Tag 8: Lewski Sofia – ZSKA Sofia

25. Oktober 2014. Sofia, Bulgarien.

Wir kamen also mit dem Nachtzug im verschneiten bulgarischen Winter in Sofia an und nahmen sogleich ein Taxi zum Hotel. Trotz der frühen Anreise stand bereits ein Zimmer für uns bereit und zusätzlich durften wir noch für drei Lewa (1,50 Euro) pro Person ans Frühstücksbuffet. Kann man sich einen besseren Empfang vorstellen? Den Rest des Vormittags verbrachten wir entspannt auf unserem Zimmer, das sich durch eine herausragende Wandgestaltung auszeichnete und durch den Fakt, dass die Tagesdecken auf dem Bett und die Vorhänge aus dem gleichen Stoff bestanden und dasselbe Muster aufwiesen.

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In weiser Voraussicht hatten wir ein Hotel in unmittelbarer Nähe des Georgi-Asparuchow-Stadions, der Heimspielstätte Lewskis, gebucht. Die Flutlichtmasten waren von der Straße vor unserem Hotel aus bereits zu sehen, sodass wir eigentlich nur aus dem Bett in den Block hätten fallen müssen. Hätten. Leider hat der bulgarische Fußballverband diesen perfekten Plan rücksichtslos durchkreuzt. Denn das Spiel wurde in das Wassil-Lewski-Stadion, das Nationalstadion Bulgariens, einige Kilometer von unserem Hotel entfernt, verlegt. Eine absolute Frechheit!

Nun ja, irgendwas ist ja immer. Also nahmen wir für einen Lew (50 Cent) pro Person den Trolleybus in Richtung Stadion und besorgten uns zur Stärkung einen Kaffee und Kekse aus der Außenstelle eines weltweit agierenden Kaffee-zum-Mitnehmen-Imperiums. Einem Zuckerschock nahe setzten wir unseren Weg, den wir auf zehn Minuten schätzten, fort. Wir mussten ja schließlich noch an dieser großen Bank am Ende der Straße vorbei, das Stadion finden und Eintrittskarten kaufen.

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Es stellte sich dann kurzfristig heraus, dass das große Bankgebäude gar kein Bürokomplex war, sondern das Stadion. Na ja, schön ist anders. Aber so waren wir wenigstens direkt da und mussten nicht mehr ewig durch den Schnee latschen.

Wir stellten uns dann direkt an einen Container an, um Eintrittskarten zu kaufen. Während wir dort standen, wurden wir von einem mittelalten Engländer mit relativ wenigen Vorderzähnen angesprochen. Er hätte noch nie so eine schlechte Organisation gesehen wie hier in Sofia. Hmm, diese Meinung konnten wir nicht teilen. Was denn so schlecht daran wäre, fragte Denis. Er hätte es schon vor ein paar Tagen versucht, aber es gab nirgendwo einen Vorverkauf, er musste sich schließlich hier Eintrittskarten kaufen. Vor dem Stadion. Am Spieltag. Nein, wer kommt denn auf so eine Idee? Wirklich, die spinnen, die Bulgaren. Unglaublich!

Dabei muss man allerdings auch die Sorgen des Engländers ernst nehmen. Im Wassil-Lewski-Stadion gibt es nämlich nur etwa 46.000 Plätze. Zu dem Spiel, das heute lief – Lewski gegen ZSKA –, würden wahrscheinlich, wenn es hoch kommt und das Wetter schön ist, 10.000 Zuschauer kommen. Da muss man schon aufpassen, dass der gewünschte Block nicht direkt ausverkauft ist.

Wir wählten jedenfalls zwei der wenigen verbleibenden Karten für die überdachte Haupttribüne, weil es immer noch schneite und die Haupttribüne immer am bequemsten und meist am sichersten ist. Auch wenn nur wenige Zuschauer zu erwarten waren, handelte es sich hier immer noch um eines der Stadtderbys, bei denen es sehr schmutzig zugeht. Die Eintrittskarten kosteten 14 Lewa (7 Euro) pro Person, also war die Haupttribüne auch finanziell zu verkraften.

