Tag 9: Borussia Dortmund II – F.C. Hansa Rostock

26. Oktober 2014. Dortmund, Deutschland.

Wir hatten pünktlich um 13:00 Uhr das Flughafenterminal in Dortmund verlassen und beeilten uns, zu unserem Auto zurück zu kommen und das Parkticket zu bezahlen. Dieses war, nachdem wir dort eine Woche geparkt hatten, teurer als es zwei Zugfahrkarten für zwei Personen auf der Strecke Hamburg – Dortmund gewesen wären.

Es blieb allerdings nur wenig Zeit, uns darüber zu ärgern, denn der Anpfiff unseres letzten Spiels in dieser Woche war auf 14:00 Uhr terminiert und wir wollten schließlich pünktlich zum Anpfiff vor Ort sein. In der Roten Erde, im Schatten des Westfalenstadions, würden wir die Partie zwischen der U23 von Borussia Dortmund und der ersten Mannschaft unseres Vereins sehen. Dritte Liga als krönender Abschluss unserer Europapokal-Reise.

In unmittelbarer Nähe des Stadions wurden wir von einem Polizisten raus gewunken. Klasse, sowas passiert natürlich nur, wenn man es eilig hat. Führerschein, Fahrzeugschein, alles klar. Ob wir denn wüssten, was er an unserem Auto vermissen würde, fragte uns der Polizist. Da es eine Woche auf dem Flughafenparkplatz gestanden hatte und wir sicherlich nicht die Zeit gehabt hatten, uns das Auto vor der Abfahrt noch einmal anzuschauen, hätte vom Nummernschild über den Tankdeckel bis hin zum Auspuff alles fehlen können.

Was aber tatsächlich fehlte, machte diese Situation noch unnötiger als sie eh schon war. Wir hatten nämlich keine Umweltplakette an der Scheibe. Wirklich? Eine Umweltzone in Dortmund? Mitten im Pott? Wo es sowieso nie hell wird, weil die Luft so schwarz ist? Super Idee!

Da wir aber – auch wenn ihr es uns nicht glaubt – keinen 1984er Trabant 601 fahren, besitzen wir natürlich eine grüne Umweltplakette für unser Auto. Diese lag aber warm und trocken Zuhause in Hamburg, einer Großstadt, in der wir sie nicht benötigen.

Dieser unverzeihliche Verstoß gegen die Verkehrsgesetze kostet regulär 100 Euro. Na klar, wer eine derart unverantwortliche Tat begeht, muss dafür auch angemessen bestraft werden. Aber weil die Polizei ja bekanntlich unser Freund und Helfer ist, konnte uns das Exemplar, mit dem wir es zu tun hatten, ein Angebot unterbreiten. Sollten wir nämlich bereit sein, sofort per EC- oder Kreditkarte zu zahlen, würde er uns nämlich einen Nachlass von 70 Euro geben, wir müssten also nur 30 Euro zahlen. Wie großzügig. Da es dabei nun leider sehr wenig zu überlegen gab, nahmen wir das Angebot an und zahlten direkt.

Dank dieses Zwischenfalls waren wir gegen 13:45 Uhr am Stadion. Und als wir kurz vor 14:00 Uhr hinein gehen wollten, erreichte uns die Nachricht, dass der Anpfiff aufgrund von Sicherheitsbedenken um eine halbe Stunde verschoben worden ist. Bei uns vor dem Gästeblock war alles ruhig, wir hörten keine Unruhe aus dem Stadion und sahen auch keine Sicherheitskräfte, die wild durch die Gegend liefen, um irgendwo schlichtend mit ihrem Schlagstock einzugreifen. Das war alles sehr merkwürdig.

Einlass am Stadion Rote Erde

Wir gingen nach kurzer Zeit trotzdem ins Stadion, weil es davor auch nichts mehr zu sehen gab. Im Block gab es ebenfalls keinerlei Hinweis auf eine bedenkliche Sicherheitslage. Man erzählte sich, dass wohl vor anderthalb Stunden etwa 300 Dortmunder von der mit kniehohen Zäunen gesicherten Haupttribüne aus den Platz gestürmt haben sollen, um zum Gästeblock zu gelangen. In diesem sollen sich zu diesem Zeitpunkt 50 Hansafans befunden haben.

Nachdem wir das gehört hatten, fiel uns auch ein Abschnitt am äußersten rechten Rand der Haupttribüne auf, in dem Leute standen, die von der Polizei eingekesselt waren. Das waren aber definitiv keine 300 Mann, sondern maximal die Hälfte. Wenn es ganz hoch kommt.

