Tag 9: Weiter Richtung China

18. Juli 2015. Astana (Kasachstan) – Zug nach Urumqi (China).

Eigentlich hatten wir uns für diesen Tag vorgenommen, uns noch eine der supermodernen Sehenswürdigkeiten im Yesil District anzuschauen. Die gläserne Pyramide des Friedens und der Eintracht oder die goldverkuppelte Nur-Astana-Moschee – Astana hat seinen Besuchern ja einiges an Monumenten zu bieten. Allerdings stehen wir viel zu spät auf, um noch etwas davon unternehmen. Weil der Bus nur sehr unregelmäßig und lange fährt, ist die Fahrtzeit schwer abzuschätzen. Und den Zug nach Urumqi zu verpassen ist absolut keine Alternative, denn der fährt nur einmal die Woche. Oder liegt es einfach daran, dass wir bereits nach einem Tag keine Lust mehr haben, uns noch mehr Protz und Verschwendung anzuschauen? Das würde ich nicht gänzlich ausschließen.

Das alte Astana

Wir lassen den Tag jedenfalls ganz entspannt angehen, frühstücken Eier und Wurst, ordnen die Rucksäcke neu, checken aus und gehen noch mal auf die Straße, um ein wenig vom „Rest“ Astanas zu sehen, der nicht am Reißbrett entstanden ist. Eigentlich können wir es uns noch nicht erlauben, bereits beim Verlassen des Hotels zu schwitzen, denn die nächste Dusche ist etwa vier Tage entfernt. Aber die frühe Nachmittagssonne scheint wenig Interesse an unseren Erste-Welt-Problemen zu haben und so müssen wir uns unserem Schicksal ergeben und sind bereits durchgeschwitzt als wir die gegenüberliegende Straßenseite erreichen.

Wir laufen querfeldein in das Bahnhofsviertel auf der Suche nach einem Supermarkt, der etwas größer und besser ausgestattet ist als der, bei dem wir am Tag zuvor eingekauft haben. Hier im älteren Teil der Stadt sind die Häuser älter, die Fassaden bröckliger, die Menschen auf der Straße, die Gehwege nass von tropfenden Klimaanlagen, die Obststände neben den Läden. Kurzum es ist viel angenehmer, weil lebendiger und echter. Hier kann man etwas mehr vom echten Leben in Astana erahnen als vor dem Präsidentenpalast.

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Astana abseits des Protzes

Weil es in diesem Viertel aber nur kleinere Kioske gibt, findet sich kein besser sortierter Supermarkt an als wir ihn gestern mit halbvollen Regalen erlebt haben. So kehren wir erst mal in eine Lokalität ein, um uns für die Weiterfahrt zu stärken. Das Restaurant ist sehr klein, es gibt vier Tische mit neckischen Stoffdecken, die durch durchsichtige Plastikdecken vor Flecken geschützt werden. Die Betreiber sind zwei Russen. Wir bekommen den „Kompleks“ empfohlen, fragen nicht weiter nach und nicken. Es gibt Borschtsch, Stampfkartoffeln mit Soße und Boulette, Gurken und Tomaten und ein Getränk, das pink und süß ist, dass wir Angst haben, uns auf der Stelle in Prinzessinnen zu verwandeln. Wir zahlen 1.500 Tenge (7,50 Euro) für beide zusammen, was wahrscheinlich schon der Ausländerpreis ist. Kann man trotzdem mal machen.

Bahnhof

Mangels Alternativen kaufen wir schließlich doch in unserem Supermarkt vom Vortag ein, verzichten aber auf die Fünf-Minuten-Terrinen, weil diese allesamt seit zwei bis acht Monaten abgelaufen sind und sich verdächtig wölben. Am Bahnhof vervollständigen wir den Einkauf mit ein paar Piroggen und Chips und warten auf die Bereitstellung unseres Zuges nach Urumqi.

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Astana Hbf

Während wir warten, haben wir genügend Zeit, uns am Hauptbahnhof mal ein wenig umzusehen. Er besteht aus einem großen, ziemlich verwinkelten Gebäude, das teils relativ modern wirkt, teils allerdings auch schon etwas älter. Fahrkarten werden sowohl an ziemlich neu wirkenden Automaten verkauft, als auch an einem Schalter hinter ziemlich betagten Scheiben und Gittern. Die Wand im Automatenraum ist mit einer übergroßen Karte des kasachischen Bahnnetzes in Lichtschläuchen versehen, einen Fahrplan gibt es dort nicht. Wahrscheinlich, weil dieser nicht so toll leuchten würde.

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Wann der Zug fährt, sieht man darauf nicht. Aber wohin.

