Tag 9: Viele Gäste, Vodka und Schlimme-Augen-Wurst

25. Juni 2013. 19:31 Uhr. Irgendwo in Kasachstan. – Tag drei von vier im Zug nach Usbekistan.

Morgen gegen 16:33 Uhr sollen wir in Turtgul ankommen. Laut Plan. Ob wir auch wirklich um diese Zeit eintreffen, müssen wir mal abwarten. Denn während wir in Russland immer planmäßig angekommen und abgefahren sind, stellt sich die Situation in Kasachstan ein bisschen anders dar. Plan und Realität weichen stark voneinander ab. Während wir heute Vormittag unsere Bahnhöfe noch etwa eine halbe bis Dreiviertelstunde zu früh anfuhren, sind wir jetzt zu spät. Glauben wir zumindest.

Das ist leider nicht ganz einfach herauszubekommen, denn die Bahnhöfe sind hier nicht sonderlich gut beschildert. Warten wir es mal ab, wie es in Usbekistan aussieht. Aber zur Not sagt uns Ahmed bestimmt Bescheid, wenn wir raus müssen. Er kommt jedenfalls ein paar Mal am Tag vorbei und schaut, ob wir noch da sind. Wenn unsere Abteiltür geschlossen ist, schiebt er sie kurz auf, schaut und schiebt sie wieder zu.

Wilde Pferde

Wilde Pferde

Die Landschaft stellt sich hier in Kasachstan schon sehenswerter dar, wenn auch nicht direkt abwechslungsreich. Wir sind in der Wüste angekommen, die sich jedoch nicht als reine Sandwüste darstellt, sondern mit Gräsern und kleinen Büschen bewachsen ist. Hier fahren wir nun schon deutlich öfter durch Ortschaften und halten viel mehr an. Neben der Strecke gibt es teilweise Holzzäune, die dazu da sind, im Winter den Schnee von den Gleisen zu halten. Das Land ist nämlich sehr flach und wir haben bei einem Halt schon mitbekommen, dass es hier auch gern sehr windig werden kann.

Ansonsten gibt es neben kleinen Ortschaften noch hin und wieder mal Tiere zu sehen. Von Menschen begleitet sind es meist Kühe und Ziegen, frei in der Wüste herum laufen viele Pferde und Kamele. Hin und wieder kommen wir an Seen vorbei, die mal mehr, mal weniger, ausgetrocknet sind. Trockene Wasserstellen haben meist eine Salzkruste, da das Grundwasser hier etwa fünfzig Mal salziger ist als die Ostsee vor Rügen. Außerdem fahren immer wieder sehr lange Güterzüge an uns vorbei, die meist mehr als 30 Gascontainer dabei haben.

Schneezaun

Schneezaun

Und wo es das alles nicht zu sehen gibt, ist flaches Land und Wüste. Zusammen mit dem regelmäßigen Rattern des Zuges ist das sehr entspannend. Hier gibt es eine kleine Kostprobe. Schaut euch das Video unbedingt mit Ton an, sonst ist es langweilig.

Heute Vormittag besuchte uns Sanat, der aus Samarkand kommt. Er fragte uns, wann wir dort sind und versicherte, dass er uns vom Bahnhof abholt und zum Hotel fährt. Anschließend will er uns die Stadt zeigen und ein bisschen herumfahren. Zur Sicherheit hat er uns zwei Nummern aufgeschrieben, unter denen wir ihn erreichen können. Und um ganz sicher zu gehen, hat er sich Denis‘ Nummer und unser Hotel aufgeschrieben. Wir haben ein kleines bisschen Angst, dass wir ihn in den beiden Tagen, in denen wir in Samarkand sind, nicht loswerden. Später brachte er uns noch Bonbons und eine Mandarine vorbei. Die ganze Kommunikation fand in Fetzen aus Russisch, Englisch, Händen und Füßen und Zeigen auf Bilder im Reiseführer statt.

