Tag 7: Im Nachtzug von Thessaloniki nach Sofia

24. Oktober 2014.

Weil an diesem Tag nichts anderes passiert ist, das Thema dieses Blogs ja grundsätzlich das Zugfahren ist und wir es bisher versäumt haben, wollen wir einmal für diejenigen unter euch, die noch nie mit dem Nachtzug im Ausland gefahren sind, diese Fahrt etwas detaillierter als sonst zusammenfassen. Vielleicht erleichtert es euch die Entscheidung, mal einen Nachtzug zu buchen.

Wir wollten also von Thessaloniki im Norden Griechenlands in die bulgarische Hauptstadt Sofia fahren. Auf direktem Wege sind die beiden Städte etwa 300 Kilometer voneinander entfernt. Da es aber keine Direktverbindung gibt, mussten wir eine Fahrt mit Umstieg in Niš im Osten Serbiens buchen, weshalb sich die Strecke fast verdoppelte. Unser Zug ab Thessaloniki war eine Verbindung nach Belgrad (D 334). In Niš wechselten wir in einen Zug, der von Belgrad nach Sofia fuhr (D 293).

Ein Tipp für die Planung einer Zugfahrt im Ausland. Auch wenn die Verbindungen auf diesem Wege nicht gebucht werden können, könnt ihr sie dennoch über die Seite der deutschen Bahn finden. Dort sind nämlich sehr viele internationale Hauptverkehrsrouten in der Datenbank hinterlegt. Selbst eine Verbindung von Hamburg nach Wladiwostok könntet ihr euch über diese Seite anzeigen lassen.

Gebucht werden können reine Auslandsverbindungen an den Fahrkartenschaltern der deutschen Bahn oder über darauf spezialisierte Agenturen. Solltet ihr Interesse daran haben, können wir euch gern eine Agentur empfehlen, mit der wir bereits mehrfach unterwegs und immer zufrieden waren. Die Jungs, die dort arbeiten, haben Ahnung von dem, was sie machen, und finanzieren sich aus Provisionen der Bahngesellschaften, die Sie für die Vermittlung der Tickets bekommen. Für euch bedeutet das, dass ihr nur den Preis der Fahrkarte zahlt und mehr nicht. Schreibt uns bei Interesse einfach an.

Unser Zug nach Niš sollte jedenfalls um 15:52 Uhr abfahren, stand aber bereits um 15:30 Uhr auf dem Abfahrtgleis bereit. Bei Nachtzügen ist es oft so, dass diese am Abfahrts- und großen Umstiegsbahnhöfen eine längere Standzeit haben. Das hat einerseits für euch als Reisende den Vorteil, dass die Fahrzeiten länger sind und ihr genug Zeit zum Schlafen habt. Andererseits können die Zugführer so Verspätungen, die sie unterwegs in Kauf nehmen müssen, wieder auffangen. An den Bahnhöfen gibt es meist Ankunfts- und Abfahrtspläne, an denen ihr vorab herausfinden könnt, wann euer Zug einfährt. Zur Not helfen euch bestimmt auch die Mitarbeiter an den Fahrkartenschaltern, wenn ihr euch verständlich machen könnt.

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Anders als in Deutschland steht im Ausland meist ein Schaffner an der Tür, der kontrolliert, dass nur Leute einsteigen, die auch eine Fahrkarte haben, und dass diese auch im richtigen Wagon sind. In Thessaloniki stand zwar niemand an der Tür, aber nachdem wir eingestiegen waren und unser Abteil gefunden hatten, kam unser Schaffner gleich angelaufen, kontrollierte unsere Fahrkarten und nahm diese an sich.

Die Fahrkarten werden bei Fahrtantritt eingesammelt, damit der Schaffner weiß, an welchen Bahnhöfen er Ausstiege hat. Mitten in der Nacht ist das für ihn natürlich besonders wichtig, denn dann muss er die Fahrgäste ja gegebenenfalls rechtzeitig vorher wecken. Die Fahrkarten erhält man dann beim Ausstieg zurück.

