Tag 7: Von Shoppingserlebnissen und Dreirädern in Betten

16. Juli 2015. Irgendwo in Russland und Kasachstan – Zug nach Astana.

Ein Blick auf den Fahrplan zeigt, dass wir über Nacht einige Male gehalten haben, was auch erklärt, warum wir plötzlich nicht mehr ganz allein sind in unserem Wagon. Nebenan im Nachbarabteil wohnen jetzt zwei Frauen, die unter sich bleiben wollen und die Abteiltür geschlossen halten. Also alles beim Alten.

Shopping in Tscheljabinsk

Der erste große Halt an diesem Tage ist Tscheljabinsk. Laut Fahrplan sollen wir um 10:15 Uhr ankommen. Bei Einfahrt in den Bahnhof zeigt mein Handy 11:15 Uhr an, Denis‘ hat sich mittlerweile umgestellt und scheint der vermeindlich richtigen Zeit um zwei Stunden voraus zu sein, bei ihm ist es bereits 12:15 Uhr. Einzig die Uhr im Bahnhof zeigt die planmäßigen 10:15 Uhr. Was genau hier mit der Uhrzeit nicht stimmt, bleibt weiter ungewiss. Glücklicherweise befinden wir uns im Zug, wo die Zeit sowieso sehr nebensächlich ist.

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Tscheljabinsk at its best

Man sieht Tscheljabinsk auf den ersten Blick an, dass diese Stadt von der Industrie lebt. Die grauen Wohnkasernen und kleinen Garagen mit Blechdächern, von denen der Bahnhof umgeben ist, erzeugen einen tristen, trostlosen Anblick. Im Bahnhof stehen hauptsächlich Transportwagons voller Container. Die Gleise sind alt, ebenso wie die stählernen Brücken, die die Gleise mit der Außenwelt verbinden. Dass der Bahnhof von Tscheljabinsk vor zehn Jahres zum besten Bahnhofs Russlands gewählt wurde, muss an der zentralen Lagen und großen Kapazität liegen.

Weil wir eine halbe Stunde Aufenthalt haben, macht sich Denis auf den Weg in die Bahnhofshalle, um die Versorgung auf der weiteren Fahrt sicher zu stellen. Uns giert es mittlerweile mal nach etwas, das nicht in Teig gewickelt und frittiert wurde – einem Apfel oder etwas ähnlich abgefahrenen.

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Am Bahnsteig Tscheljabinsk – rechts der Nippesladen

Ich stehe währenddessen am Bahnsteig und beobachte das Geschehen. Einige Mitfahrer sind wie Denis in die Bahnhofshalle verschwunden, um sich dort zu versorgen. Die Mehrheit bleibt jedoch am Gleis und stellt sich an den Lebensmittelkiosken dort an, ein paar Leute sind am Eisstand. Der mit Abstand beliebteste Laden ist der Nippesladen direkt vor unserem Wagon. Es gibt dort Schmuck, Porzellanfiguren, Kühlschrankmagneten, die üblichen Staubfänger.

Wir befinden uns in einem Zug, der 60 Stunden und 44 Minuten von Moskau nach Karaganda (Kasachstan) fährt. Alles, was man in diesem Zug braucht, ist Zeit, was zu essen, was zu trinken, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier. Dennoch ist dieser Nippesladen ein großer Anlaufpunkt für die Frauen aus unserem Zug. Man schaut, fässt an, fragt nach dem Preis, unterhält sich, kauft. Wozu jemand einen handelsüblichen Staubfänger, den es überall auf der Welt gibt, in einem Sechzig-Stunden-Zug braucht, ist mir absolut unerklärlich. Eine Frau bittet mich sogar, sie vor dem Stand zu fotografieren.

Schließlich kommt Denis von seiner Shoppingtour aus dem Bahnhofgebäude wieder und hat neben Chips und Getränken tatsächlich etwas Frisches dabei, das einem Stück Obst schon furchtbar nahe kommt: O-Saft. Warmen O-Saft. Wir können uns vor Begeisterung kaum auf den Beinen halten.

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Obst – im Tetrapack

Die Grenze kommt näher

Wir verlassen Tscheljabinsk mit weiteren Zusteigern. Eine Gruppe aus drei Männern, wahrscheinlich Russen, wohnt jetzt ebenfalls bei uns. Wo genau wissen wir nicht, denn auch diese halten ihre Abteiltür geschlossen. Woher aber plötzlich die Leute mit dem Kind kommen, die vor Tacheljabinsk noch nicht da waren, dort aber definitiv auch nicht zugestiegen sind, bleibt ein Rätsel. Es wird also etwas voller, ohne wirklich geselliger zu werden.

