Tag 7: Es ist Schienenersatzverkehr

9. Juni 2011. 12:16 Uhr. In der Bahnhofskneipe Veliko Tarnovo, Bulgarien.

Mittlerweile sind wir dank Internet, einer engagierten Rezeptionistin und einer bulgarischen Reiseagentur ein bisschen schlauer bzgl. unserer Weiterfahrt nach Istanbul. Wir werden über Stara Zagora fahren. Dazu müssen wir mit dem Zug nach Radunci, dann mit dem Bus (Schienenersatzverkehr) nach Dabovo und von dort weiter mit dem Zug nach Stara Zagora. Dort können wir dann in unseren Nachtzug nach Istanbul einsteigen, der aufgrund der Umleitung eine Dreiviertelstunde später in Istanbul sein wird. Uns soll es recht sein, so können wir noch ein bisschen länger schlafen.

Jetzt sitzen wir gerade in einer Kneipe am Bahnhof von Veliko Tarnovo, weil wir das Gepäck nirgendwo zwischenlagern können. Das angekündigte Gewitter zieht auch langsam auf und wir überlegen, ob wir schon früher nach Stara Zagora aufbrechen sollten, als es die Dame in der Reiseagentur empfohlen hat.

Veliko Tarnovo

Veliko Tarnovo

Heute Morgen nach dem Frühstück sind wir auf der Burg Tsarevets gewesen. Obwohl es dort schweineheiß war und die Burg auf einem Berg steht, war es sehr interessant, denn Tsarevets gilt als Ursprung Bulgariens. Auf dem Burgberg stand übrigens die hässlichste Kirche, die je gesehen worden ist. Insgesamt ist wieder aufgefallen, dass – wie in Rumänien – mehr amerikanische und englische Touristen hier unterwegs sind als erwartet, und dass alle französischen Touristen über 60 sind.

Mit dem Taxi fuhren wir danach zu einer Reiseagentur im anderen Teil Veliko Tarnovos. Die Rezeptionistin erklärte dem Fahrer, wohin wir mussten und wir kamen tatsächlich dort an. Nachdem wir alle Auskünfte und Abfahrtzeiten bekommen hatten, machten wir uns zu Fuß auf zum Bahnhof. Der Weg war nicht ganz einfach zu finden (einmal wären wir fast falsch abgebogen und hätten einen dermaßen unnötigen Weg bergauf genommen.), aber angekommen sind wir trotzdem. Wir gingen eine Weile über eine der weniger stark befahrenen Straßen des Landes, an der es keinen Gehweg gab, da dieser auch relativ unnötig gewesen wäre. Neben ein paar Autos kam uns ein Bauer mit seiner Kutsche entgegen, der wohl seine Ernte einbrachte.

9. Juni 2011. 18:27 Uhr. An der Bahnhofskneipe Stara Zagora, Bulgarien.

Schienenersatzverkehr

Schienenersatzverkehr

Wir sind um 14:51 Uhr von Veliko Tarnovo nach Stara Zagora aufgebrochen und ich denke, wir können zu Recht froh darüber sein, dass wir es überlebt haben. Schienenersatzverkehr sieht in Bulgarien nämlich anders aus als in Deutschland. Wir kamen also nichts ahnend in Radunci an. Radunci stellte sich als ein kleines Kaff mitten im bulgarischen Bergland heraus, wo es keine festen Bahnsteige gibt. Na ja, eigentlich braucht man die ja auch gar nicht. Auf dem „Bahnhofsvorplatz“ standen schon drei Busse bereit, einer älter als der andere. Wir haben uns also den ersten Zug ausgesucht, Gepäck verstaut und ab dafür. Beschriftungen wie „Im Notfall m. d. Hammer d. Scheibe einschlagen“ ließen darauf schließen, dass unser Bus bereits einmal auf mitteleuropäischen Straßen unterwegs war.

Die Fahrt nach Dabovo war bisher das Highlight unserer Reise. Denn – wie erwähnt – waren wir im Bergland unterwegs. Und so ging es die Berge auf und ab um Kurven, bei denen ich mit dem Schinken schon Probleme gehabt hätte und stets auf Tuchfühlung mit dem Bus vor uns. Leitplanken scheinen in Bulgarien nicht sonderlich modern zu sein, denn sonst hätte man öfter welche davon gesehen. Natürlich saßen wir auf der Seite, von der aus man direkt in den Abgrund unter uns schauen konnte und unsere Hände wurden immer nasser. Wie sollten wir das bloß überleben, ohne dass wir einfach seitlich umkippen? Und vor allem: Was passiert, wenn uns jemand entgegen kommt? (Letzteres ist zum Glück nicht eingetreten.)