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Wir hatten zwei Plätze in einem Sechserabteil im Liegewagen gebucht. Der Unterschied zum Schlafwagen besteht im Komfort und Preis. Liegewagen gibt es mit vier oder sechs Liegen pro Abteil, im Schlafwagen sind es zwei bis vier. Während die Liegen im Schlafwagen ausschließlich zum Liegen gebaut und daher weicher sind, können die Liegen im Liegewagen so umfunktioniert werden, dass man aus dem Abteil im Handumdrehen ein Sitzabteil machen kann. Dazu werden die mittleren Liegen so heruntergeklappt, dass sie als Rückenlehne für die unteren Liegen dienen. Entsprechend sind diese härter und schmaler als die Liegen im Schlafwagen.

DSC04807Außerdem verfügen Schlafwagen über Duschabteile oder sogar private Duschen im Schlafabteil, zumindest gibt es ein Waschbecken im Abteil. Im Liegewagen gibt es hingegen nur eine Gemeinschaftstoilette wie in jedem anderen Zug, in der man sich frisch machen kann. Da wir lediglich eine Nacht unterwegs waren und den Zug zwischendurch wechseln mussten, reichte ein Liegewagen für uns vollkommen aus. Der Fahrtpreis von Thessaloniki über Niš nach Sofia lag für uns beide bei 78 Euro, also 39 Euro pro Person. Das war zwar mehr als für eine Nacht im Hotel, aber damit kommt man ja auch nicht im Schlaf an einen anderen Ort. Mehr Leistung, höherer Preis. Ganz einfach.

Wir teilten unser Sechserabteil zum Glück nur mit zwei weiteren Personen, weshalb die oberen beiden Liegen bequem als Gepäckablage benutzt werden konnten. Wären noch weitere Fahrgäste in unserem Abteil dazu gekommen, hätte es durchaus eng werden können, weil eigentlich nicht genug Platz in einem solchen Abteil ist für sechs Personen plus deren Gepäck. Mit etwas Improvisationstalent und ein wenig Zusammenrücken klappt es dennoch meistens, dass niemand seinen Koffer am Bahnhof zurück lassen muss. Ihr braucht nur Geduld und Druck.

Anfangs waren die beiden mittleren Liegen so herunter geklappt, dass sie als Rückenlehnen für die unteren dienten, sodass das Abteil aussah wie ein normales Sechserabteil im Fernzug. Nach einer Stunde Fahrt klappte wir die Liegen hoch, sodass sich jeder hinlegen konnte. Das ist eigentlich nicht besonders schwer. Meist gibt es einen Hebel, den man ziehen muss, und dann können die Liegen bewegt und eingerastet werden. Für Leute, die Angst haben, nachts aus ihrem Bett zu fallen, gibt es Gurte, die vor die Liege gespannt werden und ebendiese verhindern sollen. Wer im Schlaf nicht gerade eine Kür für die Bodenturn-WM einstudiert, sollte auch keine Probleme haben, im Bett zu bleiben.

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Die Toiletten in den meist alten Nachtzügen im Ausland dürfen nicht während eines Aufenthalts in einem Bahnhof genutzt werden. Der Grund ist, dass es bei diesen älteren Modellen keinen Auffangbehälter gibt, sondern alles, was in die Toilette kommt, anschließend direkt auf dem Gleis landet. Um zu verhindern, dass die Bahnhöfe irgendwann aussehen und riechen wie öffentliche Plumsklos, werden bei längeren Aufenthalten in einem Bahnhof werden die Toiletten meist abgeschlossen. Deshalb empfiehlt es sich immer, einen Reiseplan dabei zu haben, von dem man ablesen kann, ob es längere toilettenfreie Zeiträume gibt.

Auch wenn es meist Toilettenpapier gibt, empfiehlt es sich, immer Taschentücher oder eigenes Toilettenpapier dabei zu haben. Man weiß ja nie. Die Spülung und der Wasserhahn lassen sich meist über ein Pedal am Boden betätigen, das man nicht immer auf den ersten Blick sieht. Falls ihr auf Augenhöhe keinen Spülknopf findet, schaut einfach mal nach unten.