Boris kam auch ein paar Mal vorbei, um ein bisschen zu reden. Er erzählte uns, dass er fünf Kinder und ein paar Enkel hat. Sein Sohn, mit dem er unterwegs ist, ist schätzungsweise 10 und sein jüngstes Kind. Seine Frau ist „Business Woman“ und besitzt drei Läden in Kaluga. Weil sie in Usbekistan verurteilt ist, muss er mit seinem Sohn allein reisen. Er verdient neben Fahrertätigkeiten außerdem sein Geld mit anderen Geschäften, die er nicht weiter beschrieben hat. Eigentlich ist er ja Anwalt, aber in Russland darf nicht in seinem Job arbeiten und aus Usbekistan ist er ja geflohen.

Notfallkontakte

Notfallkontakte

Außerdem lernten wir etwas die Abstammung des kasachischen Volkes: „Kinder, Kinder, Kinder, Kinder, Kinder Dschingis Khan.“ Er zog seine Augen zu Schlitzen und sagte „Mongolen“. Vollkommen ungefragt brachte er uns ein Kartenspiel von seinem Sohn vorbei, mit dem wir spielen konnten, wenn wir Lust hatten. Sein Sohn brauchte es später aber zurück.

Boris schrieb uns sicherheitshalber auch zwei Nummern auf, unter denen er erreichbar ist – für den Fall, dass wir in Chiva Probleme haben sollten. Es ist unglaublich wie freundlich und offen die Usbeken sind.

Das zeigt aber auch, dass menschliche Kontakte hier einen ganz anderen Stellenwert haben als bei uns in Europa. Hier ist es unvorstellbar, dass Leute vereinsamen und niemanden haben, der ihnen hilft. Familie, Nachbarschaft, Kollegen, alle sind füreinander da und helfen einander, wo es nur geht. Da viele Menschen hier sehr arm sind, tun sie sich zusammen und unterstützen einander. Die „Mahalla“, die vergleichbar ist mit einem kleinen Stadtviertel, ist sogar eine offizielle Verwaltungseinheit. Hier wird gemeinsam entschieden, was im Viertel passiert, Werte und Traditionen weitergegeben, aber auch darauf geachtet, dass niemand aus der Reihe tanzt.

Ausgetrockneter See mit Salzkruste

Ausgetrockneter See mit Salzkruste

Unser anderer Freund, der Kellner, war auch ein paar Mal zu Besuch und versuchte weiterhin, uns übers Ohr zu hauen. Er wollte mit uns US-Dollar gegen usbekische Sum tauschen. Er sagte, die Bank gibt uns für einen Dollar 1.900 Sum, er würde uns hingegen 2.200 geben. Das lehnten wir dankend ab, denn wir wissen, dass der Schwarzmarktpreis mit 2.800 Sum pro US-Dollar ein deutlich höherer ist. Dann bot er uns „Schnaps“ an, den wir ihm auch nicht abkauften.

Trotzdem setzte er sich neben mich auf mein Bett. In dem Moment war ich froh, dass ich heute Morgen mein Bettzeug samt Matratze eingerollt hatte und er seine nackten Füße nur auf die Lederbank stellen konnte. Er blieb sitzen, versuchte uns was zu Kamelen zu erzählen und weiterhin Geschäfte zu machen. Obwohl wir uns nicht weiter mit ihm unterhalten konnten, blieb er sitzen und schaute ein bisschen. Er hatte heute übrigens ein neues Hemd an. Das Hemd der ersten Tage war hellblau und hatte immer mindestens einen offenen Knopf unten. Sein neues Hemd war wohl mal weiß. Jetzt ist es fleckig bunt.

Außerdem war heute der Tag der Körperhygiene. Da das mit dem Duschen in einem Zug ohne Dusche nicht so einfach ist, haben wir Trockenshampoo in Pulverform dabei. Man konnte teilweise nicht mehr durch unser Abteil schauen, weil es beim Haarewaschen so gestaubt hat. Dafür sitzt die Frisur jetzt wieder besser, wenn es sich auf dem Kopf auch nicht direkt frisch anfühlt.

