Teil 1: Nicht weiterzukommen, ist keine Option – mit dem Zug von Hamburg nach Odessa

Auch diese Reise beginnt dort, wo schon so viele vor ihr begannen: am Hamburger Hauptbahnhof. Von hier aus wollen wir mit dem Zug nach Odessa in der Ukraine fahren und dann weiter mit der Fähre über das Schwarze Meer nach Georgien. Wir planen, dort nach etwa einer Woche anzukommen und die beiden darauf folgenden Wochen in der Südkaukasus-Region verbringen, namentlich in Georgien, Armenien und – wenn die Zeit reicht – Aserbaidschan. Einen genauen Plan gibt es zum Zeitpunkt der Abreise noch nicht, vielmehr soll sich dieser spontan unterwegs ergeben.

Abfahrt

Jetzt ist es aber erstmal Freitagabend und wir verlassen Hamburg um 20:29 Uhr mit dem Nachtzug. Nach einem Umstieg in Wien am nächsten Morgen erreichen wir Budapest am Bahnhof Keleti, wo wir noch ein paar Fahrkarten besorgen müssen, weil unsere Vorab-Planung eine Lücke zwischen Budapest und Odessa hat. Es ist mittlerweile Samstagmittag und wir wollen gern am Sonntag im Laufe des Nachmittags in Odessa eintreffen. Unsere Fähre nach Georgien geht zwar erst am Mittwoch, aber wir wollen noch gern etwas Zeit in Odessa verbringen und nicht zwei Tage lang an irgendwelchen Bahnhöfen auf irgendwelche Anschlüsse warten. Nicht weiterzukommen, ist keine Option.

So in etwa ist der grobe Plan. (Quelle: Google My Maps)

Vor einigen Jahren sind wir schon mal in den Genuss gekommen, eine Fahrkarte in Budapest am Bahnhof zu kaufen. Prinzipiell hat sich am Prozess seitdem nicht viel geändert. Wir ziehen eine Nummer, warten, kommen dran und erhalten unsere Fahrkarte. Es gibt nur einen Unterschied zu damals: die Fahrkarten werden nicht mehr von der Dame hinter dem Schalter per Hand ausgefüllt, sondern ganz gewöhnlich ausgedruckt.

So sahen die Fahrkarten aus Budapest 2010 noch aus

Das hat einerseits den Vorteil, dass sich unsere Wartezeit um etwa vier Stunden verkürzt. Andererseits haben wir dadurch aber halt auch keine handgeschriebene Fahrkarte mehr, was durchaus bedauerlich ist. Wie auch immer, wir bekommen immerhin noch eine handgeschriebene Fahrplanauskunft, die direkt von der Seite der Deutschen Bahn kommt und einen optimistische Grundstimmung erzeugt. Nach dieser sollen wir nämlich am Sonntagnachmittag in Odessa ankommen.

Planmäßige Ankunft in Odessa: Sonntag, 14:48 Uhr

Unsere Fahrkarte gilt nun immerhin schon bis Odessa. In Ungarn und der Ukraine ist es allerdings so, dass zusätzlich eine Reservierung für den Zug benötigt, weil es sich oft um Züge mit Schlafwagen handelt, die länger unterwegs sind. Leider kann uns die Dame nur Reservierungen für Ungarn herausgeben, um die Ukraine sollen wir uns am Grenzbahnhof Chop kümmern.

Wir machen uns darüber wenig Gedanken, denn ändern würde das sowieso erstmal gar nichts. Stattdessen nehmen wir einen Linienbus zum Budapester Bahnhof Nyugati, von dem unser Zug nach Záhony abfährt.