Aufgrund des Alters vieler Nachtzüge im Ausland sehen deren Toiletten meist sehr mitgenommen aus, sind bei Abfahrt aber immer sauber. Auf längeren Fahrten werden sie auch regelmäßig gereinigt. Je nach Zielfähigkeit eurer Mitreisenden kann sich dies über kurz oder lang ändern. An dieser Stelle eine Bitte bzw. ein Hinweise an die Stehpinkler unter unseren Lesern: Ihr könnt es nicht einschätzen, wann der Zug um eine Kurve fährt oder bremst. Deshalb entspricht eure Zielfähigkeit im Zug nicht mal ansatzweise der an Land. Just saying.

Wenn ihr dann alles erledigt habt, was es zu erledigen gibt, könnt ihr euch endlich in euer Bett legen und schlafen. Ein Kissen, Bettbezüge und ein Laken bekommt ihr meist, nachdem der Zug losgefahren ist. So ein Zug rattert und schaukelt auf der Fahrt natürlich umso mehr je älter er ist. Für manche ist es Gewöhnungssache, für andere auf Anhieb die beste Vorraussetzung einzuschlafen und wieder andere werden ihr Leben lang nicht warm mit dem Einschlafen im Nachtzug.

Ich erinnere mich nicht mehr an das Ziel meiner ersten Nachtzugfahrt, aber noch sehr gut daran, dass ich weder ein- noch durchschlafen konnte und dass mir ein wenig flau war im Magen als wir endlich ankamen. Je öfter ich jedoch Nachtzug gefahren bin, desto mehr habe ich mich daran gewöhnt und das monotone Rattern und Schaukeln zu schätzen gelernt. Nachdem wir im letzten Jahr in vier Tagen und drei Nächten von Sankt Petersburg nach Usbekistan gefahren sind, hatte ich in der ersten Nacht in einem stationären Bett, Probleme, in den Schlaf zu finden.

Um gut schlafen zu können, ist es natürlich wichtig, sich einigermaßen wohl zu fühlen. Auch wenn es aufgrund des Schaffners, der die ganze Zeit wach ist, relativ sicher ist im Nachtzug, macht es immer Sinn, die Wertsachen am Fußende eurer Liege oder sonst wo zu lagern, wo ihr direkten Zugriff habt und es merkt, wenn jemand versucht, etwas zu klauen. Außerdem solltet ihr die Tür verriegeln, wenn es möglich ist.

Und wenn ihr dann noch Angst habt, bei einer Vollbremsung oder einer Kurve aus dem Bett zu fallen, schnallt ihr den Gurt vor eure Liege und einer ruhigen Nacht steht nichts mehr im Wege. Es sei denn, ihr habt eine Grenze zu überqueren.

Auf der Strecke von Thessaloniki nach Sofia gibt es gleich drei davon: die griechisch-mazedonische, die mazedonisch-serbische und die serbisch-bulgarische. An jedem Grenzübergang erfolgen zwei Kontrollen, eine im Ausreise- und eine im Einreiseland. Meist gibt es zusätzlich noch eine kurze Zollkontrolle.

Die Grenzen kommen natürlich ohne Rücksicht darauf, ob ihr gerade schlaft oder nicht. Und zwar genau dann, wenn ihr gerade eingeschlafen seid. Ein lautes Klopfen an der Tür des Abteils und die Worte „PASSPORT CONTROL!“, die über den ganzen Gang gebrüllt werden, sind meist ein deutlicher Hinweis darauf, dass ihr euch unmittelbar vor einem Grenzübergang befindet.

Für gewöhnlich werden alle Pässe von Grenzbeamten eingesammelt, im Grenzkontrollpunkt geprüft und anschließend wieder ausgeteilt. Auch wenn es die ersten Male komisch ist, seinen Pass abzugeben, braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. Davon abgesehen, dass ihr sowieso nichts daran ändern könnt, bekommt ihr eure Pässe auf jeden Fall wieder.

Unsere planmäßige Ankunft am Umstiegsbahnhof in Niš sollte um 1:09 Uhr sein, eingelaufen sind wir etwa eine halbe Stunde später. Da wir anderthalb Stunden Übergangszeit hatten, kam uns diese Verspätung ganz gelegen, denn so hatte sich unsere Wartezeit glücklicherweise bereits um ein Drittel verkürzt. Dachten wir zumindest. Denn unser Anschlusszug war eine Dreiviertelstunde verspätet, weshalb wir sogar länger dort warten mussten als geplant. Irgendwas ist immer.

