Tag 9: Da steht ein Schwein in der Spur

4. Juli 2014. Trinidad, Zentralkuba – Camagüey, Ost-Kuba. 300 Kilometer.

Trinidad - Camagüey. 300 km.

Trinidad – Camagüey. 300 km.

Da sich der Sonnenbrand auf meinen Oberschenkeln als großes Hindernis bei alltäglichen Tätigkeiten – wie Hose anziehen oder laufen – herausstellte, machten wir uns ohne weitere Spaziergänge durch die Gassen Trinidads auf den Weg nach Camagüey. Im klimatisierten Auto ohne Bewegung der verbrannten Körperstellen ließ es sich mehr oder weniger aushalten. Ich fühlte mich lediglich beim Aufstehen, Gehen und Einsteigen wie eine alte Frau, da ich sehr darauf bedacht war, meine Körperhaltung so gebückt zu halten, dass Oberschenkel und Hose möglichst wenig miteinander in Berührung kommen.

Wir wollten mal wieder nicht auf dem direktesten Wege reisen und haben einen Umweg ins Valle de los Ingenios, das Tal der Zuckermühlen, eingeplant. In dem Tal, das östlich von Trinidad liegt, stehen viele stillgelegte Zuckermühlen aus der Zeit, in der Kuba der größte Zuckerproduzent der Welt war. Das war im 18. Jahrhundert und eine Blütezeit des Sklavenhandels auf der Insel. Da die Arbeit sehr kräftezehrend war, wurden zu hunderttausenden Sklaven aus Westafrika in das Land gebracht. Heute wird weniger mit Zucker und gar nicht mehr mit Sklaven gehandelt. Der Tourismus hat sich nämlich als der größte Devisenbringer durchgesetzt. Vor allem weil über eine sehr lange Zeit nicht investiert worden ist, ist die Zuckerproduktion auf Kuba außerdem derzeit defizitär.

Gegend

Nachdem wir Trinidad verlassen hatten, folgten wir auf gut Glück den Schildern an der Straße. Als diese uns verlassen hatten, vertrauten wir darauf, dass der Reisebus, der uns entgegen kam, bestimmt gerade Touristen an einer Zuckermühle abgeladen hatte. Wir fanden uns dann jedenfalls irgendwann direkt im Tal wieder und konnten eine Fahrt durch die Tropen genießen, Zuckermühlen haben wir allerdings keine gesehen.

Das war zwar schade, aber kein Weltuntergang. Denn dieser Umweg bescherte uns einen ganz wundervollen Einblick in eine Gegend, die wahrscheinlich nicht jeder Kubareisende sieht. Wir hatten nämlich keine Lust, den Weg zurück zu der Hauptstraße zu fahren, von der wir kamen, und fuhren einfach weiter. Wir waren uns nämlich fast sicher, unsere Straße auf der Karte gefunden zu haben. Und wenn diese nicht log, führte uns unser Weg auf eine andere Hauptstraße, die dann wiederum irgendwann auf die Autopista führen sollte. Okay, klang in der Theorie gar nicht so schwer.

Es sollte heute auch mal ausnahmsweise nicht die Straßenführung sein, die uns an den Rand der Verzweiflung brachte. Da es eigentlich keine andere Möglichkeit gab, als geradeaus zu fahren, gab es auch nicht allzu viel, was wir falsch machen konnten.

Stattdessen war die Herausforderung des Tages der Zustand der Straße. Ja, wir befinden uns auf Kuba. Und ja, hier sind die Straßen nun mal in einem anderen Zustand als in Deutschland. Aber ganz ehrlich, dass wir 25 Kilometer annähernd in Schrittgeschwindigkeit zurücklegen mussten, ist auch für Kuba ganz schön doll.

Da steht ein Schwein in der Spur

Da steht ein Schwein in der Spur

Wir waren eine sehr lange Zeit damit beschäftigt, den großen und riesigen Schlaglöchern auszuweichen, um nur durch die kleinen bis mittleren zu fahren. Das war nicht nur eine Anstrengung für das Auto und die Nerven, sondern auch für meine Oberschenkel, die immer wieder mit der Hose und der Straßenkarte in Kontakt kamen und anscheinend versuchten, diese in Flammen zu setzen.

So hatten wir aber mehr als genug Zeit, die Gegend mit ihrem Tropenwald und den vielen kleinen Dörfern zu genießen. Es waren überraschenderweise noch weniger Autos unterwegs als sonst auf den wenig befahrenen Straßen Kubas. Die wenigen Leute, die unterwegs waren, fuhren meist in Kutschen. In den Dörfern bewegte man sich zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Gerade in den wenigen Orten fühlte man sich an die vorpommersche Dorfidylle erinnert, in der alle Leute im Vorgarten sitzen und jeden Passanten genauestens beobachten. So verschieden sind wir alle gar nicht.

