Tag 6: PAOK Saloniki – AC Florenz

23. Oktober 2014. Thessaloniki, Griechenland.

Die Fahrt mit dem Bus vom Hotel in Piräus zum Flughafen in Athen begannt wie vorauszusehen war viel zu früh und dauerte viel zu lange. Aber wer mit RyanAir für ein paar Euro fliegen will, muss ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Einen Abflug um 7:45 Uhr zum Beispiel. Oder dass er erst eine halbe Stunde durch den Flughafen zum letzten Gate laufen und anschließend noch mal zwei Stunden mit dem Bus zum Flugzeug fahren muss, weil die billigen Start- und Landeplätze in der äußersten und am weitesten vom Terminal entfernten Ecke des Flughafens liegen.

Nun ja, es war günstig und wir haben es überlebt. In Thessaloniki angekommen, fuhr uns der Bus in Richtung Innenstadt direkt vor der Nase weg und wir mussten eine halbe Stunde auf den nächsten warten. In dieser halben Stunde öffnete sich der Himmel und die Menge Niederschlag, die in Hamburg in zwei Jahren fällt, ergoss sich innerhalb genau dieser halben Stunde über der Stadt. Der Unterstand bei den Bushaltestellen war natürlich kein bisschen windgeschützt, sodass wir alles direkt abbekamen.

Als wir dann komplett durchgefroren und nass waren, kam der Bus und Regen und Wind schalteten etwa drei Gänge zurück. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof konnten wir feststellen, dass Thessaloniki das Problem mit dem Hochwasser in den Straßen, das wir vor drei Jahren an einem regenreichen Tag bereits kennenlernen durften, noch nicht in den Griff bekommen hatte. Außerdem stellten wir auf dem Weg fest, dass in der Straße, in der 2011 Bauarbeiten für die Metro liefen, immer noch riesige Baulöcher klaffen. Wahrscheinlich sogar an den gleichen Stellen wie damals als man beim Graben zufällig auf antike Gegenstände gestoßen war. Also alles beim Alten.

Auch wenn es erst 10:30 Uhr war, hatten wir die vage Hoffnung, unser Hotelzimmer bereits beziehen und darin ein wenig Schlaf nachholen zu können. Wir waren nämlich nicht nur übermüdet, sondern auch komplett durchgefroren und unmotiviert, irgendwas zu unternehmen, weil wir die Stadt bereits kannten und das Wetter Scheiße war.

Leider wurde uns diese Hoffnung durch einen schmierigen Angestellten an der Rezeption genommen. Unser Zimmer wäre noch nicht fertig, Check-In wäre erst um 14:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt konnte er uns noch kein Zimmer stellen, weil er komplett ausgebucht wäre. Na klar. Deswegen hatten wir auch unser Zimmer direkt am Bahnhof für 30 Euro in der Nacht bekommen. Penner. (Ja, wir wussten, dass der Check-In erst ab 14:00 Uhr stattfand und der Typ an der Rezeption hat wahrscheinlich auch nur seine Anweisungen befolgt, aber es war kalt und wir frustriert.)

Wir schlugen dann zwei Stunden am Bahnhof in einem Café tot und kehrten anschließend in die Hotellobby zurück, weil es dort wärmer war. Bereits um 13:30 Uhr durften wir dann unser Zimmer beziehen, bestellten noch ein Club Sandwich und schliefen bis der Wecker um 17:30 Uhr klingelte.

Dann machten wir uns fertig, zogen uns warm an und gingen abermals zum Bahnhof. Von dort aus fuhr nämlich unser Bus zum Toumba Stadion, wo wir heute PAOK Saloniki gegen den AC Florenz in der Europa League sehen sollten. An unserer Bushaltestelle warteten bereits einige PAOK-Fans mit Schals und Fahnen und wir gesellten uns unauffällig dazu.

Waren die Jungs am Bahnhof noch ruhig und entspannt, drehten sich komplett durch als der Bus losfuhr. Da wurden alle Fenster und die Dachluke aufgerissen, auf die Sitze gesprungen und Fahnen und Schals geschwenkt was das Zeug hielt. Außerdem haben sie ein breites Repertoire an Fangesängen rausgeholt und im Bus und nach draußen gesungen und gegrölt.

In Deutschland ist es ja so, dass Fußballfans von – wie sie sich selbst bezeichnen würden – „normalen“ Menschen grundsätzlich als Störenfriede oder Minderbemittelte empfunden und entsprechend nur mit Widerwillen akzeptiert und von oben herab betrachtet werden. (Außer zur WM, da ist es in, Fußballfan zu sein.) Hier in Thessaloniki war das genaue Gegenteil der Fall. Die Leute auf den Gehwegen und an den Bushaltestellen freuten sich über die Jungs, die Spaß hatten, und sangen sogar mit.

Im Laufe der Fahrt füllte sich der Bus immer weiter, sodass wir nach kurzer Zeit ohne ein Stück Bewegungsfreiheit in die Ecke gedrängt standen. Für die Leute, die noch rein wollten, war das aber kein Problem, denn die drückten so lange bis sie selbst noch hinein passten. Und weil die beschriebenen Metro-Baustellen die Fahrbahn verengten und wir uns mitten im Feierabendverkehr auf der einzigen großen Straße im Zentrum Thessalonikis befanden, dauerte die Fahrt von fünf Kilometern etwa eine Stunde.

