Tag 7: Ostsee zum Verlieben

28. Juli 2017. Jūrmala, Lettland.

Wir starten in den Tag mit einem kleinen Spaziergang in die Innenstadt Liepājas, die durch Unauffälligkeit glänzt und über einen kleinen hübschen Hafen verfügt, in dem gerade ein paar Bremer mit ihrem Schiff angelegt haben. Also, schnell weg hier.

Der Hafen Liepājas

Sankt Nikolaus und die Sowjetunion

Bevor wir Liepāja allerdings verlassen, wollen wir einen Halt an der Nikolaus-Kathedrale im Stadtteil Karosta einlegen. Karosta ist vor der Wende ein sowjetischer Militärstützpunkt mit Kriegshafen gewesen und seine Sowjetvergangenheit sieht man dem Ort auf den ersten Blick an. So weit das Auge reicht nur graue, fünfgeschossige Plattenbauten, bei denen man sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Fugen zwischen den Platten anständig zu verputzen. Dazu Straßen aus Betonplatten, deren beste Zeit lange vorbei ist. Klettergerüste zwischen den Häusern, die wohl zuletzt 1974 gestrichen und gewartet wurden. Rabatten, die durch alte Reifen begrenzt sind. Bänke, auf denen alte Männer in Jogginganzügen und ebenso alte Frauen mit Kopftüchern sitzen und den Kindern beim Spielen zusehen. Und über all der Armut und Eintönigkeit thront die riesige, goldene Kuppel der Nikolaus-Kathedrale und glänzt im Sonnenlicht so hell, dass man sie nicht lange anschauen kann. Was für ein Bild.

Das russischste Foto der Welt,, entstanden in Lettland.

Die Nikolaus-Kathedrale wurde 1903 geweiht, später von den Sowjets als Sporthalle und Kino genutzt und in den Neunzigern restauriert. Sie ist eigentlich gar nicht so protzig wie sie auf den ersten Blick wirkt. Bis auf die Kuppeln ist der Bau ziemlich alt, der Altar ist nicht übermäßig festlich und im Inneren sind nur wenige, sehr alt und arm wirkende Menschen, die gemeinsam mit den Geistlichen eine Messe feiern. Weil wir keine Gaffer sind und niemanden stören wollen, werfen wir nur einen kurzen Blick durch ein Fenster in der Tür und ziehen weiter.

Ventspils vs. Warnemünde

Unsere heutige Strecke soll uns dicht entlang der Küste bis zum Kap Kolka, dem nördlichsten Punkt Lettlands, und schließlich weiter bis nach Jūrmala, kurz vor Riga, führen. Der Plan ist, dabei möglichst viel von der Ostsee zu sehen und die Gegend zu genießen. Und weil Lettland ja fast noch Mecklenburg ist, steht hier wie dort direkt hinter der Düne ein Kiefernwald, der unerhörter Weise dem faulen Autoreisenden den Blick auf die Ostsee versperrt. Es nützt also alles nicht, wir müssen einige Zwischenstopps einlegen.

Den ersten machen wir in Ventspils, einer Stadt, die in erster Linie durch ihren Industriehafen voller Kohleberge auffällt, in zweiter Linie aber auch einen schönen Strand voller Klettergerüste und Bänke hat, an dem trotz des frischen Windes ein paar Menschen in Badekleidung gesehen werden. Steht man auf einem der Holzwege, die Stadt und Strand miteinander verbinden, fühlt man sich ein wenig an Warnemünde erinnert. Auf der rechten Seite liegt eine Mole mit einem grünen Leuchtturm, anstelle der Strandkörbe gibt es viele Bänke und Klettergerüste, allein die schwungvolle Silhouette des Hotel Neptun fehlt linker Hand am Horizont. Und ein paar hundert Sachsen. 

Ventspils. Nicht im Bild: das Hotel Neptun

Das Ambiente jenseits der Dünen unterscheidet sich dann aber stark vom Rostocker Seebad. Statt einer weiten Promenade mit Restaurants und Läden finden wir hier hauptsächlich Schilf und ein paar kastige ältere Gebäude und fühlen uns an Russland erinnert. Da bekommt man direkt einen kleinen Schock, wenn man für zwei Kaffee 4,80 zahlen soll und auf der Suche nach dem Wechselkurs im Kopf die Information findet, dass Lettland ein Euroland ist.

Schule an der Ostsee

Weil wir auf der Straße weiterhin eigentlich nur Wald sehen, der zwar nicht direkt unerträglich häßlich ist, aber eben auch nicht nicht die Ostsee, halten wir wahllos in einem Ort namens Mikeltornis auf einem Parkplatz, an dem ein Strand ausgeschildert ist, wie wir glauben. Der Weg dorthin führt zwar über ein Privatgelände, aber das ist verlassen und zur Not können wir immer noch die Sorry-I-don’t-understand-you-Karte spielen.

Keine hundert Meter hinter dem Parkplatz finden wir an der Düne einen Aufgang zum Strand, den wir, so weit wir sehen können, für uns allein haben. Der weiße Sand, die bewachsenen Dünen, das klare blaue Wasser, der Wind, die Möwen, die Ruhe. Es ist mal wieder wunderschön und wer sich hier nicht in die Ostsee verliebt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Deswegen verweilen wir ein wenig, lauschen den Wellen und freuen uns, diesen Ort entdeckt zu haben. Die besten Plätze findet man fast immer aus purem Zufall. 

