Teil 11: Abschied von Armenien mit Kühen und Kartoffelkellern

Der Sewansee ist der größte Süßwassersee des Kaukasus und liegt in Armenien. Die Strecke, die einmal um ihn herum führt, ist etwa 200 Kilometer lang und die Plan für unseren vorletzten Tag.

Sie beginnt im Ort Sewan im Nordwesten des Sees, wo sich das berühmte Kloster Sevanavank befindet. Sevanavank liegt auf einer Anhöhe, die einen tollen Blick auf den See mit seinem unerhört türkis strahlenden Wasser bietet. Leider ist dieser Ort bereits so bekannt, dass er völlig überlaufen ist, weshalb wir nicht allzu lange bleiben.

Keine 30 Kilometer weiter finden wir ein anderes Kloster, das zwar etwas kleiner, dafür aber genauso schön direkt am See gelegen und kaum besucht ist. Sein Name ist Hayravank.

Obwohl vor dem Kloster gerade Straßenbauarbeiten im Gange sind, strahlt dieser Ort so eine tiefe Ruhe aus, dass man sich als Ungläubiger in kurzen Hosen besonders fehl am Platze fühlt und sich so vorsichtig wie möglich bewegt, um nicht aufzufallen.

Kuh + Friedhof

Nur wenige Kilometer weiter befindet sich der Friedhof von Noratus, der schon so lange in Nutzung ist, dass sich Gräber aus dem ersten Jahrhundert darauf befinden. Weil wir die Ausschilderung an irgendeiner Stelle falsch interpretiert haben müssen, erreichen wir den Friedhof auf seiner Rückseite, wo sich der Teil befindet, der in der heutigen Zeit genutzt wird.

Dieser besteht vor allem aus großen Familiengräbern mit den Abbildern der Verstorbenen auf den Grabsteinen und kleinen Zäunen um das Grab. Wir sind die einzigen Besucher neben einer Kuh, die pinkelnderweise die gedeckte Friedhofsstimmung etwas auflockert.

Der historische Teil befindet sich auf der Vorderseite des Friedhofes und ist im Grunde eine flache Wiese, auf der unzählige uralte Grabsteine stehen. Vor allem die kunstvoll verzierten Chatschare, die ab dem 9. Jahrhundert aufgestellt wurden, dominieren das Bild. Diese Steine sind mannshoch und von oben bis unten mit individuellen Reliefs versehen, die sich in der Regel um ein großes Kreuz winden.

Andere Steine sind wiederum so stark verwittert, dass kaum etwas übrig geblieben ist von dem Bild oder der Inschrift, die das Grab einst geziert haben.

Hot Dog ≠ Hot Dog

Die Orte am Südufer des Sees wirken zum Großteil als hätten sie sich vor ein paar Jahren auf einen großen Touristenansturm eingestellt, der dann allerdings ausblieb. Die Hauptstraße ist oft gesäumt von kleinen Läden und Cafés mit großen bunten Reklametafeln. Hinter den Schaufenstern ist aber meist eine stillgelegte Baustelle zu sehen, die nicht wirkt als würde die Arbeit hier kurzfristig wieder aufgenommen. Das macht es uns etwas schwer, unterwegs eine Möglichkeit zu finden, eine Kleinigkeit zu essen.

Immer wieder halten wir irgendwo, nur um dann festzustellen, dass das Bistro, der Kiosk, die Bar gar nicht existiert. Vor einem Laden allerdings scheinen alle Taxifahrer der Region zum Kaffee versammelt zu sein, was uns als Indikator für eine in Betrieb befindliche Lokalität ausreicht.

Über dem Eingang steht sowas wie “Bistro”, der Anblick des Innenraums ist dann allerdings sehr ernüchternd. Ein paar halb leere Regale mit Chipstüten und ein ganz leerer Dönerspieß ohne Fleisch. Dazu eine Kühltruhe mit Eis und Bier.

Der Betreiber fragt unsere enttäuschten Gesichter, was wir denn suchen würden, und bietet uns an, Hot Dogs zuzubereiten. Wir denken an Hot Dogs der Größe Ikea und freuen uns über die Möglichkeit, wirklich mal eine Kleinigkeit zu essen, denn bisher hat sich jede Bestellung in Armenien als doppelt so groß herausgestellt wie angenommen.

Sogleich wird einer der Kaffeetrinker losgeschickt, um frisches Brot vom Bäcker zu holen und in Form von Bier für seine Dienste bezahlt. Der Chef selbst kocht Würstchen und schneidet frisches Gemüse. Wir sitzen untätig herum und warten.