Die Landschaft hat sich im Vergleich zum Vortag schon etwas geändert. Die Wälder bestehen jetzt zu einem überwiegenden Teil aus Birken, abschnittsweise sind viele abgestorbene Bäume ohne Blattwerk darunter. Zwischen den Wäldern gibt es große, weite Wiesen, die eher braun als grün sind, und mehr Orte als gestern noch.

Später wechseln die Wiesen in einen gelben Farbton und die Häufigkeit der Birkenwälder nimmt weiter ab. Immer wieder steht Wasser auf den Wiesen und befinden sich kleine Seen neben den Gleisen. Eine Salzkruste am Ufer zeigt an, dass der Wasserstand in letzter Zeit gesunken ist. Wir befinden uns unverkennbar in der Nähe der kasachischen Grenze.

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Fast in Kasachstan

Das merken wir auch daran, dass unsere Schaffnerin Vorbereitungen für den Grenzübergang trifft. Sie verteilt uns Migration Cards, die wir für die Einreise nach Kasachstan ausfüllen müssen. Das sind zwei kleine Zettel, in die noch mal die meisten Daten aus dem Pass und zusätzlich Reisegrund und -dauer eingetragen werden müssen.

Die Heizkörper und Haltestangen im Gang hatte die Schaffnerin bereits ein paar Stunden früher geputzt. Jetzt geht sie mit einem Wischlappen am Schrubber über den Teppich im Gang und wischt auch noch mal unser Abteil durch. Wir befürchten, dass sie den Lappen auch schon für die Toilette genutzt hat, und bleiben weiterhin vorsichtig darauf bedacht, immer Schuhe oder Adiletten zu tragen. Letztere haben natürlich auch optische Gründe.

Wir erreichen in Petuchowo die Grenze und werden zuerst von den russischen Grenzern kontrolliert, die alle eine Taschenlampe um den Hals tragen, die auf Brusthöhe hängt und die Pässe bei der Kontrolle beleuchtet. Die Zöllner werfen einen Blick in die Fächer unter unseren Liegen und überall dorthin, wo sie mit ihrem übergroßen Zahnarztspiegel hinkommen.

Die kasachische Grenzkontrolle erfolgt während der Fahrt. Der Grenzer schaut den Pass an, und prüft alle Visa und Einreisestempel, die sich bereits darin befinden, stempelt die Migration Card. Schaut den Pass an, scant ihn mit einem Gerät an seinem Laptop, stempelt die Migration Card ein weiteres Mal. Er prüft den Teil im Pass, in dem die Daten stehen, vergleicht Fotos mit Gesichern, stempelt endlich den Pass und ist nach einer gefühlten halben Stunde fertig. Da EU-Bürger derzeit kein Visum für Kasachstan benötigen, kommt der Stempel direkt in den Pass und nicht mehr auf das Visum bei unserer letzten Reise nach Zentralasien.

Zeit und Wagon kommen in Bewegung

Mittlerweile wird es dunkel, statt gerade noch 16:39 Uhr bei der Ankunft an der Grenze ist es plötzlich, aufgrund von Zeitverschiebungen, die wir bis dato noch nicht nachvollziehen können, schon 21:15 Uhr. Ich sagte es bereits, im Zug fliegt die Zeit. Und während es auf unseren Handys 22:15 Uhr ist, zeigt die Bahnhofsuhr in Petropavlovsk, der ersten Station auf kasachischer Seite, 19:15 Uhr.

Nach der Grenze kommt endlich ein bisschen Bewegung in den Wagon. Die anderen Abteile werden bewohnt, man hört Kinder, Taschen, die eingeladen werden, Unterhaltungen. Die oberen Betten in unserem Abteil werden heruntergeklappt, später bekommen wir Zuwachs – Kuka mit seiner Frau und etwa anderthalbjährigen Tochter Kausa. Die drei reisen mit drei großen Reisetaschen, einer müllbeutelgroßen Tüte mit Zeug, zwei weiteren kleinen Beuteln und – natürlich – einem Dreirad.

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Dreirad im Bett – na und?

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass das Abteil etwas eng ist. Man kann sich wohl allgemein vorstellen, dass diese Menge an Gepäck alle Beteiligten vor große logistische Probleme stellt. Anfänglich steht das Dreirad auf einem Bett, später zwischen den beiden unteren Liegen, was das Aufstehen unwesentlich erschwert. Denis ist unterdessen nach oben gezogen, damit Frau und Kind unten schlafen können. Kausa begutachtet alles, was im Abteil passiert, ist fasziniert von unseren ausländischen Erscheinungen und isst schließlich ein Bonbon, das noch auf dem Tisch liegt.  Schließlich gibt mir das Papier wieder, damit ich es wegschmeißen kann. Ein gut erzogenes Kind.

Heutige Verbindungen

D 84CJ Moskau (ab 14.07.2015, 22:50 Uhr) – Astana (an 17.07.2015, 7:03 Uhr) / 25.129,60 Rubel = 345,48 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Moskau-Astana

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