Tag 5: Sommersonnenwende in Sankt Petersburg

21. Juni 2013. Sankt Petersburg, Russland.

Wir kamen heute Morgen planmäßig gegen 6:45 Uhr in Sankt Petersburg an, was sich allerdings als viel zu früh erwies, da die Nacht unnötig kurz war. Ähnlich unnötig war, dass alle 60 Leute aus unserem Großraumliegewagen der Meinung waren, sie müssten in den beiden Toiletten des Wagons duschen und sich die Fußnägel lackieren. Da sind die Russen schon sehr eitel, denn bis auf uns, die am längsten geschlafen haben, stiegen alle wie aus dem Ei gepellt aus dem Zug.

Wir brachten dann unsere Taschen zur Gepäckaufbewahrung, die sich im Kellergewölbe des Moskovskij Woksal befand und hatten anschließend Frühstück in einem Bistro am Bahnhof. Dort gab es ein Gebäck in der Form einer Brezel, der Konsistenz von Milchbrötchen und dem Geschmack von Kuchen. Das Ganze wurde erhitzt und war mit Schweinefleisch bzw. Lachs belegt. Ging so.

Admiralität

Admiralität

Da wir nun frisch gestärkt waren, konnte es losgehen zu einem kleinen Morgenspaziergang durch die Sankt Petersburger Innenstadt. Als erstes fuhren wir mit der Metro zur Admiralität, einem Gebäude, das ursprünglich als Werft gebaut und zu einer Festung erweitert wurde. Heutzutage ist es eine Ingenieursschule der Marine, an der heute wohl die Abschlussklasse entlassen wurde. Im Alexandergarten vor dem Gebäude liefen jedenfalls ein paar junge Matrosen in Uniform, umgeben von ihren Familien, herum. Und einige wichtige ältere Männer in Uniformen mit allerlei Orden waren auch anwesend. Leider ist die Fassade der Admiralität derzeit wegen Restaurierungsarbeiten verhüllt. Nur der über 70 Meter hohe goldene Turm mit dem Segelschiff als Spitze war zu sehen.

Danach liefen wir zur Isaaks-Kathedrale und konnten auf dem Isaaks-Platz die ganzen Kreuzfahrer in ihren Bussen ankommen sehen, die nur ein paar Stunden Zeit für die ganze Stadt hatten. Morgens waren noch einige Kreuzfahrschiffe im Hafen zu sehen, die am Nachmittag alle schon wieder verschwunden waren.

Wir machten uns dann auf den Weg zur Eremitage und kamen am Hotel Angleterre vorbei. Dort findet derzeit das Petersburger Wirtschaftsforum statt, auf dem heute wohl auch Angela Merkel zu Gast sein soll. Ursprünglich sollte sie nebenbei eine Kunstausstellung in der Eremitage eröffnen. Nachdem sie aber die Rede vorgelegt hatte, die sie zur Eröffnung halten wollte und in der sie auch erwähnt, dass Deutschland gerne die im Zweiten Weltkrieg gestohlenen Kunstobjekte wieder zurück bekommen würde, hat man leider feststellen müssen, dass keine Zeit mehr für die Rede der Bundeskanzlerin war. So ein Pech.

Eremitage

Eremitage

Über das Senatsgebäude mit dem Ehernen Reiter, einem Denkmal für Peter den Großen, ging es weiter. Und schließlich kamen wir am Schlossplatz und der Eremitage an und mussten feststellen, dass auch diese derzeit teilweise verhüllt ist. Der Eingang war abgesperrt, es befanden sich eine Menge wichtiger Leute davor und mitten auf dem Schlossplatz war eine Bühne aufgebaut.  Das Ganze hatte wohl mit der Eröffnung der Ausstellung zu tun. Am Abend war der Abbau der Bühne jedenfalls schon im Gange.

Als nächstes liefen wir zur Dreifaltigkeitsbrücke, von der man sicher einen tollen Blick auf die Stadt gehabt hätte, wenn der Fußgängerteil der Brücke nicht gesperrt gewesen wäre. So konnten wir aber trotzdem auf die Kreuzfahrtschiffe im Hafen und das Marsfeld schauen, wo wir uns auch ein paar Minuten die Füße entspannen wollten.