Außerorts trafen wir auf sehr wenige Menschen, dafür aber auf eine Menge Tiere. Meistens waren es Ziegen, Gänse oder anderes Geflügel, einmal stand plötzlich ein Schwein vor uns. Es machte keinerlei Anstalten, sich demnächst von seinem Platz mitten auf der Straße wegzubewegen und legte auch nur einen ganz gemächlichen Trott ein, als wir uns mit unserem Ungeheuer von Auto näherten. Aber das war kein Problem. Wir hatten ja Zeit.

09 Trinidad - Camagüey (03)

Das sind die mittelgroßen Schlaglöcher

Zu guter Letzt haben wir uns in dem Ort verfahren, in dem von der Neben- auf die Hauptstraße fahren wollten. Wir fanden uns plötzlich ohne Vorwarnung mitten in einem Wohngebiet wieder. Und als wir dieses verlassen wollten, standen wir direkt vor einem See, an dem unsere Straße änderte. Stadtentwicklung made in Cuba.

Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten und uns sicher waren, in die richtige Richtung unterwegs zu sein, verlief die Fahrt relativ ereignislos. Die Gegend war keine atemberaubende mehr und die Straße auch einigermaßen in einem passablen Zustand. Die Einordnung aus „passabel“ müsst ihr bitte im Zusammenhang mit den äußeren Umständen verstehen. „Passabel“ ist auf Kuba etwa das, was wir in Deutschland eine Vollkatastrophe nennen würden – hin und wieder mal ein Schlagloch, keine Befestigung am Rand, Autobahnabfahrten ohne Zubringer, die aussehen wie eine Kreuzung, Autobahnabfahrten mit Schildern, die man erst sieht, wenn man vorbei gefahren ist und viele andere Späße mehr.

Nachdem wir in Camagüey angekommen waren und ein Mittagsschläfchen gehalten hatten, wollten wir die Stadt anschauen. Leider hatten wir keine stadtrundgangtaugliche Karte dabei, weshalb wir ein bisschen durch die Gegend irrten. Nach ein paar Umwegen haben wir allerdings noch alles gesehen, was man in Camagüey gesehen haben sollte, was insgesamt nicht so viel ist. Hier gibt es eine nette Straße und ein paar anschauliche Plätze. Aber insgesamt ist es keine Stadt, in der man mehr als eine Nacht verbringen muss.

09 Trinidad - Camagüey (15)

Camagüey

Leider ist das nicht nur hier der Fall. Dadurch, dass wenig Geld für Modernisierung und Instandhaltung vorhanden ist und es auch nur wenig zum Modernisieren und Instandhalten gibt, haben die Städte wenig zum Anschauen zu bieten. Kuba zeichnet sich eher durch die Dinge aus, die man erleben kann – ob im Gespräch mit Einheimischen, auf der Straße mit Schweinen oder auf Safari in der Natur.

Zum Abendbrot waren wir in einem netten Restaurant an der Plaza de San Juan de Dios und hatten Meeresfrüchte und mehrere Fleischsorten. Es war das erste Mal, dass wir nicht den standardmäßigen Salat aus Gurke, Tomate, Weißkohl und Bohnen hatten, sondern gebratenes Gemüse. Das war so ein ausgefallener Gemüseteller, dass sogar Zucchini dabei war. Zucchini!

Falls ihr euch wundern solltet, dass wir immer abends in ein Restaurant gehen: Das machen wir nicht, weil es besonders günstig oder lecker, sondern weil es die einzige Möglichkeit ist. Lebensmittelgeschäfte gib es hier nur ganz begrenzt und deren Auswahl ist noch viel begrenzter. Außerdem würde man am Ende wahrscheinlich den gleichen Preis zahlen wie im Restaurant. Auf Kuba Selbstversorger zu sein ist gar nicht so einfach.

Wahrscheinlich weil die Küche wenig abwechslungsreich ist und hauptsächlich aus Reis, Bohnen und Fleisch besteht, sind echt viele Kubaner richtig dick. Frisches Gemüse hält die kubanische Küche ebenso wenig bereit wie abwechslungsreiche Gewürze und dunkles Brot. Das führt zu Übergewicht, das vor allem die Männer stolz vor sich her tragen.

Morgen steht der längste Streckenabschnitt an. Nach Santiago de Cuba sind es über 300 Kilometer, die wir wohl hauptsächlich in einer wenig abwechslungsreichen Gegend im zentralen Kuba zurücklegen werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.