Sanat, Abdulla, Vodka, Denis

Sanat, Abdulla, Vodka, Denis

Gegen Abend kamen Sanat und Abdulla vorbei. Erst fragten sie Denis, ob er Vodka trinken wollte. Als dieser verneinte, holten sie trotzdem die Flasche und gossen uns die letzten Schlucke in unsere Edelstahlbecher. Ist ja nicht so, dass es eh schon viel zu warm war.

Wir unterhielten uns ein bisschen, sie erzählten uns ein paar Mal, dass sie aus Samarkand kamen und Sanat uns herumfahren würde. Außerdem erfuhren wir, dass die beiden als „Security“ arbeiten und Sanat Thaiboxen macht. Nebenbei hat Denis mit Abdulla ein bisschen Deutsch und Usbekisch mit Hilfe unseres Reiseführers gelernt. Er kann jetzt „Danke“ sagen und wir „Rahmat“.

Ein älterer dicker Mann kam dazu, dem wir ebenfalls erzählten, woher wir kamen und wohin wir wollten. Er fragte, ob wir noch ein Visum bräuchten, aber Sanat erklärte ihm, dass unsere Dokumente gut seien. Weil noch nicht genug Leute da waren, kam noch Sanats Schwester Rahman vorbei, die ein bisschen mehr Englisch sprach. Sie erzählte, dass die Frauen früher alle verschleiert waren, das heute aber nicht mehr der Fall war und ich ohne Probleme mit kurzen Hosen aus dem Haus gehen konnte.

Da bei der Buchung unserer Hotels in Usbekistan über das Internet immer der Hinweis stand, dass unverheiratete Paare sich nicht ein Zimmer teilen könnten, fragte ich sie ob das stimmte. Früher war das wohl der Fall, heute ist es nicht mehr so. Glück gehabt.

Ohne Grund sprangen schließlich alle auf und sagten, wir müssten jetzt schlafen. Sie liefen über den Flur, schlossen die Tür und waren verschwunden.

Schlimme-Augen-Wurst

Schlimme-Augen-Wurst

Dank der unverhofften Zweisamkeit und weil der Vodka, obwohl wir ihn nicht ausgetrunken haben, Wirkung zeigte, beschlossen wir, dass es Zeit war zum Abendbrotessen. Heute waren im Laufe des Tages mehrere Leute im Zug, die Essen und Zeug verkauften. Wir kauften für 40 Rubel (1 Euro) Hleb (Brot) und für zwei Dollar (1,50 Euro) Kolbosar (Wurst), wovon wir die Hälfte aßen und die andere Hälfte zum Frühstück ließen. Die Wurst ist wohl mit dem Ausdruck „Schlimme-Augen-Wurst“ am besten zu beschreiben, schmeckt aber trotzdem ausgezeichnet. Gerade brachte uns Sanat noch ein paar Kekse, die es morgen auch zum Frühstück gibt.

Vor unserem Abteil gibt es eine Steckdose, an der wir versuchten, unsere Handys zu laden. Leider klappte das nicht. Erst bot mir die Dame aus dem Nachbarabteil ihren Adapter an, der aber viel zu klein war für mein Handy. Sanats Kumpel sah das und wollte helfen. Schließlich kam Sanat und rannte mit Denis und seinem Handy zu drei verschiedenen Steckdosen, an denen es ebenfalls nicht funktionierte. Da alle anderen Leute ihre Geräte anschließen konnten, bekam Denis einen Adapter von jemand anderem und für mich wurde auch ein passendes Kabel gefunden. Die Handys sind jetzt geladen und bisher noch nicht explodiert. Das Problem hier im Zug ist nämlich, dass die Spannung zu gering ist für unsere europäischen Stromkabel. Mit usbekischen Adaptern gibt es keinerlei Probleme.

Mittlerweile hat sich übrigens herausgestellt, dass wir nicht verspätet, sondern eine Stunde vor Plan sind. Und das obwohl wir immer wieder außerplanmäßig halten, um Gegenzüge passieren zu lassen. Heute Nacht geht es über die Grenze nach Usbekistan. Mal sehen, ob das alles klappt wie geplant.

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