Tag 6: Ein Tag, drei Länder und viel Regen

27. Juli 2017. Liepāja, Lettland.

Dass wohl doch nicht alle Kaliningrader in einem Plattenbau wohnen, finden wir am Morgen heraus als wir die Stadt Richtung Norden verlassen. Das oberste Prozent kann sich am Stadtrand durchaus ein Eigenheim und ein Auto mit einem späteren Baujahr als 1987 leisten. Die Oma, die im 14. Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl wohnt, kann sich davon allerdings auch nicht allzu viel kaufen.

Rauschen

Bevor es für uns weiter nach Litauen geht, machen wir einen Abstecher nach Nordwesten in den Ort Swetlogorsk, der zu Zeiten, als dieses Gebiet noch preußisch war, Rauschen hieß. Es zeigt sich schnell, dass es nie einen Namen gab, der einen Ort besser beschrieben hätte als dieser.

In Swetlogorsk gibt es keinen echten Strand, denn die Ostsee ragt fast bis an die Steilküste heran. Die Promenade liegt etwas erhöht und bietet überdachte Bänke, auf denen man den ganzen Tag sitzen und den Wellen beim Rauschen zuhören kann. Tatsächlich scheint die Ostsee hier rund um die Uhr in Bewegung zu sein und niemals Ruhe zu geben. Es ist ein fantastischer Ort zum Entspannen und Erholen.

Promenade in Swetlogorsk, Russland

Kurische Nehrung

Wir haben uns entschieden, Russland fürs Erste über die Kurische Nehrung zu verlassen. Das ist eine schmale Halbinsel, die sich Russland und Litauen teilen und zum Naturschutzgebiet gemacht haben. Sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee, ist bis zu vier Kilometer breit und soll über eine beachtliche Elchpopulation verfügen.

Leider ist die Straße an beiden Seiten von einem dichten Wald gesäumt, weshalb sich der Ausblick doch eher in Grenzen hält. Und weil es heute wieder regnet, bleiben die Elche offenbar auch lieber geschützt im Wald. Auf der Straße ward jedenfalls keiner gesehen.

Tanzende Bäume und wilde Seen

In einer Regenpause halten wir am Tanzenden Wald, einem Gebiet, auf dem die Bäume seltsam krumm, ineinander verschlungen oder in Kurven wachsen. Aus welchem Grund sie das tun, können Wissenschaftler bisher nicht erklären, obwohl es eine ganze Reihe an Hypothesen gibt. Unsere liebste ist die der UFO-Forscher, die kosmische Strahlung als Ursache vermuten. Uns ist es im Grunde egal, wir sind nur froh, dass ausschließlich die Bäume tanzen und das gleiche nicht zusätzlich von den Besuchern erwartet wird. Das wäre für alle Beteiligten nämlich nicht sonderlich erfreulich.

Der Wald tanzt.

Wir stoppen an einem Aussichtspunkt mit Blick auf die Ostsee, die hier noch genauso schön ist wie anderswo, und fahren durch einige kleinere Orte abseits der Hauptstrecke. Hier steigt hin und wieder der Puls, wenn wir vor einer Wasseransammlung stehen und nicht sicher sind, ob es sich dabei um eine Pfütze oder einen nicht bei Google Maps erfassten See handelt. Aber hey, wer auf Kuba mal einen Kia Picanto ohne Verluste durch ein knietiefes Flussbett gebracht hat, der hat in einem echten Auto keine Angst vor so einer lächerlichen Pfütze. Wir sind dennoch ganz froh, später die Hauptstraße wieder zu erreichen.

Gesichtskontrolle, die Zweite

Kurz vor der Grenze tanken wir noch einmal für 40 Rubel (58 Cent) pro Liter und stellen uns dann an. Die russische Seite der Kontrolle ist überraschend schnell erledigt. Alle Türen öffnen, den Kofferraum ebenfalls, die Fenster runterkurbeln, ein Blick unter die Motorhaube. Glücklicherweise besteht keiner der durchaus motivierten Grenzbeamten darauf, den Inhalt der Ruck-, Schlaf-, Zelt- und Dreckwäschesäcke zu prüfen. Noch eine kurze Gesichtskontrolle, ein paar Stempel. Vielen Dank, beehren Sie uns wieder.

Mehr Zeit nimmt heute die Kontrolle der EU, namentlich Litauen, in Anspruch, weil wir hier hauptsächlich anstehen und warten müssen. Zeit genug also, um die Eindrücke der letzten Tage zu verarbeiten.

Kaliningrad ist die Stadt der Plattenbauten. Ich meine, ich bin in Vorpommern aufgewachsen, schon in einige Male in Russland gewesen, viel in Osteuropa gereist und kenne Großstädte in Usbekistan und Kasachstan, aber eine solche Dichte an Plattenbauten wie hier habe ich noch nie gesehen. Im Vergleich zu Moskau und Sankt Petersburg wirkt Kaliningrad wie die kleine graue Maus, um die sich keiner kümmern mag. Das ist sehr schade, denn mit den Seen in der Innenstadt und der Lage unweit der Ostsee könnte man einiges an Lebensqualität aus dieser Stadt herausholen.

