Tag 8: Über Nacht in eine andere Welt

10. Juni 2011. 10:15 Uhr. Im Zug nach Istanbul.

Planmäßig sollten wir ja schon seit zwei Stunden in Istanbul sein. Wie langweilig wäre es aber, wenn alles nach Plan liefe? Wir sind gerade irgendwo zwischen Cerkesköy und Halkali in der Türkei und haben jetzt – wahrscheinlich – noch zwei Stunden Fahrt vor uns.

Aber am besten fange ich da an, wo ich gestern Abend aufgehört habe. Gegen 20:30 Uhr hat unsere Kioskkneipe geschlossen und wir mussten umziehen auf die Stufen vor den Fenster der ehemaligen Bahnhofsläden. Unsere letzten 10 Leva (5 Euro) habe ich in Frühstück investiert: Chips, Brotringe, gefüllte Hörnchen, gefülltes Weichbrot, so ein Ding Marke Yes-Törtchen mit „Forrest-Berries“ und Bier. Letzteres gab es allerdings nicht zum Frühstück.

Bahnhof Stara Zagora

Bahnhof Stara Zagora

Gegen 22:00 Uhr, als unser Zug eigentlich kommen sollte, verschwand dieser von der Anzeigetafel ohne ein Wort über eine Verspätung oder ähnliches. Wir waren allerdings nicht die einzigen am Bahnhof, die Richtung Istanbul unterwegs waren. Außer uns wollte noch eine Gruppe Bulgarinnen unseren Zug nehmen und eine irische Familie mit zwei kleinen Kindern, die ab Paris den Weg des alten Orientexpresses abfuhren. Da die alle noch da waren, konnten wir sicher sein, unseren Zug nicht im regen Treiben des Bahnhofs von Stara Zagora verpasst zu haben.

Während wir warteten, konnten wir noch live miterleben, wie die Post aus Dimitrovgrad ankam – nämlich in einem Personenzug im Gang liegend.

Gegen 22:20 Uhr meinte dann eine der Bulgarinnen, dass unser Zug auf Gleis 2 statt Gleis 1 ankommen sollte. Woher sie das wusste, war nicht ganz klar, aber Gleis 1 war ja auch durch mehrere einzelne Wagons belegt, die nach und nach dorthin gefahren worden sind.

Einige Minuten später kam dann auch unser Zug, der aus genau zwei Wagons bestand: einem rumänischen und einem türkischen. Unsere Reservierung galt für letzteren. Also rein, Gepäck auf den oberen Liegen verstaut (wir hatten das Abteil für uns) und Betten gemacht. Wir bekamen vom Schaffner jeweils zwei Kissen mit Bezug und zwei Laken, eins zum Darunterlegen, eins zum Zudecken.

Also noch mal pullern gehen und schnell schlafen, denn wir sollten ja gegen 8:00 Uhr in Istanbul sein.

Plumsklo

Plumsklo

1. Überraschung: Pullern gehen. Wir erinnern uns, wir waren in einem türkischen Wagon. Auch hier gab es natürlich Toiletten. Diese bestanden allerdings nur aus einem Loch im Boden und einer 5-Liter-Plasteflasche zum Spülen.

2. Überraschung: Gegen 8:00 Uhr in Istanbul sein? Is‘ nich‘! Nachdem wir anderthalb Stunden in Dimitrovgrad herumstanden (Denis ist bei der Ankunft dort eingeschlafen, nach anderthalb Stunden wieder aufgewacht und dachte nur: „Hier waren wir doch schon mal.“), erkundigte sich Denis mal, was denn los sei. Die Kurswagen aus Belgrad hatten eine Verspätung von vier Stunden. Also hieß es: warten und weiter knacken. Mittlerweile bin ich ganz froh, dass wir erst gegen Mittag in Istanbul sind. Dann können wir gleich im Hotel einchecken und duschen gehen. Unsere Hygienemaßnahmen im Zug beschränkten sich nämlich auf feuchte Tücher und Desinfektionsmittel.

