Tag 8: Astana – wie Pjöngjang, nur mit Blumen

17. Juli 2015. Astana (Kasachstan).

Pünktlich um 7:03 Uhr Ortzeit rollen wir 56 Stunden und 13 Minuten, nachdem wir Moskau verlassen haben, in den Bahnhof der kasachischen Hauptstadt ein. Bereits eine Stunde vorher werden wir von Elena, unserer Schaffnerin, geweckt. Sie ist voll in ihrem Element, weckt die Leute, putzt den Gang, trägt dabei ihre Kittelschürze und Plastikhandschuhe, sammelt Becher und Bettwäsche ein und verbreitet einen Stress, wie ihn eigentlich nur Mütter und Grundschullehrerinnen verbreiten können – eine Mischung aus Aufgeregtheit, innerer Unruhe und dem Willen, dass alles, wirklich alles, absolut nach Plan läuft.

Am liebsten hätte sie wahrscheinlich, dass jeder, der in Astana aussteigt, zehn Minuten vor Ankunft mit Gepäck im Gang steht und darauf wartet, dass sie, und nur sie, die Tür öffnet und jedem heraushilft. Das schafft sie nicht ganz, aber ihr zu widersprechen ist uns auf mehreren Ebenen nicht möglich. Einerseits auf der sprachlichen, andererseits auf der autoritären, denn sie duldet absolut keine Widerworte.

Ankommen

Wir packen also alles zusammen, ziehen zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit unsere Schuhe an und versuchen irgendwie, unsere Rucksäcke aus dem Abteil zu bekommen. Waren die schon die ganze Zeit so groß? Unsere neuen Nachbarn verlassen zwischenzeitlich das Abteil, um Platz zu machen, das Dreirad landet mal wieder auf einem Bett. Pünktlich zur Ankunft stehen wir wie befohlen fertig im Gang und bekommen noch ein Handküsschen zum Abschied von der kleinen Kausa. Und dann sind wir also in Astana.

Dreitausend Kilometer in zwei Tagen – weiter könnten wir gar nicht von Moskau entfernt sein. Sowohl nach Kilometern als auch mental. Das Schillern der russichen Hauptstadt und der Komfort Europas lagen bereits nach einer Stunde weit hinter uns. Wir fuhren 56 Stunden lang hauptsächlich durch sehr abgelegene Gegenden und ließen größere Städte links liegen. Wir ließen die russischen Misch- und Laubwaldzonen hinter uns und erreichten schließlich die kasachische Steppe. Kurz hinter der Grenze waren wir auch kulturell in Zentralasien angekommen und fanden uns schlagartig als einzige Europäer in einem Zug voller Kasachen wieder. Ja, wir hatten genug Zeit, Moskau und Europa hinter uns zu lassen und uns darauf einzustellen, in eine andere Kultur einzutauchen. Wir sind bereit.

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Ankunft in Astana

Wir verlassen also den Bahnhof, natürlich nicht ohne von allen Anwesenden angestarrt zu werden. Wir hatten schließlich genug Zeit, uns auf Astana vorzubereiten, Astana aber nicht, sich auf uns vorzubereiten. Und so sind wir zwei ziemlich blasse Paradiesvögel mit sehr großen Taschen, die an einem Freitagmorgen aus einem Zug aus Moskau fallen und erst mal orientierungslos aus der Bahnhofshalle heraus laufen.

Die Angebote der Männer, die uns zum Hotel oder wohin auch immer fahren wollen („Taxi, Taxi, Taxi!“) lehnen wir ab, denn clever wie wir sind, haben wir uns für eine Unterkunft in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs entschieden. Obwohl es noch nicht einmal halb acht ist, dürfen wir schon unser Zimmer beziehen. Da wir sogar für das Frühstück zu früh dran sind, gehen wir erst mal duschen. Nach dem Frühstück, das hauptsächlich aus Spiegeleiern und fettiger Wurst besteht, ist es Zeit für ein Nickerchen. Wir sind ja schließlich weit gereist.

Astana

Als wir schließlich ausgeschlafen und fit sind, wollen wir endlich die Stadt sehen. Astana ist die Hauptstadt Kasachstans und das politische Zentrum des Landes. Das ist die Stadt allerdings erst seit 1997 und seit 1998 trägt sie ihren aktuellen Namen. Vorher war Almaty die Hauptstadt und Astana hieß Aqmola. Weil der frühere Name „weißes Grab“ bedeutet, was man für eine Hauptstadt unangemessen hielt, wählte man den heutigen Namen, der übersetzt „die Hauptstadt“ bedeutet. Der Kreativität sind in Kasachstan keine Grenzen gesetzt.

