – Santa Clara. 350 Kilometer.

Zum Frühstück gab es mal wieder das Essen, das wahrscheinlich im Fünfjahresplan des kubanischen Tourismusministeriums festgelegt ist: Kaffee, Saft, Eier, Brot und Marmelade. Unsere Hoffnungen, während unseres Aufenthalts in diesem schönen Land noch etwas anderes zum Frühstück zu bekommen, sind verschwindend gering.

Nach dem Plan-Frühstück wollten wir noch kurz im Orchideen-Garten halten und uns dann auf den Weg nach Santa Clara machen. Dieser war mit 350 Kilometern nämlich relativ lang und bei den Straßenverhältnissen auf Kuba nicht mal eben in zwei Stunden zurück gelegt.

Wir fuhren also wieder ein Stück in den Nationalpark hinein und erreichten den Orchideen-Garten, ohne uns einmal verfahren zu haben. Dieser war relativ übersichtlich und ist während der Zeit, in der die Orchideen blühen, bestimmt richtig toll anzusehen. Jetzt war er auch sehr nett, weil er toll auf einem Hügel angelegt ist, aber es fehlten einfach die Orchideen, weil diese aktuell nicht blühen. Die Pflanzen waren in einem kleinen Haus untergebracht und verbrachten dort die blütefreie Zeit relativ ungestört.

Im Orchideen-Garten

Im Orchideen-Garten

Nachdem wir alles gesehen und noch einen schönen Blick auf den Nationalpark mit seinem tropischen Grünzeug hatten, ging es los. Wir mussten auf die Autopista, über die wir vorgestern nach Viñales gefahren sind, bei Havanna auf eine andere Autopista wechseln und dann weiter fahren gen Osten. Okay, sah auf der Karte nicht schwer aus.

Wir fanden die Autopista A4 auch beim ersten Versuch und fuhren direkt in die richtige Richtung auf die Straße. Sehr gut. Wir konnten uns zwar nicht daran erinnern, dass wir auf der Fahrt nach Viñales Palmen auf dem Mittelstreifen oder drei Spuren gehabt hätten, aber wir wollten uns auch nicht beschweren. Die Schilder zeigten uns an, dass wir Richtung Havanna fuhren, und das war das Wichtigste.

Nach etwa einer Stunde erreichten wir den Stadtrand von Havanna und es war so weit, die Straße zu wechseln. Von der A4, auf der wir uns befanden, auf die A1, zu der wir wollten, führte laut unserer Karte relativ einfach eine kleine Straße. Und zwar direkt. Okay.

Wir verpassten die Abfahrt nach Santa Clara im ersten Versuch, weil das Schild mal wieder so platziert war, dass wir es erst sahen, als wir daran vorbei gefahren waren. Das war aber kein Problem, denn danach war die Autopista sowieso zu Ende. Die Straße war durch einen aufgeschütteten Sandberg abgeschlossen, sodass niemand auf die Idee kommen könnte, einfach weiter zu fahren. Ein Mann stand dort am Sandhügel und erklärte uns, wie wir fahren mussten. Wir sollten die Abfahrt nehmen, vor der wir uns nun befanden (klar, weiter ging es ja auch nicht), oben auf der Brücke, zu der die Abfahrt führte, sollten wir drehen und dann waren wir wohl schon fast richtig.

Alles klar. Also hoch, gedreht und … wir kamen wieder an der gleichen Stelle an, an der die Autopista endete. Wir fuhren also ein weiteres Mal über die gleiche Abfahrt auf die Brücke, wo wir den Mann erneut trafen. Er erklärte es uns wieder und als er merkte, dass das mit uns nie was werden würde, bot er an, mitzukommen. Er müsste sowieso in die Richtung, wir konnten ihn kurz vor der Autopista raus lassen. Sehr geil, also stieg er ein.

Während er uns führte, unterhielten wir uns ein wenig. Sein Name war Callos und er war Krankenwagenfahrer. Wir redeten ein wenig über deutsche Autos und er erzählte, dass sein Krankenwagen ein Mercedes wäre. Das beeindruckte uns, wir hätten nicht gedacht, dass auf Kuba irgendeine öffentliche Einrichtung Mercedes fährt. Er schränkte dann aber direkt ein, denn sein Wagen war Baujahr 1989.