Rein in die Ukraine

Záhony ist ein ungarischer Grenzbahnhof mit vielen Gleisen und wenig Verbindungen, von dem aus heute nicht viel geht außer dem Pendelzug nach Chop auf der anderen Seite der Grenze. Vielleicht deswegen oder weil sie an einem Samstagabend arbeiten muss, wirkt die Bahnhofsmitarbeiterin bei der Abfertigung des Zuges, der zurück nach nach Budapest fährt, unter Umständen ein wenig angetüddelt. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur wegen des schönen Wetters so gut gelaunt, dass sie beim Schwingen der Kelle nicht aufhören kann zu lachen und auf dem Rückweg zum Bahnhofsbüro einen Ausfallschritt einlegt. Wir werden es nie erfahren.

Bahnhof Záhony. Zug zurück nach Budapest.

Währenddessen füllt sich der Bahnhof zunehmend mit Menschen und alle ankommenden Fahrgäste steuern geradewegs auf den einzigen Zug zu, der heute noch zu fahren scheint, aus nur einem einzigen Wagon besteht und den wir natürlich ebenfalls nehmen müssen. Weil dieser allerdings so aussieht als hätte bei seinem Bau noch niemand davon geträumt, dass es einmal Klimaanlagen in Zügen geben wird, zögern wir den Zustieg möglichst lange hinaus.

Dementsprechend haben wir nicht mehr allzu viel Auswahl bezüglich unserer Plätze und landen schließlich mitten in einer Gruppe Männer, die offenbar gerade einen Umzug in die Ukraine vornimmt. Neben Teppichen und Küchengeräten haben sie jedenfalls eine ganze Menge Taschen dabei. Obwohl ziemlich sicher der eine oder andere derbe Spruch fällt, sind unsere Sitznachbarn um unser Wohlergehen besorgt.

Die Fahrt dauert eigentlich nur eine Viertelstunde, verzögert sich allerdings zweimal, weil der Zug stoppen muss. Nach einem planmäßigen Halt sieht es nicht aus, es sieht nach einem technischen Defekt aus und der Schaffner wirkt eine Spur zu erleichtert als wir endlich weiter fahren. So eine komplizierte Strecke von fünf Kilometern sollte man halt keineswegs unterschätzen.

Kurz vor der Ankunft in Chop sind plötzlich wie auf Knopfdruck alle ganz aufgeregt und sorgen sich nun eher darum, als erstes aussteigen zu können. Warum genau, bleibt uns allerdings ein Rätsel, denn in der Baracke, in der die Grenzkontrolle stattfindet, treffen wir uns alle wieder.

Nur kurz Fahrkarten kaufen

Nachdem wir die Gesichtskontrolle bestanden haben, begeben wir uns frohen Mutes in die Schalterhalle, denn wir wollen uns nur kurz die Reservierung für den Zug nach Odessa besorgen und dann gleich weiter zum Gleis. Leider kann die Dame hinter dem Schalter unsere gute Laune nicht teilen, denn der Zug ist ausgebucht. Die nächste Direktverbindung geht erst am nächsten Abend. Auch unsere Versuche, uns am Zug möglichst blöd zu stellen, um aus Mitleid mitgenommen zu werden, oder notfalls dem Zugpersonal ein Handgeld anzubieten, scheitern. Der Zug ist offenbar wirklich voll.

Uns bleiben nun zwei mögliche Verbindungen an diesem Abend: entweder wir fahren nach Lviv oder Vinnica. Lviv scheint wohl die schönere Stadt zu sein, falls wir nicht weiterkommen, ist allerdings nicht sehr weit von Chop, dafür aber umso weiter von Odessa entfernt. Vinnica liegt mitten in der Ukraine und von dort aus sind es nur etwa 400 Kilometer nach Odessa. Dafür scheint es allerdings keine Stadt zu sein, die so viel hermacht, was dann wiederum blöd ist, wenn man dort festsitzt.

Weil wir allerdings nicht vorhaben, nicht weiter zu kommen, und selbst eine schöne Stadt wie Lviv bei Ankunft um 4:00 Uhr morgens nicht allzu viel Glanz versprüht, entscheiden wir uns für Vinnica. Das ist vor allem auch deshalb sehr praktisch, weil der Zug bereits zwanzig Minuten später abfahren soll und wir damit keine Zeit mit Warten verschwenden müssen. [An dieser Stelle mal vielen Dank für das Care-Paket, das man uns gepackt hat, denn wir hatten bisher nicht viel Zeit und Möglichkeit, uns zu versorgen.]

