Tag 9: Unterwegs auf der küstennächsten Route durch Estland

30. Juli 2017. Tallinn, Estland.

Nachdem sich die Sonne gestern so viel Zeit beim Untergehen gelassen hat, dass es selbst nach Mitternacht noch ein bisschen hell war, fackelt sie heute Morgen nicht lange mit dem Aufgehen und leitet bereits gegen 4:00 Uhr die Dämmerung ein. Und weil es unsere erste Nacht als Wildcamper und ziemlich laut, weil windig, ist, endet diese nur wenige Stunden später. Wir haben den Wind tatsächlich etwas unterschätzt, denn er hat die ganze Nacht ziemlich stark am Zelt gezogen, so dass es echt laut war und wir das Rauschen der Ostsee gar nicht hören konnten. (Mimimi.) Dennoch ist es ein tolles Gefühl, aus dem Zelt zu steigen, direkt am Wasser zu stehen und den Wind in den Haaren zu haben.

Der Plan für den Tag

Beim Frühstück gesellen sich die Pferde auf der benachbarten Weide so nah zu uns wie es der Zaun zulässt und stören mit ihren Flatulenzen ein kleines bisschen die Ruhe und Romantik, die in der Luft liegen. Aber wer so nah an der Natur sein will, muss auch damit leben, dass sie mal pupsen muss.

Wir verstauen schließlich Küche und Schlafzimmer im Kofferraum und brechen auf, obwohl der Plan für den heutigen Tag noch nicht so richtig steht. Denn eigentlich wollen wir nach Muhu, eine der beiden großen estnischen Inseln, übersetzen, aber weil für so eine Überfahrt mit der Fähre viel Zeit drauf geht, wollen wir spontan entscheiden, ob sich das noch lohnt, wenn wir am Fährhafen in Virtsu ankommen. Wenn es dann nämlich schon zu spät ist, schaffen wir es heute nicht mehr nach Tallinn und das würden wir schon ganz gerne erreichen.

Sonntagmorgen in Pärnu

Aber bis es so weit ist, vergehen noch ein paar Stunden und jetzt fahren wir erstmal nach Pärnu. Pärnu ist eine kleine, verschlafene Stadt, was angesichts der Tatsache, dass es Sonntagmorgen 9:00 Uhr ist, auch nicht wirklich verwundert. Die Geschäfte sind geschlossen, eine Dame mit einem Besen, die wohl vor einem der gerade öffnenden Cafés fegen soll, unterhält sich stattdessen lieber mit allen Passanten, zwei Betrunkene sitzen auf dem Boden und unterhalten sich laut miteinander, an der Kirche beeilen sich Mutter und Tochter mit Kopftüchern, rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen. Ein ganz normaler Sonntagmorgen.

Pärnu

In der ganzen Stadt gibt es genau drei Einrichtungen, die bereits geöffnet sind: die Kirche, den Busbahnhof und ein Bistro, wo sich der Teil der Pärnuaner zum Frühstücken trifft, der bereits wach ist, nicht in die Kirche geht und keine Reise vorhat. Weil wir im Vorfeld unserer Reise keine Kaffeemaschine gefunden haben, die sich mittels Gaskocher antreiben lässt, versorgen wir uns hier mit dem ersten Kaffee des Tages, dessen Grundlage nicht löslich ist, und gehen zurück zum Auto.

Stadion am Strand

Wir verlassen die Innenstadt und fahren an den Stadtrand, wo das Rannastaadion steht, dessen Name die sympathische Übersetzung „Strandstadion“ hat. Das Rannaastadion ist ein etwas größerer Sportplatz mit einer Tribüne und 1.500 überdachten Sitzplätzen, auf dem der ortsansässige Erstligist JK Vaprus Pärnu Zuhause ist. Obwohl das Stadion nur eine Straße vom Strand entfernt liegt, verfügt es nirgends über Meerblick, weil die einzige Tribüne mit dem Rücken zur Ostsee steht. Und der Grund dafür liegt auf der Hand, denn auf der anderen Seite des Feldes stehen direkt hinter der Laufbahn einige Wohnhäuser, denen eine Tribüne den Blick auf das Feld versperren würde.