Als wir an seinem Krankenhaus ankamen, beschrieb er den Weg, den wir weiter fahren sollten. Wir unterhielten uns die ganze Zeit in einer Mischung aus Spanisch und Englisch, wobei das Spanische überwog. Dass wir nach vier Ampeln links abbiegen sollten, bekamen wir noch hin. Der Rest der Beschreibung war schon etwas komplizierter. Er merkte, dass auch das nichts werden würde und bot an, uns bis zur Autobahn zu begleiten und dann wieder mit dem Taxi zurück zu fahren. Wir waren sehr dankbar über diesen Vorschlag. Denn wie sich im Nachhinein herausstellte, hätten wir den Weg niemals allein gefunden. Wir gaben ihm etwas Geld für ein Taxi, wahrscheinlich viel zu viel, waren aber nur froh, uns auf der Autopista A1 zu befinden und bretterten durch bis Santa Clara.

Durchbrettern ist allerdings nicht ganz richtig, denn einen Halt legten wir noch ein. Wir hatten eigentlich noch genug Benzin im Tank, wollten aber auf Nummer sicher gehen und noch einmal volltanken. Die Abfahrt zur Tankstelle hatten wir zwar aus irgendeinem Grund verpasst, was aber nicht weiter schlimm war. Wir sind ja schließlich auf Kuba, wo nicht viel Verkehr unterwegs ist, und das ganze sowieso nicht sooo verbissen gesehen wird. Wir fuhren also über den Zubringer, der eigentlich die Zufahrt von der Tankstelle zurück zur Autobahn darstelle, in entgegengesetzte Richtung auf die Raststätte, tankten, zahlten und fuhren so zurück auf die Autopista wie wir gekommen waren. Eine Zahlung mit Kreditkarte war hier leider auch nicht möglich.

Danach bretterten wir aber wirklich durch. Zumindest soweit es die Straßenverhältnisse zuließen, die aber insgesamt gar nicht so schlecht waren. Etwas brüchige Stellen gibt es immer mal wieder, aber damit lernt man sehr schnell zu leben. Da es hier nur sehr wenig Verkehr gibt, kann man immer ohne Probleme stärker bremsen und muss keine Angst haben, dass gleich jemand im Kofferraum sitzt.

Wir fuhren am Che Guevara-Mausoleum vorbei nach Santa Clara hinein und fanden unsere Unterkunft relative problemlos. Erst öffnete niemand, dann kam eine ältere Frau aus einem Nachbarhaus und half uns, indem sie den Besitzer rief. Dieser kam dann auch irgendwann und erzählte uns direkt erst einmal von den Zahnproblemen, die ihn schon mehrere Nächte nicht schlafen ließen. Aha. Toll. Zum Beweist zeigte er uns auch einmal die betreffende Stelle am Eckzahn. Super.

Victor, seines Zeichens Besitzer eines Hostals und eines Restaurants, ist ein Mann um die 50 mit einem Bauch, den sein T-Shirt nicht mehr komplett zu bedecken vermochte. Dafür hatte er aber blonde Strähnen in seinen grauen, mittellangen Haaren, die in Kuba sicherlich ein Luxusgut sind. Wir sind uns relativ sicher, dass Victor kein Kubaner, sondern Mexikaner oder Spanier ist. In seinem Restaurant und unserem Zimmer gibt es nämlich so viele Dinge aus Europa wie wir sie noch nirgendwo sonst gesehen heben, zumindest nicht auf Kuba. Souvenirs aus vielen europäischen Städten, Kühlschränke von Haier, Coca Cola-Schilder, bunte Fliesen und sicher noch ein paar Dinge mehr.

Wir wurden erst eingewiesen, wo wir das Auto parken konnten, nämlich direkt auf der Straße vor dem Eingang zur Unterkunft. Wir hatten gelesen, dass man Mietwagen vor allem nachts in Garagen oder auf bewachten Parkplätzen abstellen sollte, weil sie sonst schnell mal entwendet werden. Deshalb fragte ich Victor, ob das in der Nacht auch sicher wäre. Er antwortete, ich solle mir keine Sorgen machen, denn nebenan wohnt wohl eine alte Frau, die die ganze Nacht das Auto bewacht. Aha. Dann schauen wir mal, ob es morgen noch da ist.