Vor dem Stadion gab es bereits einen Kontrollpunkt der Polizei, an dem die Eintrittskarten geprüft und alle Personen abgetastet wurden. Am Eingang zum Stadion standen einige Ordner, die diesen Vorgang wiederholten. Dennoch waren die Kontrollen sehr lasch und es hätte niemand gemerkt, wenn wir etwas Verbotenes in den Taschen gehabt hätten. Wenn es bei allen anderen Zuschauern ähnlich war, erklärt das, wie alles das ins Stadion gelangen konnte, das später noch in Richtung Spielfeld, Tribüne, Polizei, oben, unten, links, rechts fliegen sollte.

[Ich habe gerade gelesen, dass im Vorfeld des Spiels ein Schwert und eine Machete durch die Polizei sichergestellt worden sein sollen. Aufgrund der Größe der beiden Gegenstände gehe ich dennoch davon aus, dass es keine besonders harten Personenkontrollen braucht, diese sicherzustellen. Einen ziemlich harten Schädel, damit zum Fußball zu gehen, braucht es allerdings schon.]

Das Lewski-Stadion fasst also etwa 46.000 Zuschauer, heute waren es wohl um und bei 8.000. Warum nun konnte dieses Spiel nicht im Georgi-Asparuchow-Stadion von Lewski stattfinden? Auch wenn dort gerade gebaut wird, bietet es noch 10.000 Personen Platz, wäre also nicht mal ansatzweise ausverkauft. Der Grund ist wahrscheinlich, dass in einem dermaßen übergroßen Stadion wie dem Nationalstadion die Trennung der gegnerischen Fans einfacher zu organisieren ist. Allein schon aufgrund der vielen leeren Blöcke und der Entfernung der beiden Kurven hinter den Toren ist ein Aufeinandertreffen nur äußerst schwer möglich, in Anbetracht der anwesenden Anzahl an Polizisten eigentlich unmöglich.

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Wir standen also auf der Haupttribüne in einem Block für 1.000 Leute mit 30 anderen Zuschauern. Rechts von uns befanden sich die Presseplätze, links ein Pufferblock, dann die ZSKA-Fans in der Kurve hinter dem Tor. Auf der Gegengeraden waren ein paar weitere rot gekleidete Leute zu sehen, also ebenfalls ZSKA’ler. Ab der Hälfte der Tribüne wurde eine riesige Pufferzone freigehalten, in der eine Menge Polizei stand. Rechts hinter dem Tor waren die Lewski-Fans untergebracht, daneben auf der Haupttribüne weitere blaue Lewskis, die durch die Presseblöcke von uns getrennt waren.

Gegen 15:40 Uhr waren wir in unserem Block, die Mannschaften waren bereits dabei, sich an den verschneiten Untergrund zu gewöhnen und sich aufzuwärmen. Die Linien wurden vom Schnee befreit und ein weiteres Mal gekreidet. Die Fans sangen sich ein, bewarfen Ordner und Spieler mit Schneebällen und machten ihre Leuchtraketen einsatzbereit. Um 16:00 Uhr sollte Anpfiff sein, alle waren vorbereitet. Es konnte los gehen.

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Um Punkt 16:00 Uhr betrat der Schiedsrichter den Platz. Hinter ihm nur die beiden Kapitäne. Spielt man in Bulgarien anders Fußball? Wählen die Kapitäne vor Anpfiff nicht nur die Seite, sondern auch die Mannschaften wie früher in der Schule? Was war da los? Nichts Schlimmes. Die drei haben nur geprüft, ob der Platz überhaupt bespielbar war und das Spiel überhaupt angepfiffen werden konnte. Immerhin haben sie das vorher gemacht und nicht in der Halbzeit.

Anschließend betraten dann alle gemeinsam den Platz, die Spieler waren wohl bereits im Vorfeld durch die Kapitäne ausgewählt worden („Ich will aber nicht zu ZSKA!“ – „Komm jetzt her, wir brauchen noch einen Dicken für’s Tor!“), wurden beim Einlaufen mit Schneefällen von der Haupttribüne beworfen, die beiden etwa gleich großen Fanblöcke präsentierten ihre Choreografien, es war angerichtet.