Als Astana Hauptstadt wurde, lebten in der Stadt etwa 300.000 Menschen. Achtzehn Jahre später sind es über 800.000. Mit den Menschen kam auch die Bautätigkeit in die Stadt, denn eine Hauptstadt kann ja nicht aussehen wie irgendein beliebiges 300.000-Einwohner-Nest. Also wurde mit dem Bau von Regierungssitzen, Wolkenkratzern, Luxuswohnungen, Wahrzeichen begonnen und die Stadt konsequent mit allem Protz ausgestattet, den eine Hauptstadt nach Meinung von Nursultan Nasarbajew, seines Zeichens Präsident und wichtigster Mann im Staat, benötigt. Außer einer U-Bahn oder einem modernen öffentlichen Nahverkehr.

Noch ein paar unzusammenhängende Fakten über Astana: Astana ist nach Ulaanbaatar (Mongolei) die zweitkälteste Hauptstadt der Welt. Der älteste Wolkenkratzer der Stadt wurde 2001 errichtet. Der Präsidentenpalast in Astana ist mit bis zu 40 Zentimeter starkem Mamor verkleidet. Nach 21:00 Uhr dürfen in Kasachstan keine alkoholischen Getränke mehr verkauft werden. Als der FC Astana in der Champions League gegen Benfica Lissabon angetreten ist, mussten sie die weiteste Anreise in Kauf nehmen, die je für ein Champions League-Spiel anstand: 6.100 Kilometer (Luftlinie).

Busfahren in Astana

Weil der Bus das einizige öffentliche Verkehrsmittel in Astana ist, suchen wir am Bahnhof verzweifelt nach einem Fahrplan, auf dem alle Linien eingezeichnet sind. Den gibt es natürlich nicht. Stattdessen gibt es an jeder Haltestelle einen Plan der Linien, die dort abfahren. Allein am Hauptbahnhof gibt es fünf verschiedene Haltestellen. Aber da die Fahrpläne sowieso nur sehr vage und wenig aussagekräftig sind, machen wir uns gar nicht erst die Mühe, alle Pläne zu studieren.

Wir steigen stattdessen an der ersten Haltestelle in den Bus mit der Nummer 10, weil es auf dem Plan so aussieht, als würde dieser unter Umständen am Yesil District, dem neuen Teil der Stadt, vorbei fahren. Außerdem ist die 10 eine starke Nummer, die Wichtigkeit ausstrahlt. Also kann sie gar nicht so falsch sein.

Weil wir noch keine Fahrkarten haben, fragen wir die Dame in Uniform, die neben dem Fahrer steht, wo wir eine solche kaufen könnten. Sie versteht unsere Frage nicht und gibt uns ziemlich unmissverständlich zu verstehen, dass wir durchgehen und sie nicht belästigen sollen. Na gut, wenn sie darauf besteht. Die Besatzung eines Busses besteht in Astana immer aus zwei Personen: dem Fahrer und einer Dame, die während der Fahrt alle Passagiere abkassiert und an den wichtigen Haltestellen den Namen ebendieser durch den Bus ruft.

Als wir an der Reihe sind, fragt sie uns etwas auf Kasachisch. Wir zucken mit den Schultern. Sie sagt noch was. Wir deuten dies als Zahlungsaufforderung und holen das Geld aus der Tasche. Unglücklicherweise hatte uns der Automat nur einen 10.000- Tenge-Schein (etwa 50 Euro) ausgehändigt, was bei einem Fahrpreis von 90 Tenge (0,45 Euro) pro Person zu logistischen Problemen führt. Die Busschaffnerin kann nicht wechseln, nimmt den Schein nicht an und geht weiter.

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Bajterek-Turm

Sie schickt dann einen jüngeren Fahrgast zu uns, der uns auf Englisch fragt, wohin wir wollen. Auf einem Monitor im Bus werden Bilder von Astana gezeigt und als der Bajterek-Turm, das Wahrzeichen der Stadt, von dem wir wissen, dass er sich in der Innenstadt befindet, zeigt Denis auf das Bild. Der Mann gibt der Buschefin Bescheid, diese will uns ansagen, wann wir aussteigen müssen. Später, als eine Dame einsteigt, die 10.000 Tenge wechseln kann, können wir unseren Fahrpreis bezahlen und werden tatsächlich rechtzeitig erinnert, auszusteigen. So funktioniert der Nahverkehr in Astana also. Wieder was gelernt.