Kirche der Auferstehung Christi

Kirche der Auferstehung Christi

Vom Marsfeld aus bereits zu sehen und Ziel von hauptsächlich chinesischen Touristen war die Kirche der Auferstehung Christi. Diese ist wie die Basilius-Kathedrale in Moskau im Zuckerbäckerstil gebaut, aber viel filigraner und edler gestaltet. Die Kuppeln sind ebenfalls farbig, aber nicht so bunt und enthalten goldene Elemente. Das Gebäude selbst ist mit vielen Ornamenten und Bildern verziert und unheimlich toll anzuschauen.

Weiter ging es dann über den Michaelspalast am Platz der Künste und das Pushkin-Denkmal Richtung Süden zu Katharina der Großen. Wir liefen an der Fontanka, einem Nebenfluss der Neva, entlang zum Nevskij Prospekt. Beim Nevskij Prospekt handelt es sich um eine fünf Kilometer lange Straße, die gesäumt ist von großen alten Häusern, in denen sich im Erdgeschoss hauptsächlich Läden, Cafés und Restaurants befinden.

Kanal

Kanal

Hier fiel einmal mehr auf, was für eine tolle und vor allem edle Stadt Sankt Petersburg ist. Dass es die Hauptstadt der Zaren ist, sieht man an jeder Ecke. Es gibt auf den ersten Blick kaum ein Haus, das nicht verziert oder zumindest farbig gestrichen ist. Das Schöne ist, das die Menschen hier so toll in die Stadt passen, denn die Mehrheit ist sehr edel gekleidet und vornehm unterwegs. Es ist auffällig, dass hier viele allen zeigen wollen, was sie alles haben und wie toll sie sind. Die coolste und lauteste Musik über die am Straßenrand geparkten fettesten Protzkarren, die höchsten Absätze, die dünnsten Mädchen, die größten Muskeln – diese „Statussymbole“ laufen einem hier alle paar Meter über den Weg.

Was an Sankt Petersburg aber auf jeden Fall gefällt, sind die vielen Kanäle mitten in der Stadt, über die man läuft, wenn man von A nach B möchte. Diese erinnern ein bisschen an Amsterdam, aber nur ein bisschen, weil Sankt Petersburg einfach viel edler ist. Das ist weder besser noch schlechter, sondern einfach anders.

Eingang zum Hinterhof-Hostel

Eingang zum Hinterhof-Hostel

Über den Nevskij Prospekt liefen wir jedenfalls zurück zum Bahnhof und holten unsere Sachen. Zum Hostel wollten wir uns zu Fuß auf den Weg machen, denn so weit entfernt sah es auf der Karte gar nicht aus. In der Mittagshitze und mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken war es dann aber doch weiter als gedacht. Wir kamen dann an der Hausnummer 74 an, in der sich unser Hostel befinden sollte und das nach der Zahl der Eingänge mindestens Nummer 174 sein müsste. Nicht jeder Hauseingang hat nämlich eine eigene Hausnummer.

An der Nummer 74 befand sich jedenfalls kein Hostel, sondern eine Einfahrt zu einem Hinterhof, die durch ein großes Tor verschlossen war. Wir standen dann mit unseren Rucksäcken ein bisschen verzweifelt davor und wurden von zwei Mädels angesprochen, was wir denn suchten. „Location Hostel.“ Die beiden nahmen uns mit in den Hinterhof und führten uns in einen Eingang ohne irgendeinen Hinweis auf ein Hostel. Na ja, nützt ja nix, also hinterher. Im dritten Stock befand sich tatsächlich die Rezeption von unserem Hostel.

Es stellte sich heraus, dass sich dieses in einem alternativen Wohnprojekt mit dem Namen „Etagi Projekt“ befindet. Das ist ein altes Wohnhaus mit abgelatschten Treppen, in dem es neben dem Hostel noch einen Laden, ein Fotoatelier, eine Bar und ein paar Wohnungen gibt. Spannend.

