Tag 8: Zweieinhalb Tribünen in Riga und Wildcamping in Estland 

29. Juli 2017. Piirumi, Estland.

Auch wenn so ein Bad im Fluss sicherlich so seine Vorteile hat, entscheiden wir uns heute Morgen doch dafür, die sechs Euro in eine warme Dusche zu investieren. Nicht zuletzt, weil es ein wenig dekadent und naturunfreundlich wäre, mit Duschbad und Shampoo in den Fluss zu steigen. Dafür erhalten wir Zugang zur Saunadusche und können uns in Ruhe fertig machen. Aus zwei Wahlgroßstädtern werden über Nacht halt nicht mal eben zwei Naturburschen.

Campingplatz an der Lielupe

Auf nach Riga

Nachdem wir dann noch ausreichend den Blick auf den Fluss am Morgen genossen und gefrühstückt haben, brechen wir auf. Heute wollen wir uns Riga anschauen, am Nachmittag weiter Richtung Norden fahren und vielleicht irgendwo in der Nähe der lettisch-estnischen Grenze übernachten. Das hängt davon ab, wie viel Zeit wir im Riga verbringen wollen und wie viel Lust wir haben, danach auf der Straße zu bleiben.

Als wir aus Jūrmala heraus fahren, bekommen wir eine Ahnung davon, wo man wohnt, wenn man es in Riga zu Geld gebracht hat. Nämlich hier. Um unseren Campingplatz herum scheint die gesamte Ortschaft aus Villen, Gärten und teuren Autos zu bestehen. Zumindest gewinnen wir diesen Eindruck an den Stellen, an denen wir einen Blick durch die meterhohen Hecken und Zäune erhaschen können.

Weil sich auf der Landstraße die 20-minütige Fahrtzeit nach Riga um eine Stunde verlängert hätte, nehmen wir ausnahmsweise mal die Autobahn, denn man muss es ja auch nicht übertreiben mit seinen Regeln. Auf der Brücke Vanšu Tilts überqueren wir die Düna und bekommen einen ersten Blick auf Riga mit seinen alten Kirchen und neuen glänzenden Bürogebäuden.

Altstadt

Riga ist eine Hansestadt mit allem, was dazu gehört: Ostseeanbindung, einem Hafen, einem Kreuzfahrerterminal, bunten Fassaden, Möwen, Backstein, Wind. Die Altstadt ist sehr gut erhalten, gar nicht mal so klein und wunderschön. Die engen Gassen tragen malerische Namen wie „Pils iela“ und führen auf bunte Plätze voller Restaurants und Bars. Die Fassaden ragen weit und spitz in die Höhe, strahlen in allen Farben und sind verspielt verziert. Die Sonne scheint und taucht die ganze Szenerie in warmes Licht.

Rigas Altstadt

Am Schwarzhäupterhaus versammeln sich die Kreuzfahrer, in der Petri-Kirche wird geheiratet, vor der Börse Kaffee getrunken. Säße man in einem der zahlreichen Cafés an den Straßenecken, man könnte den ganzen Tag sehen und staunen und die Stadt genießen, es würde nie langweilig.

Schwarzhäupterhaus

Nach ein paar Runden durch die Altstadt gehen wir durch den Basteiberg, eine kleine Parkanlage mit Fluss, die fast kitschig wirkt mit ihren bunten Blumenbeeten, dem grünen Gras und dem glitzernden Wasser, in dem Touristen umhergegondelt werden.

Basteiberg

Zweieinhalb Tribünen

Weiter geht es in den Park Esplanade, in dem die russisch-orthodoxe Kirche mit der obligatorischen goldenen Kuppel steht. Und keine fünf Minuten später, an der Gertruden-Kirche vorbei, stehen wir in der Hanzas iela. Wie es sich für eine Straße dieses Namens gehört, finden wir hier das örtliche Fußballstadion. Das Skonto Stadion ist mit 9.500 Plätzen das größte des Landes und obwohl heute Samstag ist, ist das Gelände leer, denn der heimische Riga FC spielt erst morgen.

Das Stadion verfügt über zweieinhalb Tribünen, von denen alle überdacht sind. Haupt- und Gegentribüne stehen wie überall auf der Welt seitlich des Feldes, die eine Hintertortribüne gibt es nicht und die andere geht nur bis kurz über die Hälfte, denn zwischen Tor und Eckfahne drängt sich die Skonto-Halle, in der sich auch die Kabinen der Fußballer und der Spielertunnel befinden. Nebenbei wird dort wohl auch Eishockey und Basketball gespielt.

Skonto Stadion

Unter der Haupttribüne befindet sich der Haupteingang, an dem man stolz seine anderthalb Trophäen in einem eigenen Trophäenfenster präsentiert, und Verbots- und Ergebnistafeln angebracht hat. Ersterer entnehmen wir, dass man Rollschuhe und Schraubenschlüssel besser Zuhause lässt und Zweiterer, dass die erste lettische Liga, die Virsliga, mit zehn Mannschaften echt übersichtlich ist. Man spielt hier von April bis November viermal gegeneinander.