Rafael Guerra - Estadisticás

Rafael Guerra – Estadisticás

Anschließend wurde uns unser Zimmer gezeigt. Es liegt im Hinterhof und besitzt als erstes Zimmer dieser Reise einen Fernseher, was sehr praktisch ist, denn kurz nach unserer Ankunft sollte Deutschland gegen Algerien im Achtelfinale spielen. Außerdem haben wir auf unserem Zimmer noch eine Klimaanlage, einen Ventilator und Nachttischlampen mit Berührungssensoren, von denen sogar eine noch funktioniert. Auf dem Bett liegt eine goldene Tagesdecke und darunter pinke Kopfkissen, die Denis als sehr neckisch bezeichnete. An der Wand hinter dem Bett hängt ein goldener Vorhang, der 1A zu der Tagesdecke passt.

Wir schauten dann also den Klassiker Deutschland gegen Algerien und waren fasziniert über die Berichterstattung. Vorher lief ein Portrait über Deutschland, das von Fifa TV produziert wurde, sodass man sich beim kubanischen Fernsehen nichts Eigenes ausdenken musste. Der Kommentar zum Spiel war auf Spanisch und einer der Kommentatoren rief beim ersten Tor für Deutschland mindestens zehn Minuten lang „Goooooooooooool!“, vielleicht sogar noch länger. Im Anschluss an die Partie wurden die beiden Kommentatoren eingeblendet: Zwei alte Männer vor einem ebenso alten Hintergrund, der aus einer sehr alten Gardine zu bestehen schien.

Die beiden fassten das Spiel noch einmal zusammen und im Anschluss wurden alle an der Produktion beteiligten Personen eingeblendet. Und zwar nicht einfach so mit Namen. Sie drehten sich genauso cool in die Kamera wie es die Spieler tun, wenn die Aufstellung bekannt gegeben wird. Danach kamen noch einige Berichte über die aktuellen sportlichen Geschehnisse auf Kuba, die so auch in der DDR hätten produziert worden sein können. Glauben wir zumindest. Die Mikrofone und vermeintlich sportliche und coole Grafik hätten jedenfalls in diese Zeit gepasst.

Als es dann genug Sport für heute war, entschieden wir uns, einen kleinen Spaziergang durch Santa Clara zu unternehmen. Mit dem Hauptplatz waren wir relativ schnell fertig. Hier gab es zwar ein paar nett anzusehende Gebäude, aber insgesamt nicht so viel Spannendes. Das einzige interessante Detail: Santa Clara war eine umkämpfte Stadt während der Revolution. Das Hotel Santa Clara Libre auf dem Platz trägt heute noch die Einschusslöcher dieser Kämpfe, obwohl die Fassade aussieht als wäre sie seitdem schon restauriert worden.

Kirche Santa Clara

Kirche Santa Clara

Wir liefen anschließend den Boulevard auf und ab und warfen ein paar Blicke in die Geschäfte, deren Regale relativ gut gefüllt waren. Ein Lager braucht jedoch keiner der hier ansässigen Läden. Es gab mehrere Läden, die Elektronikgeräte verkauften, Lebensmittelläden, Kleidungsgeschäfte und etwas mehr. Die Preise waren alle in CUC ausgezeichnet, weshalb hier wohl nur Kunden aus der Mittelschicht anzutreffen sind.

Wir wollten dann zum Che Monument, das an dem Ort errichtet worden war, wo Che und seine Leute einen Zug, der Kämpfer gegen die Revolution nach Santa Clara bringen sollte, entgleisen ließen. Leider fing es auf dem Weg dorthin an, zu regnen. Etwas genieselt hatte es die ganze Zeit schon, aber jetzt begann der Regen richtig. Wir stellten uns unter einem Hauseingang unter und wollten abwarten bis es vorbei war. Eine Besserung stellte sich aber nicht ein. Im Gegenteil, die Straßen waren immer stärker überschwemmt und wurden teilweise zu reißenden Bächen.

Nachdem wir etwa zwanzig Minuten auf eine Besserung gewartet hatten, die sich aber nicht im Geringsten einstellte, beschlossen wir, schnell durch den Regen zurück zum Casa zu laufen. Die vierte Querstraße sollte ja schon unsere sein, also wollten wir es riskieren. Unsere Sachen waren bei der Ankunft komplett durchnässt und wir liefen einige Male durch knöcheltiefes Wasser, weil die Straßen so uneben waren. Kurz vor unserem Ziel stellte sich der Regen dann ein und es nieselte wieder. Toll. Die Sachen hängen jetzt zum Trocknen im Hinterhof und wir sitzen dort an einem kleinen Tisch mit Weihnachtstischdecke. Frohes Fest.

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