Wir checkten dann also ein und wurden zu unserem „Budget Double Room“ gebracht, der sich direkt neben dem zum Hostel gehörenden Restaurant befindet. Die einzige Ausstattung, die in unserem Zimmer vorzufinden ist, ist ein Doppelstockbett, ein Klappstuhl und ein Spiegel. Budget eben. Aber wenigstens ein Fenster wäre nett gewesen.

Peter-Paul-Festung

Peter-Paul-Festung

Nach einem kleinen Mittagsschläfchen machten wir uns auf den Weg zur zweiten Runde Sankt Petersburg an diesem Tag. Wir fuhren mit der Metro zur Peter-Paul-Festung, die sich auf der kleinsten Insel der Stadt befindet, der Haseninsel. Sankt Petersburg liegt auf 42 Inseln, die durch etwa 300 Brücken miteinander verbunden sind. Die Peter-Paul-Festung wurde 1703 erbaut, der Tag ihrer Grundsteinlegung gilt als Gründungstag Sankt Petersburgs.

Wir liefen einmal durch die Festung und schauten uns die ganzen alten Gebäude und die Peter-Paul-Kathedrale an. Ihr Turm ist mit 122 Metern der größte der Stadt und – wie sollte es auch anders sein – komplett vergoldet.

Wir wollten dann auf die Festungsmauer steigen, weil wir dort einen tollen Ausblick auf die Innenerstadt erwarteten. Wir gingen also zu der Dame im Tickethäuschen und kauften ihr ein Ticket ab. Wir bekamen einen Fetzen Papier, das säuberlich mit einem metallischen Lineal von einem großen Stück Papier abgerissen wurde. Unsere Eintrittskarte. Mit dieser gingen wir die Treppe direkt hinter dem Häuschen hoch. Hier mussten wir unser Stück Papier einem Mann in einem weiteren Tickethäuschen aushändigen, der es einriss und damit entwertete. Warum genau dieser Vorgang nicht von einer Person erledigt werden konnte, ist uns bisher noch nicht aufgegangen.

Sankt Petersburg an der Neva

Sankt Petersburg an der Neva

Wir hatten jedenfalls den erwarteten tollen Ausblick über die Neva auf die Stadt mit der Eremitage und weiteren großen Gebäuden am Ufer. Dahinter sahen wir weitere Häuser und Kirchen, auch die Zuckerbäckertürme der Kirche der Auferstehung Christi. Auf der Neva waren ein paar Schiffe unterwegs.

Nachdem wir fertig geguckt hatten, gingen wir weiter an der Neva spazieren, kamen an einem tollen Segelschiff vorbei, in dessen Innenraum sich ein Fitnesscenter befand, sahen das Stadion von Zenit Sankt Petersburg von Weitem und landeten schließlich auf der Basilius-Insel, von der aus es auch einen tollen Blick auf die Stadt und die Festung gab.

Hier waren auch eine Menge junger Leute in schicker Abendgarderobe, die vor dem Panorama Fotos machten. Es stellte sich heraus, dass unsere erste Vermutung, Abi-Ball, richtig war. Heute ist der 21. Juni und damit der Tag der Sommersonnenwende. Traditionell ist das auch der Tag der Schulabschlussfeiern in Sankt Petersburg.

Wir setzten unseren Spaziergang fort und kamen durch einen Park in die Fußgängerzone, die wir sowieso angesteuert hatten. Diese war nett gestaltet mit einem Grünstreifen mit Springbrunnen und Bäumen in der Mitte. Hier suchten wir uns eine Lokalität aus und starteten einen weiteren Versuch, im Restaurant zu essen und auch das zu bekommen, was wir bestellt hatten. Zuerst bekamen wir eine russische Speisekarte. Da die einzigen Gerichte, die wir fehlerfrei lesen/übersetzen konnten Schaschlik und Bratwurst hießen, wollten wir jeder eines der Bratwurstgerichte bestellen. Als wir uns beim Bestellen als Ausländer zu erkennen gaben, bekamen wir eine englische Karte. Das war unser Glück, denn ansonsten hätte einer von uns beiden eine Geflügelweißwurst bekommen.