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Man erzählte sich weiter, dass die Polizei die Personalien der eingekesselten Personen aufnehmen wollte, aber keine Ahnung hatte, wie sie das aufgrund der Vielzahl der Leute bewerkstelligen sollte. Währenddessen standen noch etwa 700 Dortmunder vor dem Stadion, denen der Eintritt erst gewährt werden sollte, wenn alle Personen den eingekesselten Bereich verlassen hatten, was erst möglich war, wenn alle Personalien aufgenommen waren. Ein Teufelskreis.

Es passierte im Stadion rein gar nichts, außer dass sich die beiden Mannschaften ein zweites Mal aufwärmten. Im eingekesselten Block gab es keinerlei Bewegung, im Rest des Stadions war die Stimmung genervt und stark gelangweilt.

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Nebenbei erfuhr man aus sozialen Netzwerken, dass die Presse an ihrer Arbeit gehindert wurde, in dem deren Vertreter auf Anweisung der Polizei den Presseraum nicht verlassen durften. Hallo? Wo sind wir denn? In China? Nordkorea? Kuba? Ja, okay, man muss vorsichtig umgehen mit dem, was man in den Medien zu lesen bekommt. Aber eine Behinderung der Berichterstattung durch die Polizei, damit nicht über fragwürdiges Verhalten der Polizei berichtet werden kann, hat absolut nichts damit zu tun, was über die Pressefreiheit im Grundgesetz steht. Ein schwarzer Tag für alle Verantwortlichen, die für dieses Vorgehen Konsequenzen zu spüren bekommen sollten, dieses aber wohl kaum werden.

Nachdem bis 14:30 Uhr nichts passiert war, wurde der Anpfiff abermals verschoben. Diesmal sicherheitshalber gleich um eine ganze Stunde auf 15:30 Uhr. Überraschenderweise passierte daraufhin weiterhin nicht, außer dass die Stimmung und die Lust auf dieses Spiel, die sich vorab schon in Grenzen hielt, nun ganz tief im Keller waren.

Nach 15:00 Uhr kamen die Dortmunder und die Schiris erneut aus der Kabine, um ihr Aufwärmprogramm zum dritten Mal abzuspielen. Bei Hansa hatte man wahrscheinlich Angst, sich vor Anpfiff schon zu verausgaben, weshalb die Rostocker erst eine Viertelstunde später den Rasen betraten.

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Gegen 15:20 Uhr wurde der Dortmunder Block ohne Gegenwehr geräumt, nachdem immer noch nichts passiert war. Auch in der letzten Stunde konnten wir keine Bewegung in dem Kessel ausmachen. Warum der Block nicht früher geräumt werden konnte bzw. dies überhaupt notwendig war, verstand vor Ort niemand. Auch jetzt im Nachhinein bleibt dieses Vorgehen der Polizei suspekt.

Als absolutes Kontrastprogramm zu dem, was wir in dieser Woche auch in kritischen Spielen und Situationen erlebt hatten, diente dieser Tag aber allemal. Willkommen zurück im Kindergarten, wo die Polizei aufgrund von Einschätzungen der Polizei entscheidet, wie viel Polizei benötigt wird. Bin ich die einzige, die das seltsam findet? Zum Konzept der Zurückhaltung der Polizei NRW passte hier heute jedenfalls gar nichts.

Ab 15:25 Uhr wurden dann die restlichen 700 Dortmunder ins Stadion gelassen. Auch wenn die meisten von ihnen noch nicht drin waren, wurde „pünktlich“ um 15:30 Uhr angepfiffen. Warum warten bis alle im Stadion waren? Wir waren ja schließlich sowieso spät dran.

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Die Dortmunder durften aus irgendeinem Grund, den niemand kannte, heute nicht wie üblich auf die Haupttribüne, sondern wurden in den großen Stehblock in der Kurve hinter dem Tor untergebracht. In zwei Wellen während der ersten Halbzeit wurden Ordnungsdienst und Polizei, die zwei Ketten gebildet hatten, damit die Leute keinen Zugang zur Haupttribüne bekamen, so weit zurück gedrängt, dass ebenjene Leute einen Zugang zu ebenjener Tribüne bekamen. Dabei gab es weder Tote noch Verletze und auch während der restlichen Spielzeit wurde das Stadion vollkommen widererwarten nicht komplett verwüstet. Puh! Da haben wir ja noch mal richtig Glück gehabt.