Ostsee

Auf dem Rückweg zum Parkplatz schauen wir uns genanntes Privatgelände mal ein bisschen genauer an. Es gibt eine große Wiese, zwei flache Gebäude und ein paar Schaukeln, die bereits bei etwas intensiverem Blickkontakt einzustürzen drohen. Die Häuser sind wahrscheinlich seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr in Nutzung, eines hat keine Türen mehr, im Inneren gibt es drei große Räume ohne Interieur. Das andere hat eine große Küche mit Speisesaal und eine Wohnung. Wir sind uns ziemlich sicher, hier an einer alten Dorfschule mit Lehrerwohnung zu stehen. Und der Röhrenfernseher mit Holzfurnier, der auf dem Parkplatz vor der Mülltonne liegt, unterstreicht unsere Annahme, dass hier schon länger niemand mehr unterrichtet wird.

Ehemalige Schule

Kap Kolka

Auf dem Weg aus dem Ort heraus kommen wir an einem vollkommen abgelegenen Campingplatz mitten im Wald vorbei und bekommen zum ersten Mal eine Ahnung davon, dass in Lettland alle Wege nicht nach Rom, sondern auf den Campingplatz führen. Jeder, der irgendwo eine Wiese besitzt, scheint einen solchen zu eröffnen. Dass es im Baltikum erlaubt ist, wild zu campen, scheint dem Geschäft nicht allzu abträglich zu sein.

Kurze Zeit später erreichen wir das Kap Kolka und damit den Punkt, an dem die Ostsee und der Rigaische Meerbusen zusammenfließen. An der Spitze des Strandes treffen die Wassermassen aufeinander und sorgen damit für Wellenbildung in einem 90-Grad-Winkel zum Festland, was für einen ungewöhnlichen Anblick sorgt, wo die Wellen doch sonst in Richtung Strand rauschen. Obwohl mir die physikalischen Gegebenheiten dahinter vollkommen klar sind, will sich mein Gehirn mit diesem Anblick nicht so richtig zufrieden geben. Und bevor das noch zu Kopfschmerzen führt, fahren wir weiter. 

Links: die Ostsee. Rechts: der Rigaische Meerbusen. Im Weg: Menschen.

Perfekte Orte

Kolka als Ort ist nicht wirklich der Rede wert und kurz dahinter, in Melnsils, halten wir eher zufällig an einem der schönsten Campingplätze, die wir bisher gesehen haben. Die Stellplätze befinden sich direkt hinter der Düne, wo man die ganze Nacht das Rauschen der Ostsee hören kann. An zwei Löchern in den Dünen stehen ein Campingwagen und ein ehemaliges Schiff – wahrscheinlich für Dauercamper – mit Meerblick. Wir überlegen erst zu bleiben, entscheiden uns aber doch dazu, weiter zu fahren, weil es bis Riga noch 150 km sind und wir eigentlich keine Lust haben, die Strecke morgen Früh zu machen.

Hinter dem Ort Roja halten wir zum letzten Mal auf einem Weg, der weder befestigt noch auf Gegenverkehr ausgelegt ist, mitten im Nichts direkt am Strand. Es ist hier so unglaublich ruhig, wir fühlen uns so weit entfernt von der echten Welt, dem harten Alltag, dem Stress des Lebens. Es gibt nur die Ostsee, die Kraniche auf den Steinen und uns. Es ist perfekt.

Ostsee

Camping an der Lielupe

Eine halbe Stunde bevor wir Jūrmala erreichen, wo wir uns einen schnuckligen kleinen Campingplatz am Fluss Lielupe ausgesucht haben, beginnt es zum ersten Mal heute zu regnen. Tolle Wurst. Was sollen wir tun? Eigentlich wollen wir im Regen nicht draußen schlafen. Eigentlich wollen wir heute aber auch nicht im Hotel übernachten. Und eigentlich nieselt es auch nur ein bisschen. Also bezahlen wir die 21 Euro für uns, den Škoda und das Zelt und hoffen das beste.

Auf einer Wiese von der Größe eines halben Fußballfelds stehen ein paar Wohnwagen, daneben ein Holzhaus, in dem Zimmer vermietet werden, und ganz am Ende stellen wir unser Zelt auf. Der Campingplatz liegt direkt am Fluss und man sagt uns, dass wir anstatt drei Euro pro Person für das Duschen zu bezahlen auch einfach in den Fluss springen könnten, denn die Strömung steht heute gut. Äh ja, mal gucken wie es morgen Früh ist.

Als das Zelt steht, hört es auf zu regnen und wir fahren nochmal zurück zur Hauptstraße, denn dort gibt es einen Supermarkt und wir brauchen noch Frühstück. Nachdem das auch erledigt ist, setzen wir uns auf eine Bank am Fluss. Links sehen wir die Flugzeuge im Landeanflug auf Riga und rechts die Züge auf der Bahnbrücke. Und dazwischen sitzen wir und genießen es, damit heute nichts mehr zu tun zu haben.

Sonnenuntergang an der Lielupe

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.381 km
  • Heute: 356 km
  • Streckenverlauf: Liepāja – Ventspils – Kolka – Jūrmala
  • Länder: Lettland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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