Tag 6: Wie man einen Tag in einem Zug in Russland verbringt

15. Juli 2015. Irgendwo in Russland – Zug nach Astana (Kasachstan).

Als wir aufwachen haben wir bereits mehrere hundert Kilometer zwischen uns und Moskau gebracht. Die Klimaanlage läuft überraschend gut und scheint auf die Stufe „Helsinki“ eingestellt zu sein; glücklicherweise verfügt sie nicht über eine Niederschlagssimulation. Mit heißem Wasser aus dem Samowar verwandeln wir unseren Krümelkaffee und Krümeltee in sowas ähnliches wie echte Getränke und komplettieren unser Frühstück mit einer guten Portion Piroggen mit Käse und Vanillepudding – zum Glück auf verschiedene Teigtaschen verteilt.

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Frühstück

Kommse rein, könnse rausgucken. Manchmal.

Und weil wir immer noch die einzigen Passagiere in unserem Wagon sind, habe ich jetzt mal die Gelegenheit, euch  ungestört herum zu führen. Wir beginnen vorn, wo wir auch ein- und aussteigen. Die Tür wird nicht über einen Knopf automatisch geöffnet; vielmehr ist hier ein bisschen Muskelkraft notwendig, die allerdings von der Schaffnerin eingebracht wird, sodass auch Menschen ohne einen erwähnenswerten Oberarm ein Zugang zum Zug gewährt wird. Wir steigen mit zwei großen Schritten die beiden Stufen hinauf und befinden uns im Eingangsbereich. Links geht es in den nächsten Wagon, rechts durch einen schmalen Gang in unseren. Weil ich euch unseren Wagon zeige, biegen wir natürlich rechts ab.

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Einsteigen, bitte!

Das erste und einzige, was ihr in den ersten fünf Sekunden wahrnehmen könnt, ist die Holzvertäfelung der Wände und Türen – in einem geschmackvollen „Buche“ gehalten. Bevor wir den Hauptgang betreten, müssen wir durch eine schmale Gasse, an deren linken Seite sich das Dienstabteil der Schaffnerin befindet. Das ist eigentlich fast immer offen, damit man jederzeit mit Problemen zu ihr kommen kann. Weil sie uns gerade die Wagontür geöffnet hat, ist es allerdings leer, sodass ihr unbeobachtet einen Blick hinein werfen könnt. Es ist etwas kleiner als unser Abteil, das ihr gleich noch seht, und hat im Gegensatz zu allen anderen nur eine Liege, dafür aber ein eigenes Waschbecken und einen kleinen Tisch am Fenster.

Weil die Schaffnerin nun auch eingestiegen ist und wir nicht unhöflich in ihrem Abteil herum schnüffeln wollen, gehen wir weiter. Der Hauptgang hat zwei Gesichter – das eine – links – ist Buchenfurnier, das andere – rechts – blauer Vorhang. Die leeren Abteile werden während der Fahrt abgeschlossen, sodass es aussieht, als befände sich links nur eine holzvertäfelte Wand mit Griffen. Aus einem wenig nachvollziehbaren Grund schließt die Schaffnerin auch die Vorhänge vor den Fenstern, die sich eigentlich rechter Hand befinden, sodass ihr hier vor allem blau und ein paar Sonnenstrahlen seht.

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Der Hauptgang: Holz und Vorhang

Wenn ihr euch einmal um 180 Grad dreht, seht ihr, dass sich direkt hinter euch der Samowar befindet, der aussieht wie eine weiße Tonne mit Thermometer und Zapfhahn. Auf ersterem sind immer zwischen achzig und neungzig Grad angezeigt. Unter letzterem liegt immer ein Lappen oder Tuch, das die unvermeidlichen Tropfen auffängt. Damit niemand versehentlich gegen den heißem Samowar läuft, ist er ein wenig in in die Wand eingelassen.

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Samowar: Lebenswichtig auf langen Fahrten

Wir gehen nun ein Stück den Hauptgang entlang. Unser Abteil ist das sechste von insgesamt zehn, also ziemlich in der Mitte des Wagons gelegen. Es ist Weitem daran zu erkennen, dass dort die Sonne scheint. Eine assoziative Metapher dazu und unseren sonnigen Gemütern könnt ihr euch an dieser Stelle gegebenenfalls selbstständig denken. Das Fenster gegenüber unserer Abteiltür ist das einzige im Gang, das nicht von einem Vorhang verdeckt ist. Hier fällt Licht ein und es ist sogar möglich, es zu öffnen. Purer Luxus, den kaum ein Zug in Deutschland mehr bieten kann.