Wir bestellten unser Essen, bekamen auch, was wir bestellt hatten, aßen und bekamen die Rechnung. Beim Umrechnen des Betrages stellten wir fest, dass wir wieder bei Hamburger Preisen angekommen waren, was uns beruhigte, denn bisher stellte sich Russland als schweineteuer heraus. Ein Tee für umgerechnet acht Euro und eine Suppe für zwölf waren keine Seltenheit. Selbst im Supermarkt wundert man sich über die Preise, vor allem für verpackte Wurst und Käse. Selbst gebackene Lebensmittel – Piroggen, Teigtaschen und vieles Undefinierbares mehr – sind hingegen relativ günstig.

Wir machten einen kurzen Abstecher ins Hostel, weil wir unser Zimmer noch bezahlen mussten (Kreditkarte war nicht möglich und wir hatten beim Einchecken natürlich nicht genug Bargeld dabei.) und unsere Pässe wieder entgegen nehmen wollten. Diese mussten wir für die Registrierung bei den russischen Behörden abgeben und sollten sie am Abend wieder bekommen. Die Registrierung war natürlich noch nicht abgeschlossen, wir sollen die Pässe aber spätestens morgen früh wieder bekommen. Wir werden sehen.

Hummer-Limousine

Hummer-Limousine

Und da wir ja nun heute Sommersonnenwende hatten und damit die kürzeste Nacht des Jahres in Sankt Petersburg anstand, fuhren wir mit der Metro wieder in die Innenstadt. Von der Temperatur und Helligkeit her, hätte es auch 16:00 Uhr sein können, aber ein Blick auf die Uhr zeigte: es war schon 23:30 Uhr. Und bisher musste keine einzige Straßenlaterne eingeschaltet werden.

Wir gingen an die Neva, schauten Richtung Norden zur Festung und deren Umgebung und warteten ein bisschen. Gegen Mitternacht nämlich sollte es hier die alljährliche Lichtershow geben und viele der Abiturienten waren entweder auf einem eigens gemieteten Boot, in Partybussen oder – und das ist kein Witz – in Hummer-Limousinen unterwegs. Überall wurde geschrien und gefeiert und gut ausgesehen.

Es war ein tolles Schauspiel, die Sonne immer weiter hinter der Stadt verschwinden zu sehen. Es sah aus, als würde die Sonne alles versuchen, um hinter dem Horizont zu verschwinden, es aber nicht schaffen. Wenn es so weiter ginge, hätten wir die ganze Nacht Sonnenuntergang.

Lichtershow

Lichtershow

Gegen Mitternacht begann dann auch die Lichtshow, bei der die große Brücke, die Festung und die Säulen auf der Basilius-Insel beleuchtet wurden. Das war weniger spektakulär als es sich anhört, denn eine Lichtershow ist am spannendsten, wenn es dunkel ist. In der kürzesten Nacht des Jahres ist es aber gar nicht so dunkel, dass man viel davon sehen kann. Es wurde im Laufe der Zeit aber immer dunkler, sodass irgendwann auch die Straßenlaternen eingeschaltet wurden und die Eremitage im Hintergrund erstrahlte. Später wurde noch die Maria-Verkündigungsbrücke geöffnet.

Auf dem Rückweg zum Hostel konnten wir beobachten, wie die ganze Stadt kollektiv durchdrehte und jeder das tat, worauf er gerade Lust hatte. Auf dem Schlossplatz waren Leute mit Pferden unterwegs, an den Brücken gab es Fahrrad- und Inline-Skate-Rennen, die Motorräder auf den Straßen quetschten sich durch die engsten Lücken zwischen den Autos, Leute machten Musik auf der Straße, tanzten dazu oder bretterten mit dem Jet-Ski über die Neva. Mit anderen Worten: ein riesiges Volksfest war im Gange.

Als wir bei unserer Metrostation ankamen, mussten wir feststellen, dass diese trotz aller Feierstimmung schon geschlossen war (Wirklich geschlossen, die Eingänge waren mit Gittern abgesperrt.) und wir mangels Bargeld in der Tasche zu Fuß zur Herberge laufen mussten. Nicht so schlimm, wir waren ja heute noch nicht so viel gelaufen und der Weg war ja auch schon nach einer Stunde bewältigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.