In Hamburg stände hier die Mutter aller Lärmschutzwände

Dafür sieht es seit der Renovierung, die 2015 abgeschlossen wurde, sehr modern aus. Die Tribüne ist von außen komplett holzvertäfelt und in einer futuristischen, aber schlichten Form ohne Schnickschnack gestaltet. Die Laufbahn strahlt tiefblau, was angesichts von Namen und Lage des Stadions nicht unpassend wirkt. Auf einem Nebenplatz spielt gleich die F-Jugend, die von ihrem Elternfanblock unterstützt wird. Ein ganz normaler Sonntagmorgen eben.

Rannastaadion

Wieder auf der Straße

Unser weiterer Weg nach Virtsu führt uns über viele unbefahrene wie unbefestigte Straßen nahe der Ostsee. Wir nehmen uns für den Weg die Zeit, die wir brauchen, denn wir wollen uns nicht stressen. Was anderes bleibt uns angesichts der Straßenverhältnisse auch gar nicht groß übrig. Auf den Hauptstraßen präsentiert sich Estland durchaus modern und asphaltiert, aber die führen halt nicht an der Ostsee entlang und fallen daher als Alternative aus.

Nach einer halben Stunde erreichen wir den Ort Lao, von dem aus wohl hin und wieder mal eine Fähre auf die Insel Kihnu fährt, die außer knapp 500 Einwohnern über ein Wappen mit einer Robbe verfügt, die den Betrachter anschaut als wollte sie ihn gleich verprügeln. Der Fährverkehr wird übrigens nur im Sommer aufrecht erhalten, denn im Winter fährt man einfach mit dem Auto über das Eis.

Blick auf Kihnu

Nicht die cleverste Route

Wenn man die Strecke von A nach B weder auf kürzesten noch auf der schnellsten oder ökonomischsten Route zurücklegen will, sondern auf der schönsten oder küstennächsten, muss man seinem Navi – oder in unserem Fall Google Maps – ein paar Zwischenhalte aufgeben, die es dann so miteinander verbindet, dass man auf der gewünschten Straße unterwegs ist. Das ist zumindest unsere Taktik, nicht komplett planlos, aber dennoch abseits der Hauptstraßen zu bleiben.

Unser nächstes Ziel nach 20 Minuten ist ein Beispiel dafür, dass das nicht immer so klappt wie wir es gern hätten. Wir verlassen zunächst die Landstraße 101 und damit den Asphalt. Schließlich sollen wir auf einen Weg abbiegen, der uns stark hoffen lässt, dass ihn gerade niemand aus der anderen Richtung befährt. An einer Abzweigung ist auf dem Weg, den Google vorschlägt, die Durchfahrt verboten, also nehmen wir den anderen. Dieser Weg zeichnet sich dadurch aus, dass wir außer dem zwei Meter hohen Schilf links und rechts und den Kurven vor uns eigentlich nichts sehen können. Außer vielleicht den Schlaglöchern, die man wohl eher als kleine Seen bezeichnen sollte und die etwa 70 Prozent der Straßenoberfläche ausmachen.

Kurz bevor wir den gewünschten Punkt erreichen, können wir in einiger Entfernung ein kleines Wohnhaus sehen, müssen aber gleichzeitig umdrehen, weil einfach überhaupt kein Durchkommen mehr ist. Keine Ahnung, wie die Bewohner dort hin und weg kommen und ob sie jemals Besuch haben. Wir jedenfalls drehen an einer Stelle, die sich ein kleines bisschen weniger nicht dafür eignet als die anderen, und fahren zurück zur unbefestigten Dorfstraße.

Ausblick und Ungestörtheit

Dafür erreichen wir kurze Zeit später die Saulepi Linnuvaatlusplatvorm, die ein schönes Beispiel dafür ist, dass Wörter mit mehr als 10 Buchstaben kein rein deutsches Phänomen sind, und außerdem ein Aussichtspunkt mitten im Nichts, der einen schönen Blick über die flache Gegend mit ihren Wiesen, Wäldern und Wasser bietet.

Blick von der Saulepi Linnuvaatlusplatvorm

An der Landstraße finden wir später rein zufällig eine Stelle am Strand, an der wir sofort eingezogen wären, hätten wir die Möglichkeit bekommen. In angemessenem Abstand zueinander stehen hier ein paar kleine Hütten, die alle über einen großen festen Grill und damit über alles, was man hier wirklich braucht, verfügen. Vor den Hütten befinden sich Autos und Wäscheleinen, es gibt ein Holzhäuschen mit zwei Chemoklos für alle und außer den „Bewohnern“ und zwei komischen Leuten mit einem ausländischen Kennzeichen, ist niemand hier, der stört. So geht Ruhe.