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Fußball wurde im Übrigen auch gespielt. Hansa spielte in der ersten Halbzeit wie Hansa im System Peter Vollmann nun mal spielt(e), nämlich Scheiße. Folglich ging Dortmund nach sieben Minuten in Führung und nahm diese auch ohne Probleme mit in die Halbzeitpause. Da konnte man jedes Mal direkt wehmütig werden, wenn Edisson Jordanov im Dress des BVB am Ball war. Sehr schade, dass man es versäumt hat, ein solches Talent im Verein zu halten.

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Da es aufgrund der Winterzeitumstellung und der ungewöhnlich späten Anstoßzeit gegen Spielende dunkel werden sollte, wurde bereits in der Halbzeit das Flutlicht eingeschaltet. Der Flutlichtbeauftragte des Stadions Rote Erde musste dazu wahrscheinlich von einem Balljungen mit dem Fahrrad aus dessen Gartenlaube im Kleingartenverein Dortmund-Oberdorstfeld vom Kaffeetrinken mit seiner Frau und den Enkeln geholt werden, weil dieser kein Handy besaß und niemand damit gerechnet hatte, dass er in der Personalplanung für das heutige Spiel berücksichtigt werden müsste.

Nach der Pause stand dann plötzlich eine andere Mannschaft in blau-weiß auf dem Platz, die den Kampf annahm und sich endlich mal wieder den Allerwärtesten aufriss. Trotz einiger Großchancen konnte man aus dem Spiel heraus nicht erfolgreich werden. In der 52. Minute gab es aber einen Freistoß aus halbrechter Position in etwa 20 Metern Torentfernung. Schuss vom starken Bickel, Hechtkopfball vom bis dato bereits 50 Kilometer gelaufenen Blacha, Ausgleich, 1:1.

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Obwohl der Kampf weiter geführt und das Spiel schnell gehalten wurde, konnte Hansa kein weiteres Tor erzielen und nahm nur einen Punkt aus dem Pott mit an die Ostsee. Schade, dass die Leistung aus der zweiten Halbzeit nicht schon früher abgerufen werden konnte (bspw. ab August). Darauf hätte man eigentlich aufbauen können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wie weit es mit der Mannschaft und dem Verein bis jetzt gekommen ist, bricht einem das Herz, ist aber nicht Thema dieses Berichts.

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Welche Erkenntnisse bleiben also von dieser Reise?

…dass alles, was in Deutschland als „neue Dimension der Gewalt“ kriminalisiert wird, andernorts in Europa an der Tagesordnung ist und dort weder Kriegszustände herrschen noch reihenweise Menschen im Stadion sterben. Versteht mich nicht falsch, ich heiße das nicht gut und verabscheue Leute, die sich Sportveranstaltungen und Vereine aussuchen, um diese als Mittel der Selbstdarstellung zu missbrauchen. Auch rund um meinen eigenen Verein gibt es genug solcher Leute, die dort einfach nicht hingehören. Dennoch löst es das Problem nicht, wenn von allen Seiten die Zustände kriminalisiert und mit Gewalt beantwortet werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das kein Verein und kein Verband lösen kann. Viele kritische Situationen können aber durch Zurückhaltung und Besonnenheit seitens der handelnden Sicherheitskräfte entschärft werden.

…dass wir das Belgrader Derby auch mal im Marakana von Roter Stern sehen wollen. Und das kroatische Derby Hajduk Split gegen Dinamo Zagreb. Und das griechische Derby Panathenaikos Athen gegen Olympiakos Piräus. Und… Und… Und…

…dass die Spiele in Süd- und Südosteuropa sowohl von der Spieler- als auch von der Zuschauerseite aus viel emotionaler geführt werden. Die Spieler gehen hier viel emotionaler und – entscheidet selbst, ob ihr das gut oder schlecht findet – viel weniger abgeklärt und professionell in große Spiele und Derbys. Für die Zuschauer steht viel mehr der eigene Stolz als der Hass auf den Gegner im Vordergrund. (Abgesehen vom Derby in Sofia, da war es nämlich wie hierzulande.)

…dass in Süd- und Südosteuropa zwar nicht 90 Minuten durchgesungen wird, die Stimmung aber insgesamt viel besser, weil spielbezogen ist. Es gibt keine vor sich hin plätschernden Dauergesänge, die auf Krampf eine Halbzeit durchgezogen werden müssen. Wenn gesungen wird, dann sind es Lieder, die man laut und voller Inbrunst mitsingen kann. Das hat auch zur Folge, dass einfach mal spontan das ganze Stadion explodiert.

…dass trotz der ganzen Unterschiede drumherum Fußball Fußball ist und wir Fußballfans überall gleich sind.

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