Am Gleis unterhalten wir uns mit einem Ukrainer, der in der Schalterhalle beschlossen hatte, uns mit Tipps und Übersetzungen zu helfen, und einem Niederländer, dem er ebenfalls beistand. Dabei erfahren wir, dass die Ukrainer viel mit dem Zug in den Urlaub fahren, weil die Straßen im Land so schlecht sind. Vor allem in Richtung Schwarzes Meer ist es daher gerade jetzt in den Ferien schwierig, kurzfristig einen Platz zu bekommen. Klingt logisch.

Als unser Zug einfährt, trennen wir uns von den beiden und beziehen unser Dreierabteil, in dem irgendwann in der Nacht noch eine Nachbarin auf der obersten Liege bekommen. Bis dahin schlafen wir allerdings schon so tief und fest, dass uns das kaum stört. Westlich der Ukraine gibt es einfach keinen Zug, der einen so wunderbar in den Schlaf schaukeln kann wie die alten Wagen aus der Sowjetzeit.

Irgendwo zwischen Chop und Vinnica

Daher erreichen wir unser Zwischenziel Vinnica am nächsten Vormittag auch vollkommen erholt und können uns direkt bei der Einfahrt an den schier endlos weiten Ensembles aus Plattenbauten und dazugehörigen Garagen erfreuen. Ja, hier möchte man tatsächlich nicht stranden.

Jetzt aber wirklich nach Odessa. Oder?

Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft soll ein Zug nach Odessa fahren, aber aus Chop wissen wir, dass dieser ebenfalls ausgebucht ist. Dennoch wollen wir nichts unversucht lassen und begeben uns in die Schalterhalle, in der wir erstmal einen kurzen Schock erleiden, weil dort eine Frau am Schalter steht, die einen originalen Hansa-Rucksack trägt, der mindestens zwanzig Jahre alt sein muss. Er trägt das legendäre Streifenmuster, das damals auch die Hefte und Blöcke von Hansa zierte, und sieht aus wie frisch aus dem Laden. Wir sind absolut entzückt.

#europapokal

Als wir uns von diesem Schock erholt und die Schalterdame mit unserem Anliegen belästigt haben, erhalten wir die Information, dass wir mit dem Zug erst am nächsten Nachmittag weiterreisen könnten. Wie genau die Damen diese Informationen aus dem System entnehmen, das einem Laien nur große weiße Buchstaben auf schwarzem Untergrund im besten MS Dos-Format erscheint, bleibt uns ein Rätsel, aber die Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren. Schon gar nicht ohne Sprachkenntnisse.

Weil uns auch weiterhin nicht danach ist, nicht weiter zu kommen, wägen wir die Alternativen ab. Bevor wir einen Taxifahrer suchen, der uns nach Odessa chauffiert, wollen wir es am Busbahnhof versuchen. Wir fragen uns also auf dem Bahnhofsvorplatz ein wenig durch und finden schließlich die Linie, die uns zum Awtowoksal bringen soll.

Weil diese bereits ziemlich voll ist, stehen wir mit unseren Monstern von Rucksäcken in der Tür beim Fahrer. Weil dadurch allerdings niemand mehr durchkommt, um beim Fahrer seine Fahrkarte zu bezahlen – eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben – übernehmen wir kurzerhand den Fahrkartenverkauf. Drei ukrainische Hrywnja (10 Cent) kostet die Fahrt, Wechselgeld gibt mir der Fahrer, ich reiche es weiter. Ganz objektiv betrachtet bin ich einen Tick motivierter in dem Job als der gute Herr, dem es egal zu sein scheint, ob irgendwer bezahlt oder nicht.

