Tag 5: Über verschwendetes Deodorant und Klischees in Jogginghosen

14. Juli 2015. Moskau (Russland) – Zug nach Astana (Kasachstan).

Bereits kurz nach dem Frühstück werden uns die Fahrkarten für die Weiterfahrt nach Astana und Urumqi ins Hotel gebracht, die gestern offenbar noch nicht gelöst waren. Das ist mindestens acht Stunden früher als erwartet und bringt die ganze Tagesplanung durcheinander. Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, unterbewusst immer nervöser zu werden und ab ca. 14:00 Uhr in Schweiß und Panik auszubrechen. Dementsprechend hatte ich auch schon mit einer doppelten Dosis Deo gearbeitet, was sich jetzt als ziemlich unnötig herausstellt. Das Leben kann hart sein.

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Kein Grund zur Sorge – die Fahrkarten sind da.

Lenin-Mausoleum, erster Versuch

Wir machen uns also vollkommen tiefenentspannt und mit einer Deo-Fahne auf den Weg zum Roten Platz. Bei unserem ersten Moskau-Besuch vor zwei Jahren hatte es sich nicht ergeben, dass wir das Lenin-Mausoleum besuchten. Dieser Umstand ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass sich die Öffnungszeiten des Hauses lediglich von 10:00 bis 13:00 Uhr erstrecken. Der Herr Lenin scheint seinen Tag entspannt anzugehen. Wenn ich mal groß bin, möchte ich auch solche Arbeitszeiten haben.

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Roter Platz am Morgen – es sieht nur so leer aus, weil 90 Prozent der Besucher am Lenin-Mausoleum anstehen

Wir erreichen den Roten Platz gegen 11:00 Uhr und entscheiden, dass wir doch keine so großen Lenin-Fans sind, dass wir uns in der Mittagssonne inmitten von Millionen Chinesen mindestens sieben Stunden anstellen. Hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass auf dem Roten Platz in diesen Tagen fast ausschließlich Chinesen zu sehen sind? Ich weiß es nicht genau. Darf man das eigentlich sagen? Ist das politisch korrekt? Ich bin mir nicht ganz sicher, denn ich werde in Zukunft sicher mal wieder ein russisches Visum benötigen und die Chance darauf nicht aufgrund dieses Beitrags verspielen. Vielleicht sollte ich diesen Absatz löschen. Oder ganz klein schreiben, sodass ihn keiner liest.

Goldene Kirchen und wirre Vergleiche

Stattdessen laufen wir an der Moskva entlang zur Christ-Erlöser-Kathedrale. Das ist diese große protzige Kirche mit dem goldenen Kuppeldach. Der Weg dorthin ist von einer malerischen Kulisse geprägt: Die Sonne meint es heute so gut mit uns, dass die ganze Stadt strahlt. (Vielleicht war es doch nicht zu viel Deo.) Die Autos donnern auf der vierspurigen Straße direkt an uns vorbei und geben ihr bestes, uns mit ihren Abgasen in einen lieblichen Nebel zu hüllen. Auf den zwei Kilometern stehen kaum Bäume, die uns die Sicht auf die Stadt versperren (oder Schatten spenden) könnten. Es ist hochgradig romantisch. Wir schmelzen dahin.

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Christ-Erlöser-Kathedrale – das ist die protzige Kirche mit den goldenen Kuppeln

Überraschenderweise ist der Eintritt in die Kathedrale frei. Das Fotografieren im Inneren ist verboten, aber ich kann euch versichern, dass die Masse an verbautem Blattgold genau dem entspricht, was man von russischen Kirchen im Allgemeinen und dieser Kirche im Speziellen erwartet. Es gibt keine Sitzreihen und keinen erhobenen Altar wie in anderen Kirchen. Stattdessen ein gefühlt hundert Meter hoher Raum mit echt schönen Deckengemälden und vor Gold strotzende Wandbemalungen und Ikonen. Bei letzteren handelt es sich übrigens nicht um Gemälde von Madonna oder Marilyn Monroe, sondern um Abbilder von Heiligen.