Der Bahnhof von Niš ist ein sehr trauriger Ort. Es gibt nachts natürlich kaum Zugverkehr, entsprechend verlassen sind die Gleise und Bahnsteige. Die Bahnhofshalle ist dennoch verhältnismäßig gut beheizt, weshalb dort viele Menschen übernachten, die nicht das Glück haben, über einen eigenen Schlafplatz zu verfügen. Nebenbei sind noch einige seltsame Gestalten vor Ort, die über den Bahnhof laufen, deren Ziel aber nicht ganz klar ist.

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Außerdem waren mitten in der Nacht zwei der fünf Fahrkartenschalter geöffnet. Und weil gegen 1:45 Uhr auch eine Regionalbahn abfuhr, kauften dort mitten in der Nacht tatsächlich auch Leute eine Fahrkarte. Für einen Westeuropäer, der sowieso fast alle Fahrkarten online oder am Automaten kauft, ist das ein ziemlich surreales Bild. Hier aber scheint es an der Tagesordnung zu sein, dass nachts ein paar Schalter besetzt sind, zumindest wenn auch ein Zug hält. Auch wenn wir nicht ganz nachvollziehen konnten, warum es gleich zwei waren.

Immer wieder lief ein Polizist Streifen durch die Halle und kontrolliert von einigen Anwesenden die Papiere. Leute, von denen er wusste, dass sie wahrscheinlich sowieso keine besaßen, ließ er schlafen. Er steuerte auch einmal auf uns zu. Als er jedoch hörte, dass wir uns in einer anderen Sprache unterhielten, wechselte er ganz unauffällig die Richtung und ließ uns in Ruhe.

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Nachdem ein Klingeln im Bahnhofsbüro die Ankunft unseres Zuges angekündigt hatte, begaben wir uns zum Gleis. Unser Schaffner hatte schon ein paar Promille, nahm uns unsere Fahrkarten ab, brauchte noch eine Erklärung dazu, weil wir mehrere Fahrkarten für verschiedene Streckenabschnitte hatten und führte uns zu unserem Abteil, das wir für uns allein hatten. Wir bekamen ein Kissen, eine Decke und zwei Laken pro Person, richteten uns kurz ein und schliefen durch bis Sofia. Unterwegs muss es noch eine Grenzkontrolle gegeben haben, an die wir uns aber nicht im Detail erinnern können.

Etwa eine halbe Stunde vor Ankunft in Sofia hat Denis mich geweckt. Als ich einigermaßen geradeaus schauen konnte, entstand folgender Dialog:

„Es sieht draußen ganz schön kalt aus.“ – „Hmmm, stimmt.“

Kurze Pause.

„Ist das Weiße eigentlich Schnee?“ – „Nee, oder? Wir haben Oktober.“

„Das Weiße“ war tatsächlich Schnee und der bliebt auch liegen. Wir hatten dann kurz Angst, dass wir zu lange geschlafen hatten und erst im Februar wieder aufgewacht waren. Ein Blick auf das Handy verriet uns aber, dass wir immer noch Oktober hatten, was uns ein wenig beruhigte. Am Ende waren wir nur eine Stunde verspätet.

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Aufgrund des Umsteigt in Niš und der vielen Grenzkontrollen kamen wir zwar nicht ganz ausgeschlafen in Sofia an, sind uns aber dennoch sicher, die für uns entspannteste Art des Reisens gewählt zu haben. Wir sind in dieser Woche schon so oft geflogen und haben halbe Tage verschlafen, weil die bezahlbaren Flüge alle zu so frühen Uhrzeiten gingen, die nicht mehr als drei oder vier Stunden Schlaf in der Nacht zugelassen hatten. Außerdem kann dem Charme einer Nachtzugfahrt kein Flughafen, kein Flugzeug und kein Hotelzimmer das Wasser reichen.

Solltet ihr Fragen zum Nachtzugfahren im Ausland haben oder Tipps für die Buchung benötigen, schreibt uns einfach an oder kommentiert diesen Beitrag.

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