Unsere Abteiltür ist natürlich ebenfalls geöffnet, damit ein bisschen Luft, Licht und Geselligkeit hinein finden. Selbstverständlich ist auch unser Abteil von oben bis unten holzvertäfelt. Auf jeder Seite gibt es zwei Liegen, eine oben, eine unten. Wir belegen die beiden unteren, die wir so hergerichtet haben, dass es immer möglich ist, ein Mittagsschläfchen einzulegen – Matratze, Kissen, Decke liegen jederzeit zum Einsatz bereit. Die beiden oberen Liegen sind nicht bewohnt, die Kissen sind in die Matratzen eingerollt, die Bezüge liegen frisch gereinigt und eingeschweißt daneben. Und weil dem so ist, könnt ihr auch sehen, dass die Liegen mit einem geschmackvollen roten Leder bezogen sind, das sich wunderbar von der Buche absetzt.

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So sehen die unbewohnten Abteile aus.

Am Fenster sind Spuren vom letzten Regen zurückgeblieben, sodass ihr immer Schlieren seht, wenn ihr rausguckt. Die Gardine ist zur Seite gezogen und hinter die Stange geklemmt, um möglichst viel Licht und Ausblick ins Abteil zu lassen. Der kleine Tisch vor dem Fenster ist voll gestellt mit Gläsern mit schweren Metalleinfassungen, Kopfhörern, Kabeln, Notizbüchern, Desinfektionsmittel, feuchten Tüchern, Krümelkaffee und -tee, Portemonnaies, Taschentüchern, Reisepässen – also allem, was man auf einer dreitägigen Zugfahrt immer griffbereit haben muss.

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Immer alles griffbereit

Unter dem Tisch liegt der Beutel mit den Piroggen und unter den Liegen die Rucksäcke, die noch zur Hälfte raus gucken, weil sie nicht komplett drunter passen. An der Wand neben der Tür hängen die Waschtaschen und an den Handtuchhaltern die Handtücher. Es ist nichts besonderes, aber wir haben es uns über Nacht doch sehr wohnlich gemacht.

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Kissen und Decken polstern den Rücken beim Rausschauen

Wir verlassen unser Abteil wieder und gehen nach links weiter den Hauptgang hinunter, an den anderen geschlossenen Abteilen vorbei. Hinter der Schwingtür am Ende des Ganges befindet sich der Vorraum zur Toilette. Diese ist zwar alt und riecht beim Spülen nach Pipi, ist dafür aber ziemlich sauber, was sicher auch daran liegt, dass wir den Wagon derzeit noch zu zweit bewohnen. Benutzt werden darf die Toilette nur während der Fahrt, weil das, was man runterspült, nicht aufgefangen, sondern direkt auf die Schienen gegeben wird. Der Toilettendeckel wird durch einen Haken oben gehalten, die rosa Klobürste ist mit einem Stück Schnur an einem Griff angebunden.

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„Während des Aufenthalts in einem Bahnhof ist die Nutzung der Toilette verboten.“

Dort, wo sich mal der Spiegel über dem Waschbecken befand, befindet sich nun ein Loch, das den Blick auf die Leitungen freigibt. Der Seifenspender hat ebenfalls ein Loch, das zum Nachfüllen gedacht ist. Einen Deckel dafür gab es mal. Den Wasserhahn bringt man nicht durch das Drehen der beiden Knöpfe zum Laufen, sondern dadurch, dass man den Nippsel am Ende (da wo das Wasser raus kommt) nach oben drückt. Jetzt wisst ihr auch, warum bei uns immer Desinfektionsmittel auf dem Tisch steht.

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Braucht hier jemand einen Spiegel?

Hinter der Toilette befindet sich die Tür, die zum Übergang in den nächsten Wagon führt. Bei voller Fahrt empfiehlt sich ein Wagonwechsel jedoch nicht unbedingt, zumindest nicht ohne festes Schuhwerk. Das Blech, das als Brücke durch den „Schlauch“ dient und die beiden Wagons verbindet, ist nicht deutlich breiter als ein Toilettendeckel, zwischen Blech und Schlauch ist freie Sicht auf die Schienen, die sich von oben betrachtet ziemlich schnell unter euch bewegen.