Wikipedia sei Dank kann ich hier noch mit einigen Zahlen protzen: In die Christ-Erlöser-Kathedrale passen etwa 10.000 Leute. Würde man allerdings das gesamte Volumen von 524.000 m³ ausnutzen, könnte man im Innenraum allerdings etwa 6,9 Millionen Leute unterbringen, was etwa zwei Drittel aller Einwohner Moskaus wären – bei einem durchschnittlichen Volumen von 0,075 m³ pro Mensch. Auf die Wänden sind Gemälde mit einer Gesamtfläche von 22.000 m² gemalt worden. Das entspricht etwa fünf (in Worten: 5) Fußballfeldern. Das größte Fresko unter der Hauptkuppel hat einen Durchmesser von 16 Metern. Achtung, vollkommen abgefahrener Vergleich: So lang ist ein Strafraum.

Hinter einer abgesperrten Fläche steht die 27 Meter hohe Ikonostase (eine Wand mit Ikonen) und davor eine lange Reihe mit weiteren Ikonen hinter Glas. Nicht wenige Gläubige gehen diese Reihe entlang und bekreuzigen sich vor jeder Ikone mehrfach und küssen diese.

Lenin-Mausoleum, zweiter Versuch

Gegen 12:30 Uhr, also eine halbe Stunde vor Schließung des Lenin-Mausoleums, sind wir dann wieder zurück am Roten Platz und stellen fest, dass die Schlange zwar schon etwas kürzer ist, aber dennoch so lang, dass es sich nicht mehr lohnt, sich anzustellen. Die letzten dreißig Wartenden werden es schon jetzt nicht mehr bis 13:00 Uhr zum Eingang schaffen und wahrscheinlich direkt stehen bleiben, um morgen gleich erster zu sein.

Wie man sich ganz einfach die Bikini-Figur versaut

Wir entscheiden, dass es stattdessen Zeit ist für einen Kaffee im GUM. Im Кофе Хауз („Kofe Chaus“ – laut aussprechen, dann wisst ihr die Bedeutung) bestellen wir jeder einen Cappuccino Spezial: ein großer Kaffeepott zur Hälfte gefüllt mit Cappuccino, aufgefüllt mit einer etwa zehn Zentimeter hohen Sahnehaube, mit Karamell- und Schokosoße garniert und anschließend mit Marshmallows bzw. Amarettini bestreut. Und als wäre das nicht genug Zucker für den Rest des Monats gibt es dazu Tiramisu-Eis und Käsekuchen mit Erdbeeren. Hin und wieder muss man die Bikinifigur auch einfach mal Bikinifigur sein lassen.

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Cappuccino Spezial und Tiramisu-Eis

Wir schlendern noch ein wenig durch das immer wieder gern genommene Kaufhaus GUM. Das GUM ist über hundert Jahre alt und war zu Sowjetzeiten DIE Adresse in Moskau, weil es dort Waren aus dem ganzen Land zu kaufen gab. Heute beheimatet es alle Luxusmarken von Gucci bis Louis Vuitton. Die alten Hallen sind unheimlich hoch und aufgrund des komplett verglasten Kuppeldachs sehr hell. Die Ausstattung mit den Marmorfußböden, hölzernen Geländern und rot-weiß gestreiften Markisen passt so toll zu den wunderbar spießig und auffällig unauffällig dekorierten Schaufenstern.

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Das Kaufhaus GUM

Auch wenn die Läden kaum besucht sind und sich das meiste Leben in den Cafés anspielt, macht es Spaß durch die Gänge zu schlendern. In der Mitte des Kaufhauses sind riesige bunte Luftballons aufgehängt und an den Geländern stehen individuell bemalte Sitzbänke. Abgerundet wird die spielerische Gestaltung durch quitschbunte Fahrräder, die an den Geländern ausgestellt sind.

Über die Weltfremdheit der Polizei

Nachdem wir genug geschlendert sind, verlassen wir das GUM und werden Zeugen eines ganz besonderen Schauspiels. Einige Polizisten haben offenbar die Aufgabe, den Roten Platz zu räumen. Wer schon mal auf eine größere Reisegruppe gestoßen ist, aus denen der Großteil der Besucher auf dem Roten Platz besteht, weiß, dass das ein sehr naives Anliegen ist.