Gesellige Runde an der Bahnhofskneipe

Gesellige Runde an der Bahnhofskneipe

Wir kamen dann widererwarten doch unversehrt in Dabovo an und waren für die Senioren in der örtlichen Bahnhofskneipe die Attraktion des Tages. Auf der Weiterfahrt mit der Bahn gab’s dann gleich das zweite Mal Herzrasen an diesem Tage. Die Türen unseres Wagons waren während der Fahrt an beiden Seiten geöffnet. Klingt zwar nicht so spannend und wir hatten es schon bei anderen Zügen gesehen. Aber bei vollem Tempo (das übrigens deutlich höher ist als in Rumänien) an diesen Türen vorbei zu gehen, ist doch nicht so entspannt, wie man es sich vorstellt. Eine unerwartete Kurve und du liegst neben dem Gleis. Aber wer auf die Toilette will, muss dieses Risiko wohl auf sich nehmen. Der Rest der Fahrt war ganz entspannt. Die Fenster waren offen und wir konnten einen tollen Ausblick genießen.

Kein Mensch braucht einen festen Bahnsteig

Kein Mensch braucht einen festen Bahnsteig

Wir hielten einige Male an und waren uns nicht immer sicher, ob wir in einem Bahnhof standen oder nicht. Das Fehlen eines Bahnsteiges hat bzgl. des Vorhandenseins eines Bahnhofes keine Bedeutung. Bei einem Halt mitten im Wald gab es z.B. nur ein kleines Gebäude und drum herum nur Bäume. Ausgestiegen ist dort trotzdem jemand.

Wir hatten heute wieder einen alten Regionalexpresswagon der DB dabei, genau wie auf der Fahrt nach Bukarest. Auf dieser hat Denis übrigens auch gelernt, wie sich eine Windschutzscheibe fühlt. Fahrtwind, Fahrtwind, Fahrtwind, Flatsch – Käfer auf der Brille.

Ein Eindruck, den ich fast noch vergessen hätte: kurz nach der rumänisch-bulgarischen Grenze fuhren wir sehr langsam über eine Brücke, die wenig vertrauenerweckend wirkte. Ich: „Warum fahren wir so langsam? Hält uns die Brücke sonst nicht?“ Denis: „Nein, wir hatten gerade ein rotes Signal. Aber anstatt zu halten hat der Lokführer gehupt und fährt nun ganz langsam.“  Ahja. Wir haben jetzt noch drei Stunden bis unser Nachtzug nach Istanbul kommt. Diese werden wir auf dem Bahnhof verbringen, weil wir das Gepäck nirgendwo lassen können und Stara Zagora auch nicht wirkt, als sollte man abends als Tourist hier frei herumlaufen. Jetzt gibt’s aber erstmal Abendbrot.

9. Juni 2011. 19:09 Uhr. An der Bahnhofskneipe Stara Zagora, Bulgarien.

Unsere Abendbrotlokalität

Unsere Abendbrotlokalität

Denis hat uns in fließendem Bulgarisch (etwas anderes spricht die Dame in unserem Kneipenkiosk nicht) leckeres Khlav Kalash zum Abendbrot besorgt. Die Kommunikation lief über Hände, Füße, Stift und Papier. Die Dame war sehr nett und freute sich jedes Mal, wenn Denis die zu zahlenden Beträge aufrundete, weil wir das Geld loswerden wollten. Jetzt sind wir für 10 Leva (5 Euro) satt geworden. Wir hatten zwei Buletten, zwei gefüllte Teigtaschen, zweimal Nachtisch Angela (großes Yes-Törtchen) und 3 Liter Wasser. In Veliko Tarnovo hatten wir für 5 Leva (2,50 Euro) zwei Hühnersuppen und zwei Eistee. Jetzt sind noch 10 Leva übrig und wir wissen gar nicht genau, wohin damit. Wir werden sie wohl noch sinnvoll in Süßigkeiten investieren müssen.

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