So, da ihr jetzt alles gesehen habt, müsst ihr uns verlassen, denn wir haben auch noch einiges zu tun. Vielen Dank für euren Besuch. Beehren Sie uns wieder.

Wie man die Zeit im Zug verbringt

Wir machen es uns schließlich mit einem Hörbuch auf den Betten bequem und dösen ein bisschen vor uns hin. Zwischendurch laufen drei verschiedene Frauen durch den Zug, die Schmuck und Pelze verkaufen. Bei den langen Strecken, die wir zwischen unseren Halten zurücklegen – das können bis zu vier Stunden sein – hoffen wir, dass sie nicht ausschließlich zum Verkauf ihrer Waren den Zug bestiegen haben, sondern dieses Geschäft auf einer sowieso geplanten Fahrt mitnehmen. Ansonsten scheint diese Art des Zugverkaufs ziemlich ertragsarm.

Wir passieren vor allem Laubwälder und Felder. Hin und wieder ein kleines Dorf mit einfachen Häusern aus Holz und Dächern aus Wellplatten. An den Gleisen sind Kühe angebunden, Bahnübergänge sind entweder ganz verlassen oder nur von einem wartenden Auto besetzt. Immer wieder überholen wir kilometerlange Züge voller Gasbehälter und Container. Es ist spektakulär unspektakulär.

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Gegend.

Pünktlich um 12:59 Uhr fahren wir in den Bahnhof Sisran-1 ein. Vorher hat unsere Schaffnerin alle Abteile aufgeschlossen, wohl in der Hoffnung, dass noch jemand zusteigt. Diese bestätigt sich überraschenderweise nicht. Wir verlassen pünktlich um 13:14 Uhr nach einigem Rumpeln und Zustiegen in anderen Wagons den Bahnhof und befinden uns nach nur wenigen Minuten wieder auf freier Wildbahn.

Die Landschaft verändert sich nicht; wir fahren weiterhin durch Laubwälder und sehen selten Menschen. In den wenigen Orten stehen alte, verrostete Autos aus den Neunzigern. Neuere Autos sind, seitdem wir Moskau verlassen haben, eine absolute Rarität. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist gewaltig.

Das Dilemma mit den Zeitzonen

Um 15:41 Uhr sollen wir laut Fahrplan Samara erreichen, den mit Abstand längsten Halt des Tages in der mit Abstand größten Stadt. Als wir das nächste Mal anhalten, zeigt mein Handy 15:41 Uhr, bei Denis ist es erst 14:41 Uhr. Beide Mobiltelefone sind so eingestellt, dass sie die Uhrzeit übernehmen, die das Netz vorgibt, in dem sie eingeloggt sind. Wir sind verwirrt. Das Problem ist, dass es auf den wenigsten kleinen Bahnhöfen, an denen wir vorbei fahren eine Uhr gibt. Oder ein Schild, auf dem der Name des Bahnhofs steht. Deswegen müssen wir uns auf den Fahrplan und die Handys verlassen.

Weil auf dem Fahrplan kein Halt zwischen Sisran-1 und Samara eingetragen ist, und zumindest eins von zwei Handys die richtige Uhrzeit anzeigt, gehen wir davon aus, dass wir gerade in Samara eingefahren sind. Ich will also mit dem Portemonnaie auf den Bahnsteig, um ein wenig Nachschub an Essen zu besorgen, da zeigt mir unsere Schaffnerin ziemlich unmissverständlich an, dass ich nicht aussteigen darf, weil wir gleich weiter fahren. Okay. Eine Stunde später, Denis‘ Handy zeigt 15:41 Uhr, meins 16:41 Uhr, erreichen wir tatsächlich Samara. Eine Beschilderung gibt es zwar auch hier nicht, aber das riesige, komplett verglaste Bahnhofsgebäude trägt die Letter C A M A R A, was für uns als Indiz ausreicht, uns in Sicherheit zu wiegen und auszusteigen.