Die Leute haben schließlich für die Besichtigung gezahlt und hören allemal auf ihren Reiseleiter, wenn dieser sie auffordert, wieder in den Bus zu steigen. Sicherheitsangestellte und Polizisten können sich bitte hinten anstellen und werden erst angehört, wenn alle Gebäude und alle Verwandten einzeln und in verschiedenen Gruppen vor allen Sehenswürdigkeiten fotografiert sind. Entsprechend dauert es auch etwa zwanzig Minuten bis der Platz annähernd leer ist, was wir allerding für eine ziemlich gute Leistung halten.

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Polizisten bei der Arbeit

Warum der Plazu überhaupt geräumt werden muss, weiß man nicht genau. Aber da niemand Panik verbreitet, gehen wir davon aus, dass es einen einfachen, harmlosen Grund haben wird. Hätte jemand eine Bombendrohung ausgesprochen, hätten sich die Polizisten sicherlich auf eine andere, weniger freundliche, dafür effektivere Weise die Leute vom Hals geschaffz.

Jetzt laufen einige Züge Polizisten auf und jemand beginnt, die Lautsprecheranlage zu testen, indem er erst bis einhundertfünfzig zählt und anschließend noch etwa zehnmal bei einhundertzwanzig beginnt. Die Polizisten stellen sich in Reihen auf, ein Sprengstoffhund wird den Platz entlang geführt, ein LKW voller Bänke wird vorgefahren und entladen. Das ist der Moment, der uns zeigt, dass es noch etwas dauert bis es hier wirklich was zu sehen gibt.

Sänger und Klischees in der Basilius-Kathedrale

Also besichtigen wir nun erst mal die Basilius-Kathedrale. Das ist diese rote Kirche mit den quietschbunten Zwiebeltürmen zwischen GUM und Kreml. Eigentlich ist die Basilius-Kathedrale auch keine Kirche mehr, sondern ein Museum, das von alten Münzen über Heiligenbilder bis Waffen ziemlich viel ausstellt.

Im Inneren ist es einerseits ziemlich düster und andererseits ziemlich bunt. Die Wände sind nämlich mit abstrakten Mustern bunt verziert, die vielen verschachtelten Gänge und Räume allerdings nicht künstlich beleuchtet. Einzig die Fenster aus den außenliegenden Räumen spenden Licht.

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In der Basilius-Kathedrale

In einem hohen Raum in der Mitte des Gebäudes geben vier Sänger eine Kostprobe ihrer Stimmen und der hervorragenden Akustik der Kirche. In schwarzen Anzügen gekleidet und mit Frisuren und Brillen, die Anlass zu der Vermutung geben, dass es sich im echten Leben um Buchhalter handelt, verzaubern sie mit ihren tiefen Stimmen und eindringlichen Liedern die Zuschauer. Der einzige, der sich nicht mitreißen lässt, ist ein kleiner Junge, der aus Langeweile die Gänge auf und ab läuft, alle Leute anrempelt und laut zu seinen Eltern rüberruft, wenn ihm danach ist. Sein Vater mit Plautze, Jogginghose und Feinripphemd scheint daran keinen Anstoß zu nehmen. Es lebe das Klischee.

Als unser Rundgang beendet ist, gibt es endlich etwas Bewegung auf dem Roten Platz. Polizisten marschieren in langen Reihen auf, eine Marschkapelle spielt, es beginnt jemand, zu den Polizisten zu reden, die setzen sich, stehen wieder auf, setzen ihre Mützen auf. Warum? Weil sie es können. Das Ganze sieht aus wie eine Abschiedszeremonie für Abgänger der Polizeiakademie.

Wir sind erleichtert, dass es sich nicht um den Beginn einer Vergeltungsaktion für den schwulenpropagandistischen Regenbogen vom Vortag handelt. Wir als Ausländer, die kein Problem mit der Homosexualität anderer Leute haben, könnten nämlich schnell verdächtigt werden, in die Planung involvieret zu sein, um unser krankes Gedankengut zu verbreiten. Wir waren schließlich zum Zeitpunkt des Geschehens auf einer Terrasse mit besten Blick auf den Regenbogen über der Stadt. Ich weiß wirklich nicht, ob dieser Beitrag förderlich für mein nächstes Visum sein wird. Ich mag Russland wirklich sehr.