автовокзал

Im Busbahnhof also wieder in die Schalterhalle. “We need to go to Odessa.” Heute Abend 22:00 Uhr. Pff. Das ist in zehn Stunden. Das passt uns irgendwie nicht so in den Kram. Weil wir zu lange mit der Antwort zögern, macht die Dame uns unmissverständlich klar, dass wir Platz machen sollen für seriösere Kunden ohne Extrawünsche, die keine Fremdsprache sprechen. Und weil wir nun auch nichts besseres wissen, gehen wir einfach mal an den Busabfahrtsplätzen gucken.

Und siehe da, ganz vorne steht ein Bus nach Odessa. Es handelt sich um einen polnischen Bus, der wohl schon ein paar Stunden unterwegs gewesen ist und nach einer Pause gerade aufzubrechen scheint. Obwohl ich nicht glaube, dass er noch Plätze frei hat, spreche ich den Busfahrer an. Wobei “ansprechen” deutlich eloquenter klingt als sich der Vorgang tatsächlich darstellt.

“Odessa?” Der Mann nickt. Ich zeige auf Denis und mich. “Two?” Der Mann nickt erneut. Ich zeige wieder auf uns. “No tickets.” Der Mann nickt wieder und öffnet den Kofferraum für die Rucksäcke. Bezahlt wird später im Bus – und zwar 700 Hrywnja (22 Euro) für beide zusammen.

Dann geht es schließlich los und wir gewinnen einen Eindruck davon, warum die Ukrainer lieber mit dem Zug verreisen. Die Straße zwischen Vinnica und Uman, die auf der Karte aussieht wie eine solide Hauptverkehrsstraße, ist nicht mehr als ein zweispuriges Etwas voller Baustellen und Schlaglöcher, auf der so gut wie kein Vorankommen ist. Wendigere Fahrzeuge versuchen, über den Seitenstreifen zu überholen und wirbeln so viel Staub auf, dass man das Gefühl bekommt, die gesamte Strecke durch eine Baustelle zu fahren.

Hinter Uman wird es dann allerdings besser und wir kommen planmäßig gegen 22:00 Uhr in Odessa an. Vor dem Hintergrund, dass wir uns auf dem kritischsten Teil der Strecke auf unser Glück verlassen haben und immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, ist das ein unfassbar gutes Ergebnis, denn das ist nur etwa vier Stunden später als im Idealfall.

Sonnenuntergang über Odessa

In Odessa bleibt uns erstmal nicht viel mehr als ins Hotel zu gehen und die Füße hochzulegen. Obwohl das Bett nicht so angenehm wackelt wie der Nachtzug, klappt das mit dem Einschlafen doch ganz gut.

Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.600 km
  • Streckenverlauf: Hamburg (DE) – Wien (AT) – Budapest (HU) – Záhony – Chop (UA) – Vinnica – Odessa
  • Länder: Deutschland, Österreich, Ungarn, Ukraine

Verbindungen

  • EN 491 Hamburg (ab 13.7.2018, 20:29 Uhr) – Wien (an 14.7.2018, 8:19 Uhr) /  178 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er Abteil)
  • RJ 49 Wien (ab 8:42 Uhr) – Budapest Keleti (an 11:19 Uhr) / 64 Euro (Intercity, 2 Personen)
  • Budapest – Odessa 32.110 HUF = 99 Euro (nur Fahrkarte, 2 Personen)
  • IC 624 Budapest Nyugati (ab 13:23 Uhr) – Záhony (an 17:30 Uhr) / 1.630 HUF = 5 Euro (Reservierung, Intercity, 2 Personen)
  • 013 Л Chop (ab 14.7.2018, 20:56 Uhr) – Vinnica (an 15.7.2018, 11:05 Uhr) / 550 UAH = 17 Euro (Reservierung, Nachtzug, 2 Personen im Liegewagen, 3er-Abteil)
  • BUS Vinnica (ab 12:45 Uhr) – Odessa (an 22:00 Uhr) / 700 UAH = 22 Euro (Bus, 2 Personen)

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