Als es dann soweit ist, lernen wir, dass man Hot Dogs in Armenien in anderen Einheiten misst als in Schweden, und dass ein einzelner Hot Dog durchaus eine tagfüllende Mahlzeit sein kann. Wir erhalten jeder ein 30 cm-Sandwich mit je drei Würstchen, scharfer Soße und jeder Menge Gemüse, serviert in einer kleinen Plastiktüte, die praktischerweise als Kleckerschutz dient. Rückwirkend würde ich dieses Gericht vielleicht nicht unbedingt als Hot Dog bezeichnen, aber lecker war es allemal.

Weil es nun langsam zu regnen beginnt, es nicht mehr allzu viel zu sehen gibt und die zahlreichen Badestellen am See sehr vermüllt sind, vergeht der Rest der Seerunde relativ schnell und ohne weitere Vorkommnisse.

Kurz = schnell

Wir fahren an Sewan vorbei, ohne ein weiteres Mal zu halten, denn wir wollen auf dem Rückweg nach Jerewan lieber noch das Fort Bjni in dem gleichnamigen Ort besuchen. Weil Google Maps nicht viel über die Straßenverhältnisse zu wissen scheint, wird der kürzeste Weg als der schnellste ausgegeben. Es geht quer durch die Region ohne Rücksicht auf Hauptstraßen oder Asphalt. Vorbei an weiten Feldern, auf denen die Bauern in der untergehenden Sonne arbeiten, geht es über die Dörfer, deren Wege wir mit Hühnern und Kühen teilen, in den Ort Bjni.

Die Überreste der Festung liegen auf dem Plateau eines Berges über dem Ort und als wir einen Berg mit einer entsprechenden Beschilderung und einem Pfeil erreichen, stellen wir das Auto unten ab, weil der Weg, auf den der Pfeil zeigt, nicht direkt vertrauenserweckend fest und vor allem sehr schmal aussieht.

Nach ein paar hundert Metern stehen wir plötzlich vor einer Gartenpforte, die den Zaun um ein großes Grundstück mit Wohnhaus abschließt, was uns alles in allem doch irgendwie verwundert. Wir sind dem Weg gefolgt, auf den der Pfeil gezeigt hat, es ist unmöglich, dass wir uns verlaufen haben, denn zur einen Seite war der Berg, zur anderen der Abgrund. Und doch scheinen wir irgendwas falsch gemacht zu haben.

Auf dem Balkon des Hauses taucht plötzlich ein Mädchen im Teenageralter auf, das wir nach dem Fort fragen. Es verschwindet im Haus und nach ein paar Minuten öffnet seine Mutter die Pforte für uns. Sie führt uns in einen Raum, den sie Museum nennt, und zeigt uns ein paar alte Steine und Münzen. Aha, okay, gut. Hatten wir uns zwar doch anders vorgestellt, aber sie ist wirklich stolz auf die Relikte und darauf dass sie von dem Berg stammen, an dem sie leben.

Flip Flops > Wanderschuhe

Als wir uns schon darauf einstellen zu gehen, bringt sie uns hinter das Haus und übergibt uns an ihren Sohn, der uns auf den Berg zum Fort führen soll. Über steile enge Wege, durch ein sehr altes und sehr unbeleuchtetes Treppenhaus und über ein paar alte Steine geht es immer höher bis wir schließlich das Plateau erreichen.

Unterwegs zeigt sich, dass man in Flipflops auf einem unbefestigten, steilen Weg durchaus einen sicheren und eleganteren Gang an den Tag legen kann als in Wanderschuhen. Aber am Ende zählt das Ergebnis und das heißt: alle verletzungsfrei oben.

Das Highlight auf dem Berg ist dann aber eigentlich nicht das Fort, auch wenn es beeindruckend ist, dass die Grundmauern über 1.000 Jahre erhalten geblieben sind, sondern der großartige Blick über das Tal und den Ort. Und die Tatsache, dass wir hier oben so allein und ungestört sind, dass man es kaum glauben mag, dass Bnji kein Geheimtipp war, sondern im Reiseführer stand.

Nachdem wir alle heil wieder unten angekommen sind, bekommen wir ein paar Äpfel aus dem Garten mit auf den Weg, stecken dem Sohn ein paar Scheine zu und machen uns auf den Weg zurück nach Jerewan.

Gurt < Gott

Der folgende Tag ist unser letzter in Armenien und an dem wollen wir noch einen wahrlich außergewöhnlichen Ort besuchen: Levons göttliche Höhlen. Was im ersten Moment ziemlich hochtrabend und sehr unseriös klingt, ist tatsächlich ein beeindruckender Ort.