An der Ausstiegshaltestelle sahen wir zwar das Stadion noch nicht, aber da der Bus schlagartig komplett leer war, sahen wir das als Zeichen, dass wir auch aussteigen sollten. Viel Zeit bis zum Anstoß war jetzt zwar nicht mehr. Wir mussten uns aber dennoch vorab stärken und probierten eine Spezialität Thessalonikis an einer Fressbude. Diese Spezialität heißt zwar Hot Dog, hat mit der dänischen Variante, die wir hierzulande kennen, aber nicht sooo viel zu tun.

Okay, ja, es gibt es Brötchen und eine Wurst. Bei dieser handelt es sich aber nicht um eine kleine Pølser oder ein Wiener Würstchen. Nein, es ist eine dicke rote Bratwurst. Darauf kommt Senf und Ketchup, rohe Zwiebeln und als Topping auf das Brötchen eine Portion Pommes. Eine der geilsten Dinge, die ich je beim Fußball gegessen habe. (Mal abgesehen von dem Kuchen im VIP-Bereich bei diesem einen gelb-schwarzen Verein aus Sachsen, der eigentlich gar nicht so geil war, aber damit glänzen konnte, dass es halt Kuchen war. In einem Stadion. Beim Fußball. Als Stehplatzkind, das sein ganzes Fanleben lang nur Bratwurst gegessen hatte, hat mich das schon beeindruckt.)

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Weil die Fahrt länger dauerte als geplant und der Einlass kurz vor Spielbeginn noch hoffnungslos überfüllt war, kamen wir gerade rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion. Wo sich unsere Plätze befanden, war schwer herauszufinden. Und als wir sie dann schließlich gefunden hatten, konnten wir feststellen, dass hier mehr oder weniger freie Platzwahl zu herrschen schien und unsere Plätze bereits belegt waren. Das ist ja grundsätzlich kein Problem, denn wenn sich jemand auf unsere Plätze setzt, bleibt dessen Sitz ja theoretisch für uns frei. Theoretisch. Praktisch gab es keine freien Plätze mehr.

Mit uns standen noch viele andere Leute ratlos im Gang bis einfach ein paar von ihnen in einen von Polizisten freigehaltenen Block gingen. Diese waren erst etwas unschlüssig und schauten sich ziemlich dämlich um, unternahmen aber nichts, weil keiner zu wissen schien wie man mit einer derart unwahrscheinlichen Situation umgehen sollte. Das hat aber niemanden gestört und so hatte jeder einen Platz. Hinter uns saßen schließlich ein paar Italiener, rechts ein Polizist und sonst nur PAOK-Fans.

Das Toumba Stadion fasst knapp 30.000 Zuschauer und war – bis auf einen Puffer um den Gästeblock herum – ausverkauft. Es ist ein reines Sitzplatzstadion, das zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen als Trainingsstätte für die Fußballmannschaften diente und im Vorfeld dessen zuletzt modernisiert worden ist. Weil das Stadion bereits 55 Jahre alt ist, will der Verein ein neues Stadion bauen, kann es sich aktuell allerdings nicht leisten. Das finde ich persönlich auch gar nicht schlimm, weil es alles bietet, was ein Stadion braucht und durch seine großzügige runde Form und Gestaltung in den Vereinsfarben ein einladendes Stadion mit Charakter ist.

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Die PAOK-Fans befanden sich in der Kurve hinter dem Tor links von uns. Die Florentiner hatten einen isolierten, aber dennoch komplett von Ordnern umstellten Bereich ein wenig rechts von uns. Zu Spielbeginn gab es ein kleines bisschen Pyro auf Seiten der PAOK-Fans, das aber nun wirklich niemanden störte. Die Lieder, die gesungen wurden, kannten wir alle schon aus dem Bus und die Mitmachquote war leider nicht allzu hoch. Dadurch war es lange nicht mehr so laut und emotional wie noch in Piräus am Vortag.

Die etwa 150 mitgereisten Florentiner waren hin uns wieder zu hören, hatten aber ohne Dach und aufgrund der geringen Anzahl eigentlich keine Chance, im Stadion für ein wenig Stimmung zu sorgen. Außerdem orientieren sich die deutschen Fanszenen ganz stark an Italien, weshalb die Gesänge der AC-Fans für uns weder sonderlich überraschend noch interessant waren.

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Florenz spielte schneller und intelligenter als PAOK, ging verdient mit 1:0 in Führung und hielt dieses Ergebnis bis zum Schluss. Unser Standardresultat hatte sich also ein weiteres Mal eingestellt. Ansonsten wurde von beiden Seiten viel über Schiedsrichter Felix Zweier und sein Gespann gemeckert. Hin und wieder stimmte das ganze Stadion in die Gesänge ein, was sehr laut, aber leider sehr selten war. Wir sahen noch Marko Marinh bei Florenz spielen und einige Zuschauer versuchten, mit Laserpointern Verwirrung zu stiften. Dann war auch schon Feierabend.

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Nachdem das Spiel abgepfiffen worden war, begannen die PAOK-Fans richtig laut zu singen und ihre Mannschaft zu feiern. So laut war es während der gesamten 90 Minuten zuvor nicht gewesen. Das war uns ziemlich unverständlich, weil ihre Mannschaft auch nicht so gespielt hat als hätte sie es verdient, dermaßen laut und ausgiebig gefeiert zu werden.

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Unser Bus jedenfalls war auf der Rückfahrt weder so voll noch so langsam wie auf der Fahrt zum Stadion und so waren wir mal wieder vor 23:00 Uhr im Hotel und sollten zusätzlich sogar ausschlafen können, weil unser Zug nach Sofia erst am Nachmittag fahren soll. Ein Traum.

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