Nowodewitschi

Als es genug Marsch und Polizei für heute ist, begeben wir uns zur Metro, was sich als schwierig herausstellt, weil der Rote Platz ziemlich weiträumig abgesperrt ist. Wir finden schließlich einen Weg und fahren zur Station Sportiwskaja, von wo aus es nur ein paar Minuten zum Nowodewitschi-Friedhof sind, die einem bei gefühlten vierzig Grad allerdings ziemlich lang vorkommen können.

Eigentlich wollten wir bereits bei unserem letzten Moskau-Besuch vor zwei Jahren auf den Nowodewitschi, sind damals aber an unserem letzten Tag erst kurz vor 17:00 Uhr hier gewesen. Der erfahrene Moskau-Reisende weiß, dass ohne Ausnahme alle Sehenswürdigkeiten der Stadt um 17:00 Uhr ihre Tore schließen, was für die Stadt Moskau als Arbeitgeber spricht. Wir haben das an diesem Tag erst gelernt. Aber heute sind wir schlauer und rechtzeitig vor Ort.

Der Nowodewitschi-Friedhof geht auf den Kirchhof des angrenzenden Neujungfrauenklosters zurück, das im 16. Jahrhundert errichtet wurde. Er ist ein reiner Ehrenfriedhof, auf dem ausschließlich Ehrenbürger beerdigt werden, was mittlerweile etwa 27.000 sind.

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Auf dem Nowodewitschi-Friedhof sind die Gesichter der Verstorbenen allgegenwärtig.

Die Gräber stehen zwar auch in Reihen, das ist aber schon fast die einzige Gemeinsamkeit mit deutschen Friedhöfen. In einem Grab sind ganze Familien oder einzelne Personen begraben. Immer wenn jemand dazu gelegt wurde, wurde ein neuer Grabstein aufgestellt. Daraus resultiert, dass sich die Steine auf einem Grab in Größe, Farbe und Gestaltung deutlich voneinander unterscheiden können, oder auch mal ein größerer Grabstein im rechten Winkel zum Hauptstein steht. An und sogar auf manchen Gräbern stehen Bänke für trauernde Angehörige.

Die schönste Tradition auf russischen Friedhöfen ist allerdings, dass die Verstorbenen auf ihrem Grabstein gemeißelt sind. Zuerst wirkt der Anblick hunderter Gräber, aus denen einen hunderte Gesicher Verstorbener anstarren, etwas verstörend. Nachdem ich mich daran gewöhnt und darüber nachgedacht habe, wird mir auch klar, warum die Grabsteine auf diese Art und Weise gestaltet werden.

Trauert man um eine Person oder besucht später ihr Grab, versucht man immer, sich an sie zu erinnern. Wie sah die Person aus? Was hat sie ausgemacht? Was waren ihre Leidenschaften? Ihre Macken? Das gehört doch dazu, wenn man einen lieben Angehörigen auf dem Friedhof besucht. Und ein Bild von der Person hilft der Erinnerung auf den Sprung, man hat den Verstorbenen quasi direkt vor Augen.

Auf vielen Gräbern lässt sich ein Hinweis auf das Leben finden, das die Person einmal geführt hat. Militärs werden mit Orden gezeigt, auf dem Grab eines Seemanns liegt ein echter Anker, der Mathematiker hat eine lange Formel auf dem Stein, die Schauspielerin wird in ihrer berühmtesten oder liebsten Rolle abgebildet, das Grab des Raumforschers ziert eine Rakete, der Radiomoderator hält ein Mikrofon in der Hand.