Die Passkontrolle auf bulgarischer Seite fand – wie bisher alle – im Zug statt, indem mehrere Kontrolleure durch jeden Wagon gingen und Personen und Pässe kontrollierten. Deswegen musste uns der Schaffner etwa 30 Minuten nach Ankunft am türkischen Grenzbahnhof freundlich darauf aufmerksam machen, dass wir doch bitte rausgehen sollen ins Passport Controll-Häuschen. Da wir keine Reisepässe hatten und es Probleme beim Einscannen unserer Ausweise gab, dauerte unsere Kontrolle ca. 10 Minuten. Zum Glück waren wir nicht die letzten und die Bahn musste nicht auf uns allein warten. Während der Kontrolleur die Probleme behob, hatten wir das Gefühl, dass er eine Runde Solitär auf dem PC gespielt hat, weil er so aufmerksam mit der Maus herumgefuchtelt hat. Zum Schluss haben wir jedenfalls einen kleinen Zettel mit Stempel bekommen, den wir wohl nicht verlieren sollten, wenn wir keine größeren Probleme bei der Ausreise haben wollen. Diese Zettel haben wir nur in der Türkei bekommen, an allen anderen Grenzen war das nicht so kompliziert.

Die ganze Aktion war gegen 6:45 Uhr beendet. Zum Glück verschob sich auch die Grenzkontrolle um vier Stunden, denn wir sind uns nicht sicher, ob die uns rein gelassen hätten, so wie wir wohl um 2:30 Uhr ausgesehen haben.) Danach gab’s noch ein bisschen Schlaf und Frühstück. Nun warten wir auf die Ankunft in Istanbul. Wir sind schließlich schon über 20 Stunden unterwegs.

10. Juni 2011. 22:12 Uhr. Zimmer 16, Antique Hotel Istanbul, Türkei.

Bosfor Ekspresi

Bosfor Ekspresi

Ankunft in Istanbul Sirkeci: 12:15 Uhr, Verspätung mehr als vier Stunden. Ich glaube, diese Fahrt inklusive Schienenersatzverkehr in Bulgarien hat ein bisschen mein Leben geprägt. Ich habe mal wieder gelernt: alles ist möglich und auch das völlig Unerwartete trifft ein.

Bei unserer Ankunft bestand unser Zug aus zwei türkischen, einem bulgarischen, einem rumänischen und einem serbischen Wagon und einer türkischen Lok. Multikulti auf der Schiene.

Wir fuhren dann mit dem „Taksi“ in Richtung Hotel. Da der Fahrer nicht wusste, wo sich dieses genau befinden sollte, hielt er erstmal mitten auf der Straße an, um im Hotel anzurufen und zu fragen, wo es lang geht. Als dort niemand ans Telefon ging, wurde das Fenster herunter gekurbelt und ein anderer Fahrer gefragt. Dann fuhren wir ein Stück weiter die Straße runter und irgendwo haben wir unser Hotel dann tatsächlich gefunden.

Taxifahrer in Istanbul sind sowieso eine Gattung für sich. Auf den sowieso schon chronisch überfüllten Straßen in der Innenstadt verursachte ein Taxifahrer einen Stau, als er mitten auf der Straße einfach anhielt, um sich zu unterhalten. Da die Straße zu eng war, konnte weder in die eine Richtung noch in die andere ein Auto fahren. Das Dauerhupen der anderen Verkehrsteilnehmer interessierte den Taxifahrer nicht und es wurde munter weiter gequatscht. Ein anderer Fahrer hielt mitten auf der Straße an, um einen Straßenhändler nach dem Preis eines Koffers zu fragen. Als ihm das gute Stück zu teuer war, fuhr er weiter.

Im Hotel angekommen, wurden wir zu unserem Zimmer im Nebengebäude gebracht und gingen erstmal duschen. Unser Zimmer ist sehr nett eingerichtet und wir waren sehr froh, dass wir im Bad eine Toilette vorfanden und kein Loch. Diese könnte man theoretisch auch als Bidet nutzen, denn es gibt am oberen Rand der Schüssel eine kleine Düse. Praktisch ist dies allerdings nicht so einfach, denn direkt neben der Toilette beginnt der Waschtischunterschrank. Da die Dusche so groß und mit einer Wannenarmatur auf Wannenhöhe ausgestattet ist, sind wir uns mittlerweile sicher, dass unser Bad mal mit einer Badewanne ausgestattet war.