Ursprünglich wollte Levon eigentlich nur einen Kartoffelkeller für seine Frau anlegen, aber dann ist das Ganze etwas außer Kontrolle geraten und 23 Jahre später hatte die Familie eine ausgefeiltes Höhlensystem in ihrem Keller, was nun wirklich nicht jeder behaupten kann. Also wollen wir uns das Ganze mal anschauen.

Weil wir das Auto bereits abgegeben haben, halten wir uns ein Taxi an und nennen dem Fahrer unser Ziel: Arinj. Kennt er nicht. Wir zeigen auf dem Handy den Namen des Ortes und die ungefähre Lage nördlich von Jerewan. Kann er nicht erkennen. Hmmm.

Glücklicherweise ist unser Fahrer ein sehr pragmatischer Mensch und bittet Denis kurzerhand um dessen Brille. Als das tatsächlich hilft, weiß er zwar immer noch nicht so genau, wohin wir eigentlich wollen, fährt aber erstmal vage in die gewünschte Richtung.

Dass er nur Mithilfe von Denis’ Brille die Schrift auf dem Handy lesen kann, ist zugegebenermaßen nicht sonderlich vertrauenserweckend. Dennoch sind wir voller Zuversicht – das Auto hat schließlich die Erfahrung von über 313.000 Kilometern und verfügt über eine Menge göttlichen Beistand. Da fragen nur Spießer und Pedanten nach einem sehenden Fahrer oder Sicherheitsgurten.

(Kartoffelkeller)²³

Wir navigieren ihn schließlich nach Arinj, laufen noch ein paar Minuten durch den Ort zum Haus der Familie und werden durch die Enkeltochter von Levon ins Haus gelassen und in den Keller geführt.

Es ist kalt dort unten und dunkel. Nur wenige Lampen spenden gerade genügend Licht, dass man sieht, wo man entlang läuft. Wir folgen den schmalen Gängen in größere Räume, über Treppen, in kleine Kammern. Den Wänden aus Lehm sieht man an, dass sie handgegraben sind, immer wieder sind sie durch eingearbeitete Säulen oder Erker verziert.

Levons Enkelin erzählt uns während der Führung von ihrem Großvater und den Höhlen.

Levon hatte während des Baus eine Vision und wurde von Stimmen geleitet, die ihm sagten, wo er unfallfrei graben könnte, was gebaut werden sollte und dass dieser magische Ort einmal Menschen aus aller Welt zusammenbringen wird.

Die Leute hielten ihn natürlich für verrückt und mit seiner Frau gab es oft Streit darüber, dass er zu viel arbeitete. Aber am Ende behielten die Stimmen recht, denn wir sind der Beweis dafür, dass Menschen von weit her kommen, um sein Lebenswerk zu bestaunen.

Also ganz klar: Egal für wie bescheuert dich die Leute halten, wenn du fühlst, dass du das richtige tust, dann lass dich, verdammt nochmal, nicht davon abbringen, nur weil irgendwer es vielleicht nicht versteht.

Ankunft <> Abschied

Am Abend genießen wir zum Abschluss dieser wundervollen Reise ein äußerst wohlschmeckendes Mal am Republic Square, der sich nun mit einem komplett anderen Gesicht zeigt als am Morgen unserer Ankunft. Von Trägheit und Ruhe ist keine Spur mehr. Stattdessen: Menschen soweit das Auge reicht, Zuckerwatteverkäufer, fliegende Händler, bunt leuchtendes Kinderspielzeug.

Musikalisch hinterlegt ist die Szenerie mit den Klängen der beleuchteten Fontänen vor dem Rathaus, die zu Klassik, Filmmusik und Liedern über Jerewan tanzen.

Eine schönere Kulisse für unseren Abschied von diesem großartigen Land und dieser wunderbaren Reise können wir uns nicht vorstellen. In Armenien ist vielleicht nicht alles perfekt, es gibt viel zu tun im Land, die Armut ist hoch. Dafür ist aber umso reicher an Geschichte, packender Landschaften und herzlicher, glücklicher Menschen.

Wir sind nur fünf Tage hier gewesen, aber diese kurze Zeit reichte allemal, um dieses unscheinbare Land an der Grenze zwischen Europa und Asien ins Herz zu schließen.

Mir bleibt nicht viel mehr zu sagen als das, was die armenische Tourismusbehörde ziemlich schlüssig auf den Punkt bringt:

Zahlen und Fakten

  • Streckenverlauf: Jerewan – Zaghkadsor – Sewan – Hayravank – Noratus – Bjni – Jerewan – Arinj – Jerewan
  • Länder: Armenien
  • Kilometerstand: 7.475 km
  • Davon hier: 410 km

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