Die bewegende Vereinsgeschichte des Riga FC in einem Bild

New Hanza City und Dritte Liga

Apropos Fußball, da war ja noch was. Hansa spielt heute gegen Großaspach und das wollen wir bei einem kühlen Getränk in der Altstadt verfolgen. Wir machen uns also wieder auf den Weg dorthin und laufen dabei an der New Hanza City vorbei, die so neu ist, dass sie aktuell nur aus einer Baugrube mit Kran besteht.

Zurück in der Altstadt finden wir alles vor, was wir brauchen: ein nettes Lokal mit vielen Plätzen im Freien, eine stabile Internetverbindung und eine gute Versorgung mit Festem und Flüssigem. Unser Kellner ist am Ende so verständnisvoll, dass er uns so lange in Ruhe lässt, bis wir uns melden. Einzig die Russen und Sachsen in unmittelbarer Nachbarschaft stören ein wenig. Und natürlich die Tatsache, dass Hansa nur unentschieden spielt.

Dritte Liga in Riga

Weiter nach Estland

Nachdem wir den Kellner mit aller Kraft darauf aufmerksam gemacht haben, dass wir gern zahlen würden, geht es zurück zum Auto und mit ihm auf die Straße. Eigentlich wollten wir ja heute Nacht in Lettland bleiben und morgen nach Pärnu in Estland aufbrechen. Aber dann steht da plötzlich das Ortseingangsschild von Estland und schon haben wir die Grenze überquert.

Lettland ist wirklich ein sehenswertes Land mit tollen Küstenorten und Stränden. Die Menschen sind sehr freundlich und der nächste Campingplatz ist nie weiter entfernt als ein paar Minuten. Anders ist das mit den Ortschaften, denn die liegen teilweise echt weit auseinander. Eine Reihe Briefkästen mitten im Nichts neben einem Schild, das die nächste Ortschaft in 5 Kilometern ankündigt, ist keine Seltenheit.

Außerdem ist die Sprache überaus unterhaltsam. Hochprozentiger Alkohol ist in der Speisekarte unter der Überschrift „Balzams“ zu finden, Oliven isst man zusammen mit „Fetaki“ und zu später Stunde zahlt man im Taxi den „Nakttarif“. Und wem das alles noch nicht reicht, der kauft seine Seife in einem Geschäft namens „Stenders“. Also bitte.

Suche nach einem Schlafplatz

Hinter der Grenze überlegen wir uns, dass es mal Zeit wäre, einen Schlafplatz zu suchen und weil Wildcampen im Baltikum erlaubt ist, wollen wir uns einen schnuckeligen Ort am Wasser suchen, den wir ganz für uns allein haben. Es stellt sich heraus, dass dieses Vorhaben gar nicht so leicht in die Tat umzusetzen ist. Das liegt nicht daran, dass die Landstraße 331 keine Abzweigungen Richtung Ostsee hätte, sondern eher daran, dass dort überall Briefkästen stehen, was darauf hinweist, dass am Ende der Straße Menschen wohnen. Und die können wir nun gar nicht gebrauchen.

Nach einiger Zeit des Offlinesuchens halten wir irgendwo mitten auf einer unbefestigten Dorfstraße an und verlagern unsere Aktivitäten auf Google Maps, wo wir schließlich auch fündig werden. In ein paar Kilometern Entfernung befindet sich am Ende einer weißen Linie, die so dünn ist, dass sie Wirklichkeit nicht mehr als ein Feldweg sein kann, ein Aussichtsturm direkt am Strand und dort wollen wir hin.

Nach dem Verlassen der Landstraße finden wir uns tatsächlich auf einem unbefestigten Weg wieder, der uns an einem großen Bauernhof vorbei führt und schließlich wirklich zu einem Feldweg wird, dessen Verlauf man mehr erahnen als sehen kann. Am Ende steht aber versprochener Aussichtsturm, den man in Deutschland wahrscheinlich eher als „ziemlich niedriger Hochstand“ bezeichnen würde.

Zelt hinter Aussichtsplattform

Der perfekte Ort (wieder mal)

Aber das ist vollkommen egal, denn wir haben hier den perfekten Ort gefunden. Die Sonne geht in ihrem schönsten Orange über der Ostsee unter, wir sind hier vollkommen ungestört, denn die nächsten Häuser sind außer Sichtweite, und wir können so nah an der Ostsee schlafen, dass wir wahrscheinlich die ganze Nacht lang das Wellenrauschen hören können. Neben unserem Schlafplatz befindet sich eine große Weide, dahinter irgendwo ein Hotel, ansonsten gibt es nur Felder, das Wasser und uns.

Sonnenuntergang

Aber, genauso romantisch wie es hier ist, genauso windig ist es auch. Deswegen geben wir alles, das Zelt so sturmfest zu machen, dass es weder wegfliegt noch die ganze Nacht raschelt. Zumindest ersteres gelingt uns ganz gut. Und als das Zelt steht haben wir endlich endlich Zeit, diesen tollen Ort angemessen zu genießen. Passend zu der Romantik, die hier in der Luft liegt, gibt es zum Abendbrot Kartoffelsalat und Würstchen, dazu Rotwein aus dem Blechbecher.

Romantisches Dinner

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.571 km
  • Heute: 190 km
  • Streckenverlauf: Jūrmala – Riga (LV) – Piirumi (EST)
  • Länder: Lettland, Estland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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