Innenhof der Blauen Moschee

Innenhof der Blauen Moschee

Dann machten wir uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Als erstes kamen wir an die Blaue Moschee (Sultanamet Camii), die nicht weit entfernt von unserem Hotel liegt. Dort bildete sich eine lange Schlange vor dem Eingang ins Innere. Wir hatten allerdings keine Lust, zwei Stunden zu warten, um hinein zu kommen. Wir gingen also ein bisschen im Innenhof spazieren und sahen dann, dass Treppe am Eingang zur Moschee an zwei Seiten Stufen hatte. Da alle nur an der einen Seite anstanden, waren wir über die andere Seite innerhalb von fünf Minuten in der Moschee. Schuhe aus, in der Plastetüte verstaut und rein ins Gotteshaus. Da wir beide lange Hosen trugen, gab es keine Probleme mit der Garderobe und ich bekam nur ein kleines Tuch, um meine Schultern zu bedecken. Das Innere der Moschee war sehr beeindruckend, so groß, weitläufig und orientalisch (Überraschung).

Genau gegenüber der Blauen Moschee befindet sich die Ayasofya (Hagia-Sofia). Zuerst war diese eine Kirche, dann eine Moschee und nun befindet sich im Inneren dieses riesigen Gebäudes nur noch ein Museum. Da der Eintritt dort relativ hoch war und man definitiv anstehen musste, haben wir auf einen Rundgang verzichtet.

Çay

Çay

Danach wollten wir eigentlich Mittag essen. An vielen Restaurants gingen wir allerdings reflexartig vorbei, weil man von allen Seiten angesprochen wurde, dass es hier ja das beste Essen zum günstigsten Preis in ganz Istanbul gäbe. Die Kellner, die vor den Restaurants stehen, können anscheinend alle Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden und tippen immer sofort richtig, wer wie angesprochen werden muss. Ich hab keine Ahnung, wie die das machen, aber in Istanbul sind wir zu 90 Prozent auf Deutsch angesprochen worden. (Dabei hatten wir doch gar nicht unsere Deutschlandfähnchen dabei und Denis hat auch keine Tennissocken zu kurzen Hosen getragen.) Einmal wurden wir allerdings auch gefragt, ob wir aus Finnland kämen.

Wir fanden dann einen kleinen Laden, der nicht so aufdringlich war und bestellten eine Pide mit Käse und Salami und eine Khlav Kalash-Suppe. Zu meinem Gericht gab es eine derart scharfe Peperoni, dass ich von einem winzigen Stück bereits Schluckauf bekam. Ganz typisch türkisch gab es nach dem Essen einen Çay (Tee). Aufgrund eines heimtückischen Suppenangriffs auf weiße Kleidungsstücke mussten wir dann den Rückzug zum Hotel antreten. Dort angekommen, hielten wir es für das Sinnvollste, uns von dem ganzen Stress mit einem Mittagsschläfchen zu erholen.

Galata-Brücke

Galata-Brücke

Nach dem Schlafen gingen wir in Richtung Galata-Brücke, nachdem wir aufgrund eines Konzerts nicht in den Topkapi-Tempel gekommen sind. Die Galata-Brücke ist eine Brücke mit zwei „Stockwerken“. Unten gibt es Restaurants und oben ist eine ganz normale Straße, an deren Rand viele Angler stehen und ihr bestes versuchen. Die Kellner auf der Galata-Brücke waren noch aufdringlicher als die in der Innenstadt. Sie schienen persönlich beleidigt, wenn man erklärte, dass man in ihrem Restaurant nicht essen will. Diskret ignorieren geht hier nämlich nicht.

Auf dem Rückweg zum Hotel gönnten wir uns Dürüm mit Käse, der neben Käse und Fleisch auch mit Pommes gefüllt war und erst nach dem Füllen gegrillt wurde.

Nun sind wir wieder im Hotel angekommen, liegen auf dem Bett und essen Chips. Ich werde jetzt Zähneputzen gehen und dann schlafen. Gute Nacht!

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