Haus, Grill, Strand – alles da

Der weitere Streckenverlauf

Wie wir so über das Land fahren, fühlen wir uns schon fast ein bisschen als wären wir bereits in Finnland. Die gesamte Umgebung besteht fast komplett aus dem typisch skandinavischen Kiefernwald, hin und wieder passieren wir einen kleinen Ort voller bunter Holzhäuser. Außerdem verfügt die Sprache über einen beachtlichen Anteil an Ös und doppelten Vokalen. Der auffälligste Unterschied zu Finnland aber ist, dass das Preisniveau dort deutlich höher ist.

Weil wir uns bisher viel Zeit gelassen haben auf unserer Entdeckungstour durch die befahrbare Wildnis Estlands, ist es bereits zu spät, noch auf die Insel überzusetzen, als wir in Virtsu ankommen. Das ist zwar schade, aber nicht tragisch, denn Estland kann man sich auf dem Festland auch ganz gut ansehen. Wir verlassen Virtsu also auf dem Landweg und nehmen Kurs auf Haapsalu.

Besuch im Bilderbuch

Haapsalu ist eine kleine schnuckelige Stadt im Nordwesten Estlands und wirkt, nicht zuletzt weil hier heute zum ersten Mal die Sonne für uns scheint, wie ein Ferienort aus dem Bilderbuch. Die Promenade mit ihren Pavillons und Villen scheint direkt aus einem anderen Jahrhundert zu kommen. Aber nicht auf die baufällige Heiligendamm-Art, sondern auf die schöne, restaurierte Ich-fühle-mich-zurück-in-diese-Zeit-versetzt-Weise. Die verschnörkelte Bauweise spielt so wunderbar mit dem Wasser und dem strahlenden Sonnenschein, dass ich mir direkt ein rosa Rüschenkleid mit farblich passendem Sonnenschirm zulegen möchte.

Promenade von Haapsalu

Dazu kommt, dass in der Altstadt heute ein Kinderfest veranstaltet wird, bei dem jeder Bewohner unter 12 auf seine Kosten kommt. Es gibt ein paar Karussells, Spiele, Eisstände, eine Bühne, ein paar Erwachsene in dämlichen Kostümen und auf der Wiese hat eine Gruppe Kindergartenkinder ihren großen Auftritt bei einem traditionellen Tanz in passender Tracht.

Sogar die Burgruine, die über der Stadt thront, ist mit einem Spielplatz an der ehemaligen Stadtmauer ziemlich kinderfreundlich. Die Burg ist zwar schon zu einem großen Teil zerstört, aber der Teil, der noch vorhanden ist, wird liebevoll gepflegt und bepflanzt. Sollte man Haapsalu in einem Wort beschreiben, „goldig“ wäre in allen Belangen der passende Begriff.

Burg Haapsalu

Ein Fluss und ein Bett

Obwohl der Halt in Haapsalu der anhaltenden Müdigkeit etwas entgegen gewirkt hat, wählen wir zum Wasserfall nach Keila-Joa den kürzesten statt dem küstennächsten Weg. Der Wasserfall gehört zum Fluss Keila, der durch das Dorf Keila-Joa fließt, etwa sechs Meter Höhe überwindet und schließlich ein paar Kilometer weiter in die Ostsee mündet. Der Park, durch den der Fluss fließt, ist wildbewachsen, sattgrün und könnte sich so auch in tropischeren Regionen wiederfinden. Hat man sich aber erstmal an der Umgebung sattgesehen, bleibt einem allerdings nicht viel mehr als weiterzufahren, denn die einzigen Sitzgelegenheiten bietet das benachbarte Restaurant und das hat keinen Blick auf den Park.

Wasserfall in Keila-Joa

Weil wir nun endgültig von der Kürze der letzten Nacht eingeholt werden, machen wir uns auf den direkten Weg nach Tallinn in unser Hotel direkt am Hafen. Die Stadt wirkt von der Straße aus ein bisschen altbacken mit ihren kastigen, hohen Bauten. Sie zu erkunden heben wir uns aber für morgen auf, denn nach dem Einchecken verlassen wir das Bett nur noch einmal zum Essen und holen alles nach, was wir in der letzten Nacht verpasst haben.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.964 km
  • Heute: 393 km
  • Streckenverlauf: Piirumi – Pärnu – Virtsu – Haapsalu – Keila Joa – Tallinn
  • Länder: Estland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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