Teil 10: Gastfreundschaft auf Armenisch

Auch der nächste Tag beginnt erstmal mit einer geballten Ladung Geschichte und Religion. Sankt Gevork, Hovhannavank und Saghmosavank sind drei Klöster, die nicht weit voneinander entfernt und auf unserem Weg in die Berge liegen.

Religion und Geschichte

Das erste, Sankt Gevork, ist ein relativ kleines Kloster mit einem wunderschönen grünen Garten, der das ganze Gelände zu einer kleinen Oase inmitten des staubigen Dorfes macht. Außer uns ist niemand hier, das Tor der Kirche ist verschlossen und doch ist es hier bisher am schönsten, weil das Kloster eine besondere Ruhe und Würde ausstrahlt.

Hovhannavank und Saghmosavank hingegen stehen prominent mitten in der flachen und unbewachsenen Landschaft an den Rändern ihrer Orte. Hovhannavank ist das reizvollere von beiden, weil es bedrohlich nah an der Schlucht über dem Fluss Kasakh liegt und so wunderbar unfertig ist.

Auf dem ganzen Gelände liegen nummerierte Steine verteilt, einigen Wände und Ornamenten fehlen noch eine ganze Menge von ihnen. Und doch wirkt es nicht als würde demnächst jemand weiter bauen. Das ist natürlich einerseits schade, verleiht dem Kloster aber auch einen greifbaren Hauch von Geschichte.

Vor dem Kloster Saghmosavank sitzen zwei alte Männer im Schatten und plaudern über das Wetter oder die Nachbarn. Mehr als Alibi denn als echten Broterwerb haben sie einen Ständer mit Gemälden des Klosters und der Umgebung aufgebaut. Wahrscheinlich um einen Grund zu haben, den lieben langen Tag hier auf der Bank zu sitzen und ihren Frauen zu Hause nicht im Weg zu stehen.

Vor allem weil wir in den drei Klöstern mehr oder weniger allein waren, aber auch weil sie so unaufgeregt, aber spektakulär in der Landschaft stehen wie sie es seit hunderten von Jahren tun, hinterlassen sie deutlich mehr Eindruck als die teils sehr überlaufenen Klöster des Vortages. Hier spürt man die religiöse Bedeutung und das hohe Alter der Bauwerke schon beim ersten Schritt durch das Tor, während Geghard und Co. schon fast zu Touristenhochburgen geworden sind.

Themenwechsel

Das armenische Alphabet gehörte zur Zeit seiner Entstehung im 5. Jahrhundert zu den am weitesten entwickelten Alphabeten der Welt. Es weist Ähnlichkeit mit der äthiopischen Schrift auf, was darauf schließen lässt, dass es bereits zu dieser Zeit einen Austausch mit afrikanischen Kulturen gab – wahrscheinlich in Jerusalem.

Grund genug also, dem Alphabet ein Monument zu bauen und vor allem es sich mal anzuschauen. Mitten im Nichts an einer Straßenkreuzung stehen die drei Meter hohen Buchstaben aus Stein neben bedeutenden armenischen Gelehrten und ganz viel Steppe.

Außer uns ist noch eine Handvoll weiterer Reisender vor Ort. Ein Einheimischer betreibt einen kleinen Kiosk, den er erst besetzt als wir herantreten. Ein paar ältere Herren sitzen im Schatten und schnacken. Drei jüngere schauen etwas fragend unter ihre Motorhaube, denn darunter scheint jemand andere Pläne zu haben als sie selbst.

Armenien at its best

Die Straße, auf die wir am Alphabet eingebogen sind, soll uns bis an den Kari-See führen und beginnt als solide zweispurige Landstraße, auf die sich hin und wieder mal ein Schlagloch verirrt. Die Löcher in der Fahrbahn sind aber in der Regel gut sichtbar markiert.

Je weiter wir in die Berge kommen, desto einsamer wird es auf den Straßen und desto schmaler wird auch die Fahrbahn. Immer wieder säumen Bienenstöcke in allen Farben des Regenbogens und die Zelte der Nomadenfamilien, die mit ihren Schafen und Rindern durch das Land ziehen, den Straßenrand.

Auf den engen Serpentinen, die eine hohe Geschwindigkeit nicht zulassen, haben wir einen tollen Blick über die Gegend, die immer karger und weiter wird. Weil das Tankstellennetz hier oben nicht das dichteste ist, bleibt die Klimaanlage aus Bezinspargründen aus und die frische Bergluft zieht durch die offenen Fenster ins Auto.

Kari-See

Der Kari-See liegt auf über 3.000 Metern Höhe, ist selbst gar nicht erwähnenswert groß, aber ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen in die Berge. Hier oben, am Ende der Straße H20 gibt es nur den See, eine Wetterstation und eine kleine Pension mit Restaurant. Direkt am Seeufer stehen die Tische, geschützt von kleinen Pavillons. Zu essen gibt scheint es nur ein Gericht zu geben, das frisch in der Küche zubereitet wird. Leider sind alle Plätze besetzt, sodass wir ein bisschen am See spazieren gehen.

Direkt hinter dem Restaurant auf einer großen Wiese am Ufer haben es sich zwei große Gruppen zum Picknick gemütlich gemacht. Weil der Fußgängerverkehr hier oben eher dünn ist, fallen wir natürlich schnell auf und ein Mann, vielleicht Mitte Fünfzig mit Bauch und Schnauzer, winkt uns zu sich heran als würde er schon den ganzen Tag auf uns warten.