Ich folge irgendwann den Toilettenschildern die Treppe herunter und stehe schließlich vor einer kleinen Kassiererkabine, aus der heraus mich eine sehr gelangweilte Frau für die Toilette abkassiert. Ich folge dem Schild zur Damentoilette an der Kasse vorbei in einen Gang hinein und laufe fast mit einem Mann zusammen. Moment, das ist doch eine Frau auf dem Schild gewesen, oder? Ja, auch nach eindringlicher Prüfung komme ich zu dem Schluss, dass in diese Richtung die Damentoilette ausgeschildert ist und gehe wieder in den Gang.

An dessen Ende stehe ich plötzlich vor einem Friseurladen und bin jetzt komplett aus dem Konzept. Die Frau hinter der Kasse hat mir doch Geld für die Toilette abgenommen, oder? Nicht, dass ich jetzt versehentlich für eine Dauerwelle bezahlt habe. Ich will doch nur pinkeln! Glücklicherweise deuten die Waschbecken neben dem Friseur den Weg in Richtung Toilette und ich bin froh, als ich die Tür der Kabine endlich abgeschlossen habe. Weniger froh bin ich darüber, dass ich mich auf einer Stehtoilette befinde, aber man kann nicht alles haben. By the way: Man hockt sich übrigens direkt über das Loch und bleibt nicht mit dem Hintern mitten in der Luft stehen, denn das geht auf die Oberschenkel. Nur so als Tipp, falls ihr mal vor so einem Loch im Boden steht und nicht wisst, was ihr damit anfangen sollt.

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Haupthalle – nicht die Toilette

Abfahrt

Irgendwann stehen unser Zug und der nach Arqalyq, der zehn Minuten früher fahren soll, für Gleis Zwei an der Abfahrtstafel. Oder weist die Zahl nur auf den Bahnsteig hin? Wir wissen es nicht genau, wittern einen Fehler auf der Anzeige, gehen aber trotzdem mal schauen. Wie gesagt, den Zug zu verpassen, ist absolut keine Alternative.

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Abfahrt 17:15 Uhr, das ist unser Zug. Hier steht noch kein Gleis an der Abfahrtstafel.

Die Zwei stellt sich weder als Fehler noch als Bahnsteignummer heraus – es stehen tatsächlich zwei Züge am Gleis. Und weil unserer aus nur vier Wagons besteht, gibt es auch nicht den Hauch eines Platzproblems. Der Bahnsteig ist wie immer gut gefüllt. Ganze Familien tragen die Taschen, die nur eine Person mitnimmt, in die Wagons – es scheint tatsächlich niemand mit weniger als fünf Taschen unterwegs zu sein. Später steigt sogar jemand mit einem – womit auch immer – gefüllten Jutesack zu, den er versucht, in anderen Abteilen unterzubringen. Bei uns hat er kein Glück. Denn, weil sie so groß und breit sind, können wir selbst unsere eigenen Rucksäcke nur schwer verstauen. Einer muss trotz größter Anstrengungen aller Beteiligten auf dem Bett stehen bleiben.

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Zwei Züge sind kein Problem an Gleis 2.

Nachdem wir zum zweiten Mal an diesem Tag durchgeschwitzt sind, fahren wir ab. Unser Wagon ist bis auf das letzte Bett belegt, wir sind die einzigen Nicht-Kasachen. Das Abteil teilen wir uns mit einer Frau Mitte Dreißig, die sich direkt nach Abfahrt zum ersten Mal umzieht – ihren türkisen Tschador legt sie ab und zieht stattdessen ein türkises Oberteil zum türkisen Hijab an – und einem Mann um die Vierzig, dessen T-Shirt für seinen Bauch zu kurz ist. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache und das Interesse an einer Unterhaltung mit uns scheint sich in Grenzen zu halten. Also sind alle irgendwie mit sich selbst beschäftigt.

Nach ein paar Stunden halten wir in Karaganda, wo das fröhliche Taschenverladen in die nächste Runde geht. Wir schwitzen, essen ein Eis, beobachten das Geschehen, das sich für Außenstehende wirr und unkoordiniert darstellt und fahren schließlich weiter. Der Schaffner macht ein paar Mark zusätzlich, in dem er die wenigen nicht vermieteten Plätze weitervergibt. Ohne Fahrkarte versteht sich.

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Zwischenhalt in Karaganda

Irgendwann wird es dunkel. Wir befinden uns mitten im Nirgendwo der kasachischen Steppe, es gibt keinerlei Lichtverschmutzung aus umliegenden Städten und der klare Sternenhimmel scheint traumhaft schön über uns. Der Zug rattert sein regelmäßiges Rattern und wiegt uns in den Schlaf. So lässt es sich aushalten.

Heutige Verbindungen

 054 ZZ Astana (ab 18.07.2015, 17:15 Uhr) – Urumqi (an 20.07.2015, 9:50 Uhr) / 15.717,20 Rubel = 213,52 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil)

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