Astana? Pjöngjang?

Wir steigen an einem neuen, mit einem Bogen über die Straße gespannten Haus aus dem Bus und folgen der Straße zum Präsidentenpalast. Davor ein großer Platz aus Stein, gesäumt von einigen Blumenbeeten. Die Gärtner sind die einzigen Menschen auf dem Platz. So ähnlich stelle ich mir auch Pjöngjang vor. Nur ohne die Blumen.

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Präsidentenpalast

Zentral vor dem Präsidentenpalast stehend kann man die etwa fünf Kilometer lange Anlage bis zum Springbrunnen am Krugloy Ploschadi hinunter schauen. An beiden Seiten eine runde, goldene Pyramide, die statt einer Spitze mit einem Sendemast ausgestattet ist. Die Straße ist von nagelneuen Hochhäusern gesäumt, an der Seite wird Auto gefahren, in der Mitte eine breite Fußgängerzone und weitere Blumenbeete. Der Bajterek-Turm, zentral zwischen Präsidentenpalast und Springbrunnen platziert, fängt den Blick ein, dahinter wieder Blumenbeete, Wolkenkratzer und Einkaufszentren.

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Astana

Wir laufen die Fußgängerzone in der Mitte der Anlage entlang. Es ist heiß, es weht ein Wüstenwind, der die Luft zwar nicht abkühlt, aber wenigstens ein wenig aufwirbelt. Direkt an den Hochhäusern entlang zu gehen, ist zu heiß, weil die Sonne von den verspiegelten Scheiben direkt auf den Gehweg reflektiert wird. Noch vor dem Turm wollen wir uns in ein Café setzen, etwas trinken und eine Kleinigkeit essen. Wir bestellen eine Käseplatte, die ein kleines Vermögen kostet, und jeder einen frischen Apfelsaft – das einzige, was einem Stück Obst seit einer sehr langen Zeit verdammt nahe kommt.

Astana von oben

Der Eintritt in den Bajterek-Turm kostet nur 500 Tenge (2,50 Euro) pro Person, der Fahrstuhl ist überfüllt und wird von einer Frau kontrolliert, deren Aufgabe es ist, die Menschen in verträglichen Größen in den Fahrstuhl zu portionieren und den richtigen Knopf zu drücken, damit sich dieser in Bewegung setzt. Oben ist es, wie unten erwartet, ziemlich voll, aber angenehm klimatisiert. Durch die golden verspiegelten Scheiben kann man zwar die Stadt sehen. Weil sich aber alles und jeder in den Scheiben spiegelt, ist der Blick nicht sehr klar. Warum die dicke mopsige Braut und ihr frisch Angetrauter gerade hier oben ihre Hochzeitsfotos machen wollen, können wir  nicht direkt nachvollziehen, schieben es aber weniger auf den Ausblick, als vielmehr auf die Klimaanlage.

Der Blick auf die Stadt ist interessant. Richtung Norden, wo sich der Hauptbahnhof und unser Hotel befinden, ist die Stadt ziemlich dicht und weit bebaut. Hier befindet sich das Zentrum Astanas, das es auch vor 1997 bereits gab, und wo die Menschen wohnen, die sich keine Eigentumswohnung im Stadtzentrum leisten können. Also ziemlich viele.

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Grenze von Astana – vorerst

Blickt man in die anderen Himmelsrichtungen, sieht man den Yesil District und die Grenzen der Stadt, dahinter nur Steppe. Vororte gibt es in einer Stadt, die nicht aus sich selbst heraus gewachsen ist, nicht. Aber als wollte man im gleichen Atemzug verdeutlichen, dass Astana noch längst nicht fertig ist, sieht man kein unbebautes Land, auf dem nicht mindestens ein Baukran steht. Es geht weiter, Astana wächst.

Here is where life happens

Wir laufen die Straße weiter hinunter bis zum Springbrunnen. In einer Stadt, die mitten in der Steppe liegt und vom nächsten offenen Meer um und bei 2.000 Kilometer entfernt ist, ist Wasser ein wichtiges Statussymbol. Deswegen sind im neuen Teil der Stadt viele große Springbrunnen zu finden. Warum soll man nicht zeigen, wenn es einem gut geht?