“Wollen wir mal gucken gehen?”
“Weiß nicht, da müssen wir bestimmt was kaufen.”
“Egal, wir gehen mal hin.”

Wir sind kaum unten am Ufer angekommen, da haben wir schon jeder einen Becher Brause in der Hand. Mit einer Handbewegung ist das Picknick, das schon abgedeckt war, wieder aufgedeckt und uns werden die Teller in die zweite Hand gedrückt.

Sprache ist kein Hindernis

Wir setzen uns also dazu und sind überrollt von einer solchen spontanen Einladung, dass wir gar nicht wissen wie uns geschieht. Schnell sind unsere Teller voll gepackt und die Frauen der Familie halten uns alles vor, was wir noch essen müssen. Kebab, frische Gurken, Tomaten und Zwiebeln, Ziegenkäse, geräucherten Fisch, Fladenbrot, Melonen. Jemand wird losgeschickt, um eine Schale Schnee zu holen, die zur Erfrischung dazu gegessen wird.

Einer der beiden jüngeren Männer spricht ein bisschen Deutsch, weil er für einige Jahre in Wien gelebt hat. Mit den anderen läuft die Verständigung mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch. Es dauert auch nicht lange bis ein Sohn der Familie über Videochat dazugeschaltet ist. Der lebt in Berlin und übernimmt ein paar Übersetzungen.

Unsere Gastgeber sind eine Familie der Jesiden und wir sind uns hinterher nicht ganz sicher, ob sie Flüchtlinge sind oder ein anderer Teil der Familie in besetzten Gebieten lebt, aber sie erzählen von Verfolgung und Tötung durch den IS. Und plötzlich bekommt eine Nachricht aus der Tagesschau ein reales Gesicht und bietet dir eine frische selbst geerntete Tomate an.

Obwohl sie ein schweres Los gezogen haben, strahlen sie alle über das ganze Gesicht und freuen sich aufrichtig über den sonnigen Tag und unsere Anwesenheit. Am liebsten möchte man sie alle dicke umarmen und knutschen für so viel positive Lebenseinstellung.

Tanz und Trank

Schließlich wird noch eine kleine Gruppe Belgier dazu gewunken und unsere kleine Picknickgesellschaft ist komplett. In einem der Autos wird die Musik voll aufgedreht und es ist Zeit für einen armenischen Volkstanz. Man nimmt sich bei den Händen und springt und tanzt im Kreis, die Außenstehenden klatschen dazu im Takt.

Bereits nach einem Lied ist die Tanzerei allerdings schon wieder vorbei, denn die Luft ist hier oben schon sehr dünn und die Puste bei allen Tänzern schnell dahin. Stattdessen geht es jetzt mit Selbstgebranntem weiter. Als Denis ablehnt und dem Familienoberhaupt bedeutet, dass er noch fahren muss, winkt dieser nur ab und zuckt mit den Achseln. Was soll’s, dann fährt er eben betrunken, na und? Die paar Kurven sind nun wirklich kein Problem.

Wir nehmen stattdessen das Angebot seiner Frau an und trinken einen frisch aufgebrühten Kaffee. Als schließlich Telefonnummern getauscht sind und ein gemeinsames Erinnerungsfoto geschossen ist, verabschieden wir uns lang und breit und auf Armenisch von der Gemeinschaft und laufen zum Auto zurück. Zum Abschied bekommen wir eine Bitte mit auf den Weg. Wir sollen den Menschen in Europa sagen, wie schön es in Armenien ist, und… Na ja, ich bin gerade dabei.

Euphorisiert, mit vollem Magen und Sonnenbrand im Gesicht nehmen wir die Straße bergab und hoffen, demnächst auf eine Tankstelle zu treffen, denn die gelbe Lampe leuchtet schon beunruhigend lange vor sich hin und die Straßen sind hier oben nicht übermäßig stark frequentiert.

Festung in den Wolken

Dennoch machen wir noch einen kleinen Umweg zum Fort Amberd, weil wir halt in der Gegend sind und seine massiven Überreste so brutal aussehen, dass man sie nicht einfach links liegen lassen kann.

Amberd wurde im 7. Jahrhundert errichtet und 600 Jahre später zerstört. Danach lag es verlassen in der weiten, unbewohnten Berglandschaft und fand erst im 20. Jahrhundert wieder Beachtung als man mit Restaurierungsarbeiten begann.

Heute können die Überreste der Burg, das Kloster und das Badehaus, in dem es bereits im 10. Jahrhundert eine Fußbodenheizung gab, besucht werden. Nebenbei liegt die gesamte Anlage über dem Abhang des Berges Aragats, weshalb es ein großartiges Panorama mit seiner Umgebung bildet und einen Namen trägt, der übersetzt “Festung in den Wolken” bedeutet.

Obwohl wir eigentlich vorhatten, noch ein wenig länger in den Bergen herum zu fahren, entscheiden wir uns dazu, den Rückweg in Richtung Jerewan anzutreten, um nicht irgendwo im Nirgendwo ohne Benzin am Straßenrand zu stranden. In der nächsten Stadt angekommen, nehmen wir die erste Tankstelle und lassen volltanken. An der Zapfsäule steht am Ende ein Betrag von 100 DM bei einem Preis von 450 Pfennigen pro Liter. Abkassiert wird zum Glück in Armenischen Dram.

Zahlen und Fakten

  • Streckenverlauf: Jerewan – Mughni – Hovhannavank – Saghmosavank – Kari-See – Amberd – Ashtarak – Jerewan
  • Länder: Armenien
  • Kilometerstand: 7.065 km
  • Davon hier: 140 km

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