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Seemannsgrab des Herrn Resintschenko

Dazu kommt, dass einige der Gräber schon ziemlich alt sind, die Grabsteine schief stehen, ganze Sträucher auf dem Grab wachsen, frische oder vertrocknete Blumen auf dem Grab liegen. Es ist ein wunderbares Durcheinander, das aber keineswegs chaotisch wirkt. In den Friedhofsmauern befinden sich die Urnengräber, die ebenfalls Bilder der Verstorbenen zeigen – oder die Urne hinter Glas. Wir spazieren anderthalb Stunden über den Friedhof, haben aber längst nicht alles gesehen. Über die Gräber der wirklich großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte könnt ihr in anderen Artikeln lesen, diese haben wir nämlich größtenteils verpasst oder nicht als außergewöhnlich wahrgenommen. Los, verklagt uns.

Kartoffeln und Berufsverkehr

Schließlich wird der Friedhof geschlossen und der Hunger macht sich breit. Wir kehren bei Mr. Kartoschka ein, einem Fast-Food-Imbiss, in dem es für kleines Geld individuell gefüllte Ofenkartoffeln gibt. Die Kartoffel wird im Ofen gegart, in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter beschmiert und Käse belegt und anschließend kann man wählen, welche Zutaten zusätzlich in Eiskugelgröße darauf kommen. Neben einigen undefinierbaren Gemüsemischungen gibt es Hack, Würstchen, Rührei, Quark, Röstzwiebeln und ein paar andere Sachen, die wir nicht identifizieren können und uns nicht trauen zu probieren. Für euch hört sich das vielleicht geschmacklich fragwürdig an, für mich klingt es nach einer Marktlücke, die in Deutschland dringend mal jemand schließen sollte.

Wir fahren im schönsten Berufsverkehr zum Hotel, um unsere Rucksäcke zu holen. Obwohl alle anderthalb Minuten eine Bahn fährt, sind die Züge bis auf den letzten Platz gefüllt, von Bewegungsfreiheit braucht man nicht mal zu träumen. Eigentlich hatten wir uns eine Fahrt auf unserem Fünf-Fahrten-Ticket für den Weg zum Kasaner Bahnhof aufgespart, von wo aus unser Zug nach Astana abfährt. Wir haben dann allerdings schnell eingesehen, dass es für die körperliche und mentale Gesundheit aller Beteiligter von Vorteil ist, wenn wir zum Bahnhof laufen. Für zwei ungelenke Deutsche mit großen Reiserucksäcken ist die Rush Hour einfach nicht gemacht.

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Der Kasaner Bahnhof

Der Kasaner Bahnhof ist ziemlich groß und verwinkelt, in den vielen Hallen gibt es Klimaanlagen und alles zu kaufen, was man für so eine Fernreise benötigt. Piroggen in allen Formen und Farben, Wurst, Trockenfisch, Wasser, Limonade, Bier, Koffer, Jeans, Handy-Ersatzteile, Mützen, Souvenirs, Fahrkarten. Am Eingang zum Bahnhof stehen Metalldetektoren und dafür zuständige Beamte, die allerdings wenig Interesse an den ankommenden Reisen zeigen. Auch nicht, wenn das Gerät piept. Neuerdings (letzter Vergleichswert: Juni 2013) stehen auch in den Metro-Stationen Metalldetektoren, allerdings ohne einen Kontrolleur in Uniform, was dem Sinn des Ganzen irgendwie abträglich ist.

Wir versorgen uns mit einem Rucksack voll Wasser und Bier und einem Beutel voller Piroggen. Das Tolle daran, ein sprachunkundiger Ausländer zu sein, ist, dass man mit jeder Pirogge wieder eine geschmackliche Überraschung erlebt, weil jeder Stand seine Teigtaschen anders füllt und eine Frage nach den Zutaten ziemlich aussichtslos ist.

Die Zeit bis zur Abfahrt verbringen wir in einem Sitzbereich, zu dem einige Imbissbuden gehören. Wir werden ohne Pause von Durchsagen der blechernen Olga, der Schwester der bei der DB aktiven blechernen Else, bzgl. Sicherheit und Achtsamkeit am Bahnhof beschallt und essen noch ein russisches Schnipo – paniertes Formfleisch, mit Pommes belegt und Käse überbacken, außen heiß, innen kalt. Wunderbar.

Astana, wir sind auf dem Weg!

Eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt bewegen wir uns zum Gleis, der Zug scheint schon länger bereit zu stehen.Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir Fahrkarten für Wagon zwei oder fünfzehn haben, hoffen auf ersteres und stellen uns bei der Schaffnerin am zweiten Wagon an. Diese macht eine wage Bewegung in Richtung Lok, die so weit entfernt ist, dass man meint, sie wäre schon hinter dem Horizont im Nebel verschwunden. Es ist also doch Wagon fünfzehn in der zweiten Klasse.

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Karaganda – der Zug in der Mitte ist unserer

Der Zug sieht im Vorbeigehen sehr gut gefüllt aus. Vor allem in den Großraumliegewagen, den Platzkartny Wagons, sind viele Menschen dabei, die Betten zu beziehen und sich einzurichten. Familienmitglieder und Bekannte stehen auf den Bahnsteigen und bereiten sich auf einen Abschied vor oder bringen noch das letzte Gepäck an den Platz der Reisenden.

Nach etwa vier Stunden Fußmarsch erreichen wir unseren Wagon mit der Nummer fünfzehn, der der vierte hinter der Lok ist. Aufgrund der zurückgelegten Strecke sind wir froh, rechtzeitig losgegangen zu sein. Zwei Minuten vor Abfahrt am Gleis anzukommen ist knapp, weil jeder nur in den Wagon einsteigen darf, für den er auch ein Ticket besitzt.

Unsere Schaffnerin prüft unsere Fahrkarten und Pässe mit der Taschenlampe. Die Bahnhofshalle haben wir bereits vor einigen Kilometern hinter uns gelassen und außerhalb gibt es keine Beleuchtung.

In unserem Wagon sind wir die ersten Passagiere und vorerst allein. Nachdem die Taschen unter den Sitzbänken verstaut sind, bekommen wir unser Bettzeug von der Schaffnerin gebracht. Sie ist sehr aufgeschlossen, redet viel auf uns ein und stellt noch mehr Fragen. Die können wir leider nicht beantworten, weil die Dame nur Russisch spricht, unseres für die Unterhaltung aber nicht ausreicht. Wir bekommen gerade so mit, dass sie mal in Bad Sarow gearbeitet hat und gern erzählt. Dann hört es aber auch schon auf. Sie bringt uns noch zwei Gläser in einer schweren Metalleinfassung mit Logo der kasachischen Bahn, die wir bis Astana behalten dürfen. Bei der kasachischen Bahn wird Service noch groß geschrieben.

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Muckelig: unser Abteil

Wir fahren schließlich los und bleiben die einzigen Passagiere im Wagon. Die aufgeschlossene Dame verlässt uns und stattdessen übernimmt eine jüngere, zurückhaltende Dame den Dienst. Sie schließt alle anderen Abteile wieder ab und zieht sich in ihr Dienstabteil zurück. Später bekommt sie Besuch von weiteren Schaffnern aus dem vorderen Zugteil, die wohl alle ähnlich viel zu tun haben.

Unser Abteil ist relativ eng, dafür sind die Liegen verhältnismäßig breit. Es ist komplett holzvertäfelt, die Liegen und Lehnen sind mit rotem Leder überzogen. Alles ist sehr alt, wirkt aber ziemlich sauber. Nur die Scheiben müssten mal wieder gereinigt werden. Wir haben zuerst Probleme mit dem Griff an unserer Tür, der sich nur sehr schwer bewegen lässt und einmal auseinander fällt. Aber zum Üben, wie die Tür unfall- und verletzungsfrei geöffnet und geschlossen werden kann, bleiben ja noch ein paar Tage Zeit.

Zum Abschluss des Tages spielen wir eine Runde Scrabble, die wie durch ein Wunder 212 zu 212 ausgeht, trinken  Bier, essen Chips und machen es uns auf unseren Liegen unter dem Rattern und Rütteln des fahrenden Zuges bequem. Moskau haben wir da schon lange hinter uns gelassen.

Heutige Verbindungen

D 84CJ Moskau (ab 14.07.2015, 22:50 Uhr) – Astana (an 17.07.2015, 7:03 Uhr) / 25.129,60 Rubel = 345,48 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil)

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