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Astana

Man kann von den Neubauten im Yesil District und Astana halten, was man will. Zu neu, zu groß, zu protzig, deplatziert, unnötig, aus Geltungssucht heraus entstanden, nur aufgrund der Milliarden-Einnahmen aus dem Ölgeschäft möglich, die TSG Hoffenheim der Städte Kasachstans, was auch immer. Dem kann ich nur zustimmen. Aber eins kann man nicht von der Stadt behaupten, nämlich dass sie inhomogen gestaltet und aus einzelnen Elementen anderer Groß- und Hauptstädte zusammen gewürfelt wurde. Ob einem das Konzept und die Anlage der Stadt gefallen oder nicht, sie ist „sie selbst“ und es passt irgendwie alles zusammen.

Den Abschluss der Geraden, die vom Präsidentenpalast ausgeht, bildet das Shopping- und Entertainment Center Khan Shatyr, das – wie sollte es anders sein – vom Ersten Präsidenten und Leader der Nation himself in Auftrag gegeben wurde, um das Volk zu bespaßen. „Here is where life happens“ ist das Motto. Na klar, alles andere wäre auch untertrieben. In dem mit sechs Stockwerken größten Zelt der Welt befinden sich neben vielen Modegeschäften auch ein Schwimmbad, ein Spa, eine Spielhalle, eine Wildwasserbahn und ein beheizbarer Strand mit Sand von den Malediven. Here is where life happens.

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Khan Shatyr

Warten auf den Bus

Nachdem wir genug vom Leben gesehen haben, gehen zu der Bushaltestelle vor dem Khan Shatyr und stellen erfreut fest, dass die Linie 10, mit der wir bereits in die Innenstadt gefahren waren, von hier Richtung Bahnhof fährt. Jackpot. Es gibt zwar keine exaktem Abfahrtzeiten, aber der Aushang verkündet, dass alle fünf bis fünfzehn Minuten ein Bus abfahren soll. Das tut er auch. Allerdings in die Gegenrichtung. Es vergehen fünfzehn Minuten. Wir sind hoffnungsvoll angespannt. Es vergeht eine halbe Stunde. Wir sind jetzt weniger hoffnungsvoll, dafür umso angespannter. In die die Gegenrichtung fahren währenddessen drei Busse mit der Nummer 10. Die Hoffnung besteht, dass diese Busse ja auch irgendwann zurück fahren müssen.

An unserer Haltestelle halten einige weitere Linien in regelmäßigen Abständen. Die Busse sind bereits bei Ankunft überfüllt. Einige Wartende steigen dennoch ein. Meist fährt der Bus dann direkt mit offener Tür, vermutlich weil sonst niemand mehr Luft bekommen würde. Die Wartenden, denen das zu eng ist, halten Autos auf der Straße an und trampen nach Hause. Vor allem junge Frauen mit langen Beinen sind sehr kurzfristig sehr erfolgreich. Männer im mittleren Alter haben es da nicht ganz so leicht.

Nach einer Stunde Wartezeit in der Sonne ist die Stimmung gekippt. Wir sind genervt, aber auch nicht gewillt, ein Taxi zu bezahlen. Trampen dürfte aufgrund der Sprachbarriere nicht infrage kommen. Schließlich machen wir uns auf den Weg in die Richtung, aus der wir gekommen sind, um an einer anderen Haltestelle unser Glück mit einer anderen Linie zu versuchen.

Wir sind kaum da, da fährt auch schon ein Bus vor. Die Linie 10. Die Stimmung bewegt sich auf einem dünnen Grat zwischen euphorischem Jubel und dem Bedürfnis, etwas zu zertreten. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt sind wir schließlich zurück am Hauptbahnhof und damit auch am Hotel. In einem Supermarkt, dessen Regale zur Hälfte leer und zur anderen Hälfte so aufgefüllt sind, dass sie voll aussehen, versorgen wir uns für den Abend. Für 1.600 Tenge (8 Euro) gibt es nach gefühlter wochenlanger Abstinenz endlich Obst, dazu Burger, belegte Brötchen, Wasser und Bier. Als im Zimmer die Schuhe in die Ecke fliegen, ist der Tag erfolgreich beendet.

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Reichhaltiges Abendessen

Heutige Verbindungen

 D 84CJ Moskau (ab 14.07.2015, 22:50 Uhr) – Astana (an 17.07.2015, 7:03 Uhr) / 25.129,60 Rubel = 345,48 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Moskau-Astana

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