ZSKA hatte ein rotes Spruchband, dessen Inhalt wir leider nicht wiedergeben können, eine Blockfahne mit einer Mischung aus Herz und Fußball und rote Fahnen für den Hintergrund. Abgerundet wurde das Ganze mit ein wenig unverständlichem Gesang und Leuchtraketen. Diese flogen, damit auch alle was davon hatten, in Richtung Spielfeld und Tribüne.

Die Lewski-Fans hatten ebenfalls eine Blockfahne in Gestalt eines Totenkopfs mit blau-gelber Lewski-Kleidung und zwei roten Bengalos als Augen. Der Hintergrund war blau und weiß gehalten und wurde mit einem gelben Streifen begrenzt. Auch sehr nett.

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Die Anheizer beider Fanlager tanzten wild vor den Blöcken herum, beide mit Mikrofonen ausgestattet, die mit Lautsprechern verbunden waren, die extra für dieses Spiel vor den Blöcken platziert wurden. Bei ZSKA waren mehrere Personen die komplette erste Halbzeit (Das ist ausnahmsweise mal nicht übertrieben.) damit beschäftigt ein Spruchband am Block anzubringen, das für die Choreo zu Beginn der zweiten Halbzeit benötigt würde. Wozu ins Stadion gehen, um Fußball zu schauen? Das kann man schließlich auch Zuhause.

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Das Spiel begann schließlich, es wurden auch nach der Choreografie von Seiten der ZSKA-Fans einige Leuchtraketen auf das Spielfeld, die Polizei, Ordner und die Tribüne gefeuert. Zwei landeten in unserem Block. Groß gestört hat sich daran aber niemand. Die beschlossenen Personen wichen den Geschossen aus, schauten nur kurz und gingen dann wieder ihrer Tätigkeit als Fußballspieler oder Polizist nach. Ich selbst hatte nach kurzer Zeit einen Reflex entwickelt, dass ich immer, wenn ich hörte, dass eine Leuchtrakete abgeschossen, kurz nach links schaute, um zu prüfen, ob das Ding in unsere Richtung flog. Man muss sich auch nicht immer so anstellen.

Währenddessen wurden immer weiter Schneebälle von der Haupttribüne geworfen, hauptsächlich in Richtung der Auswechselbank von ZSKA. Als deren Trainer am Hinterkopf getroffen wurde und zusammensackte, gab es zum ersten Mal etwas Aufregung. Sofort waren die Spieler an den Bänken, die Funktionäre und Schiedsrichter ebenfalls. Es gab ein paar Handgemenge und sicher einige nicht ganz charmante Worte. Dann stand der Trainer wieder, man beruhigte sich und es ging weiter.

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Das Spielniveau war nicht besonders hoch, was sicherlich teilweise auch am eingeschneiten Platz lag. Es hatte nämlich immer noch nicht aufgehört, zu schneien. Lewski spielte deutlich besser und schneller und hatte einige gute Chancen. Aufgrund der Übergröße des Stadions und der Tatsache, dass es bis auf die Haupttribüne komplett unüberdacht ist, konnte kein Fanlager sonderlich laut werden. Die Stimmung hielt sich dementsprechend stark in Grenzen.

Nach 22 Minuten ging jedoch ZSKA vollkommen unverdient in Führung. Daraufhin explodierte der Block. Einerseits durch Verdopplung der Lautstärke, andererseits durch etwas Rauch und Leuchtraketen. Südländische Atmosphäre bei unter null Grad, auch wenn es leider in dem folgenden Video nicht so rüberkommt.

Noch vor der Halbzeit erhöhte ZSKA auf 2:0, was weiterhin unverdient war und nicht in das Konzept von den 1:0-Spielen unserer Reise passt. So eine schlechte Organisation in Bulgarien!

In der Halbzeitpause versuchten wir, etwas Warmes zu trinken zu organisieren. Denn obwohl wir jeweils fünf Lagen trugen, waren die Füße mittlerweile gefroren. Hinter der Tribüne gab es einen kleinen Verkaufsstand hinter einer vergitterten Öffnung in der Wand. Dort wurde auch tatsächlich heißer Tee verkauft. Wir stellten und also hoffnungsvoll an. Unser Block war zwar komplett vor der Theke versammelt, aber so viele Leute waren es ja nicht, dass man Angst haben musste, nichts mehr abzubekommen.