Der Rest der Oblast Kaliningrad ist sehr ländlich geprägt. An der Küste gibt es einige Ferienorte, von denen Swetlogorsk wohl der bekannteste ist. Die Kurische Nehrung wird offenbar angemessen geschützt und zieht eine Menge Besucher an.

Als wir auf litauischer Seite der Grenze dann doch irgendwann drankommen, werde ich nach der Passkontrolle von einer älteren Dame an einen Schalter gewinkt. Weil wir nun auf litauischer Seite in den Nationalpark Kurische Nehrung einfahren, würde ein Eintritt in Höhe von 20 Euro für zwei Personen und ein Auto fällig. Bereits auf russischer Seite mussten wir bezahlen. Dort haben allerdings  450 Rubel (6,40 Euro) ausgereicht. Aha.

Nida

Als auch diese Pflicht erledigt ist, halten wir ein paar Kilometer hinter der Grenze in der Nähe der kleinen Stadt Nida (Nidden) an, wo die zweithöchste Düne Europas zu bestaunen ist. Aufgrund der feuchten Witterung bleiben wir auf Abstand zur Düne, denn es ist heute wirklich nicht der Tag für einen mehrstündigen Strandspaziergang. Von einer riesigen Sonnenuhr aus, die oberhalb der Düne liegt, haben wir einen nur etwas vom Niesel getrübten Blick. Mit uns sind noch ein paar Austauschschüler und zwei Reisegruppen hier oben. Es ist leider zu voll und zu regnerisch, um diesen Ort wirklich zu genießen.

Düne zu Nida, Litauen

Nida selbst ist ein schnuckeliger kleiner Ort am Kurischen Haff mit bunten Häusern aus Holz und vielen Urlaubern. Das ist zumindest der Eindruck, den wir hinter der Scheibe zwischen zwei Schlägen der Scheibenwischer gewinnen können.

Nach 100 Kilometern verlassen wir die Kurische Nehrung über eine Fähre, die uns nach Klaipėda bringt. Also in die Stadt, die bis 1920 die am nördlichsten gelegene deutsche Stadt war. Bis hier ging Deutschland also mal. Wie krass ist das denn? Und vor allem: Wie unpraktisch für ein Mittwochabendauswärtsspiel?

Theater und Zuckerschock

Einen letzten Zwischenstop legen wir in Palanga ein, einem Urlaubsort, der aus einer gut besuchten Flaniermeile und vielen bunten holzvertäfelten Häusern besteht. Natürlich darf auch die obligatorische Seebrücke nicht fehlen. Etwas geschütz durch umstehende Bäume auf einer Anhöhe stehen mit Blick auf die Ostsee einige Bänke in mehreren Reihen hintereinander wie im Theater. Die Ostsee als Schauspiel verstehen – ein interessanter Ansatz.

Theater in Palanga, Litauen

Nach dem Abendessen genehmigen wir uns eine Bubble Waffle mit Eis, weil das hier alle so machen und wir heute noch keinen Zuckerschock hatten. Die frische, noch warme Waffel wird in einem Gefäß (Becher oder Pommestüte) wie eine Eiswaffel zusammengerollt, mit Eis, Sirup, Streuseln und diversen Keksen garniert und dafür, dass den Rest des Tages kein Hunger mehr aufkommen kann. Und für ein deutlich erhöhtes Diabetesrisiko. Aber scheiß drauf, is‘ Urlaub.

I proudly present to you: Bubble Waffle an Keksen und Eis

Weiter nach Lettland

Weil uns eigentlich nichts mehr in Litauen hält und es noch nicht so spät ist, wollen wir das Land noch heute verlassen und nach Lettland rübermachen. Das einzige, das sich hinter der Grenze, die aus einem einzigen Schild besteht, ändert, sind das Design der Straßenschilder und der Zustand der Straße. Nachdem dieser hinter Russland nämlich deutlich angenehmer geworden war, ist er jetzt wieder schlechter und sorgt für mehr Schlaglöcher, aber auch mehr Baustellen. Olé.

Kurz hinter der litauisch-lettischen Grenze

Wir werden uns in den kommenden Wochen wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, weite Wegstrecken auf schnurgeraden Straßen ohne Ortschaften zurück zu legen. Dennoch kann sowas am Abend nach einer langen Autofahrt sehr einschläfernd wirken. Da hilft es auch nicht lange, sich über die Bushaltestellen mitten im Nichts zu wundern, die sich neben einem Schild befinden, das die nächste Ortschaft in drei Kilometern Entfernung ankündigt. Und auch „Ich sehe was, was du nicht siehst“ ist schnell durchgespielt.

In Liepāja checken wir schließlich in unserem unterwegs gebuchten Hotel ein und fragen uns langsam, ob wir das Zelt eigentlich umsonst gekauft haben.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.025 km
  • Heute: 302 km
  • Streckenverlauf: Kaliningrad – Swetlogorsk (RUS) – Nida – Klaipėda – Palanga (LT) – Liepāja (LV)
  • Länder: Russland, Litauen, Lettland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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