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Bahnhof Samara

Ungefähr alle Passagiere unserer dreizehn Wagons sind augenblicklich auf dem Bahnsteig, um sich die Beine zu vertreten, zu rauchen und sich an den beiden kleinen Buden für die Weiterfahrt zu versorgen. Weil unser Zug nicht über einen Speisewagen verfügt und die Frauen im Zug nur Schmuck und nutzloses Zeug verkaufen, sind Halte wie dieser natürlich sehr beliebt. Weil es so warm und eng ist, ich die Sprache nicht spreche, die Schlange hinter mir immer länger wird und der Typ neben mir so laut und ekelhaft an seinem Eis schmatzt und immer näher kommt, gebe ich mich mit einer Tüte Chips und Keksen zufrieden, um schnellstmöglich die Schlange am Kiosk verlassen zu können. Teigtaschen haben wir noch im Abteil und was Frisches – Obst oder Saft – ist sowieso nicht im Angebot. Das frischste, was es hier zu kaufen gibt, ist eine in Klarsichtfolie eingepackte Pizza.

Auch in Samara steigt bei uns niemand zu, die Schaffnerin schließt die Abteile ab und die Toilette auf und wir sind schon wieder unterwegs. Es gibt Kekse, Mittagsschlaf, Gegend, die an den Fenstern vorbei zieht, und das angenehme regelmäßige Ruckeln und Rattern des Zuges. Zeit zum Entspannen.

Der schmale Grat zwischen Zufriedenheit und Unbehagen

Das tolle an solchen langen Zugfahrten ist, dass man sich im Abteil ausbreiten kann, ohne schon ein paar Stunden später alles zusammen packen zu müssen. Der Tag vergeht irgendwie, man schaltet ab, schaut raus, kann sowieso nirgendwo hin und nichts erledigen, Handyempfang gibt es nur an größeren Bahnhöfen. Man lebt in den Tag hinein, schaut, was er bringt, isst, trinkt, putzt sich die Zähne, wenn man es für notwendig hält und hat vor allem eins: Zeit. Wenn man aus dem Fenster sieht, kann man immer irgendwas entdecken, was ganz anders ist als Zuhause: einfache, kleine Häuser, Leute, die über oder an Gleisen spazieren gehen, leerstehende, verfallende Industrieanlagen, alte Autos an Bahnübergängen, Tiere in Wäldern und Wiesen, Bahnhöfe, die mitten im Nichts stehen, scheinbar keinen Zugang zu einer Straße haben und mangels Ort in der Nähe mit Bezeichnungen wie „966 km“ oder „1.196 km“ beschildert sind. Und wenn man sich anders beschäftigt und nicht die Umgebung beobachtet, hat man nie das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Es gibt keinen Druck, unbedingt etwas sehen zu müssen.

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Ausblick

Am Abend beobachten wir lange die untergehende Sonne und kilometerlange Güterzüge, die den Sonnenuntergang versperren. Wir haben das Fenster im Gang geöffnet, halten die Köpfe raus und lassen uns den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Wenn wir um eine Kurve fahren, ist der Zug in ganzer Länge zu sehen, daneben die Sonne, die in einem orangen Streifen am Horizont untergeht. Zu hören ist nur das Rattern des Zuges, wenn er über die Schwellen fährt, ansonsten strahlt die unbewohnte Umgebung Ruhe und Gelassenheit aus. Es ist einer der schönsten Momente der gesamten Reise.

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Zug im Sonnenuntergang.

Als es dunkel und kalt geworden ist, gehen wir schließlich ins Abteil, schließen ab und löschen das Licht, um noch was von der Umgebung zu sehen. Plötzlich wird es hell, von draußen strahlt es mit der Stärke mehrerer tausend Watt ins Abteil. Auf einem von Flutlicht beleuchteten Abschnitt auf den Nachbargleisen steht schweres Kriegsgerät, darunter Panzer und Transportfahrzeuge, auf Transportzügen bereit zur Abfahrt. Die Lok steht Richtung Osten. Wo es wohl hingeht? Ein wenig mulmig lässt einen ein solcher Anblick kurz vor dem Schlafengehen schon werden. Es erinnert jedenfalls daran, dass Russland ein großes Land mit einem großen militärischen Selbstverständnis ist, worüber die Ruhe und Einfachheit des Großteil des Landes schnell hinweg täuschen kann.

Danach gibt es nicht mehr viel zu sehen, Müdigkeit macht sich breit, es ist Schlafenszeit. Im Zug vergeht die Zeit anders als draußen. Der Tag ist, genauso wie tausende Kilometer, nur so an uns vorbeigerauscht.

Heutige Verbindungen

D 84CJ Moskau (ab 14.07.2015, 22:50 Uhr) – Astana (an 17.07.2015, 7:03 Uhr) / 25.129,60 Rubel = 345,48 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Moskau-Astana

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