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Wir warteten also eine Weile und es passierte: nichts. Also gar nichts. Die beiden Verkäufer in dem Laden waren zwar mit einem Gerät ausgestattet, das wohl eine Mischung aus Schnellkochtopf und Teekanne darstellte, nach fünf Bechern (wieder nicht übertrieben) aber leer war. Das Erhitzen des Tees in diesem Gerät dauerte so lange, dass wir ohne ein warmes Getränk aufbrachen, damit wir rechtzeitig zur zweiten Halbzeit wieder im Block waren. Okay, das war wirklich schlecht organisiert. Aber vielleicht wurden die Sofianer ja genauso vom Schnee überrascht wie wir.

ZSKA hatte für den Beginn der zweiten Halbzeit eine weitere Choreografie vorbereitet. Die bestand auf rot-weiß-rot gestreiften Fahnen, einem Spruchband, das aussagte „Eat, Sleep, CZKA, Repeat“ und wiederum einer Menge Rauch und Leuchtraketen.

Auch Lewski hatte sein ganzes Rauchpulver noch nicht verschossen und konnte seinen gesamten Block in die Vereinsfarben blau, weiß und gelb tauchen. Begleitet von einem Dutzend Bengalos, die an der Absperrung zum Spielfeld geschwungen wurden, konnte sich das echt sehen lassen.

In der zweiten Halbzeit hörte es auf zu schneien und der Schnee auf dem Rasen schmolz langsam. Das Spielniveau wurde dadurch aber keineswegs besser. ZSKA stand aufgrund seiner 2:0-Führung sehr tief und Lewski hatte keine Mittel, sich gefährlich vor das Tor zu spielen. Die Angriffe endeten meist mit einem hohen Ball, den keiner annahm, oder einem Spieler, der sich festspielte.

Als ZSKA kurz vor Schluss das weiterhin vollkommen unverdiente 3:0 schoss, war der Spaß auf Seiten der Lewski-Fans vorbei. Sie überquerten die Begrenzung zwischen Block und Stadioninnenraum und drängten in Richtung Spielfeld, wurden aber sogleich von mehreren Reihen Polizisten aufgehalten. Am Ende standen etwa genauso viele Polizisten vor dem Block wie Lewski-Anhänger. Auch wenn sie es versuchten, sie kamen nicht durch, lieferten sich ein bisschen Kontaktsport mit der Polizei, beruhigten sich aber irgendwann wieder. Das Spiel lief unbeeindruckt davon weiter.

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Nach Abpfiff ließen sich die ZSKA-Spieler von ihrem Anhang feiern, der zu Feier des Tages die Lautstärke nochmals erhöhte, das Fahnenschwenken verdoppelte und das Leuchtraketenschießen einstellte. Die Lewski-Spieler gingen kurz und zögernd dorthin, wo sie ihre Fans vermuteten, winkten ein bisschen in Richtung der Polizeiketten und verschwanden in den Katakomben.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Leuchtraketen und ein Platzsturm kein Grund für die Unterbrechung eines Fußballspiels sind, dass das Niveau in der ersten bulgarischen Liga etwa dem der dritten Liga in Deutschland entspricht und es durchaus im Oktober schneien kann.

Wir beendeten den Tag in einer Lokalität in der Nähe des Stadions, in der wir für 58 Lewa (29 Euro) drei Gänge und Getränke hatten und ich verwirrte Blicke erntete als ich Bier und Sprite bestellte und noch verwirrtere Blicke bekam als ich die Sprite in das Bier kippte. Nebenbei sahen wir el Classico, stellten fest, dass es sich dort um eine andere Sportart handeln muss und schmiedeten Pläne für den Sommer 2015. Eigentlich steht ja mal wieder eine große Zugfahrt Richtung Osten an. Oder eine Reise nach Südamerika, auf der man Fußball und Zugfahren verbinden könnte.

Noch mal alle Videos vom Spiel:

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