Teil 2: Wodka, Kräne und Einhörner – zwei Tage in Odessa

Ohne mich vorher großartig informiert zu haben, hatte ich von Odessa schon eine gewisse Ähnlichkeit mit Sankt Petersburg erwartet. Es ist immerhin eine größere Stadt am Meer, die die meiste Zeit unter russischem Einfluss stand und einen gewissen kosmopolitischen Ruf genießt. Außerdem erzählte mir ukrainischer Arbeitskollege aus Kiew mal, dass es mir in Odessa passieren könnte, dass jemand auf mich zukommt und mir ungefragt ein Gedicht vorträgt.

Außerdem klingt der Name schon so vielversprechend. Odessa. Hier findest du Sonne, Meer, Kunst, Kultur und Laissez-faire. Wer ist Paris? Komm nach Odessa, hier spielt das Leben.

Vorbereitung ist alles

Tja, hätte ich mich vorher informiert, hätte ich gewusst, dass die Stadt auf Befehl Katharinas der Großen als Militärhafen angelegt worden ist. Dann hätte ich mich auch nicht gewundert, dass der Blick von der Potemkinschen Treppe auf die Kräne des Hafens fällt. Oder dass die Leute am Strand die Militärschiffe und Hubschrauber von ihrer Sonnenliege aus bei ihren Übungen fotografieren. Dann hätte ich auch gewusst, dass Schiffbau und Fischfang zu den führenden Industrien gehören, und mich nicht gewundert, dass mich die Stadt an einigen Stellen eher an Stettin erinnert als an Sankt Petersburg. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Dennoch ist Odessa keine unattraktive Stadt und der Vergleich zu Stettin eigentlich auch nicht ganz fair. Obwohl die Ukraine von 1922 bis 1991 zur Sowjetunion gehörte, ist das Stadtbild nicht von den typischen Betonklötzen und Plattenbauten geprägt, sondern von vielen alten Häusern mit Stuck besetzte Fassaden, Säulen und Balkons. Auch wenn nicht immer das Geld da ist, diese zu restaurieren, werden sie mit viel Liebe und Hingabe in Schuss gehalten.

Keine Spur von einer sowjetischen Vergangenheit

An unseren zwei Tagen in Odessa laufen wir mehr als 30 Kilometer kreuz und quer durch die Stadt. An einigen Orten kommen wir mehrfach vorbei, an anderen bleiben wir eine Weile zum Kaffeetrinken und entspannen. Vor allem das Stadtzentrum eignet sich wunderbar zum Bummeln. In und um den Stadtgarten, einem kleinen, hübsch angelegten Park mit Springbrunnen, lädt die Stadt geradezu dazu ein.

Springbrunnen am Standtgarten

Zwölf Stühle und Schnellbeton

Am Rande des Parks, hinter einem der zahlreichen bunten Blumenbeete, findet sich die längste Schlange der Stadt vor der Statue eines vergoldeten Stuhls, auf dem sich offenbar jeder Besucher Odessas fotografieren lassen muss. Es ist eine Ode an den russischen Roman “12 Stühle” von 1928, in dem nach einem Stuhl gesucht wird, in dem die Schwiegermutter die Familienjuwelen vor den Bolschewiki versteckt hält, der aber leider abhanden gekommen ist. Die Geschichte kennt in Russland und der Ukraine jedes Kind und daher ist der Stuhl hier eine wahre Ikone.

Der zwölfte Stuhl

Gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich eine kleine glasüberdachte Verbindungsgasse, die nur “Passage” genannt wird. Dabei handelt es sich – überraschenderweise – um eine Passage, in der einige kleine Läden, Cafés und ein Herrenfriseur untergebracht sind. Was diese Passage von anderen unterscheidet ist, dass ihr Inneres mit zahlreichen Säulen und Skulpturen dekoriert ist, die eher an das antike Griechenland erinnern als an die Ukraine.

Das ist im Prinzip wunderschön, wirkt aber leider auch ein kleines bisschen rumplig, weil die Geschäfte entweder leer stehen oder Ramsch anbieten und die Bauart von Schaufenstern und Boden mehr an die Ukraine erinnern als an das antike Griechenland. Und das ist dann doch eher eine unkonventionelle Kombination.

Пассаж

Etwas südlich des Stadtzentrums befindet sich der Rinok Priwos, der größte Markt der Stadt. Wie es sich für einen echten Markt gehört, wird hier von Trockenobst über frischen Fisch, Unterwäsche und Abendgarderobe bis hin zu Bratpfannen und Schnellbeton alles angeboten, was jemals ein Mensch in seinem Leben gebraucht hat.

Wir lassen uns eine Weile einfach durch die engen Gänge voller Menschen treiben und genießen das geschäftige Gewusel der 6.000 Verkäufer und ihrer Kunden. Zuerst laufen wir durch die Fleischhalle, in der jeder Fleischfreund auf seine Kosten kommt, denn hier wird wirklich jedes Stück von jedem Tier auf dem Bauernhof angeboten.

Danach kommt die Fischhalle mit den Delikatessen aus dem Schwarzen Meer und schließlich das Herz des Marktes: die Obst- und Gemüsehalle, wo sich an zahllosen Ständen frisches Obst und Gemüse aus der Region stapeln. An einem Stand für Trockenobst und Nüsse lassen wir uns eine Nussmischung zusammenstellen, die am Ende deutlich größer ausfällt als wir beabsichtigt hatten und die uns bis zurück nach Deutschland begleiten soll.

Ринок Привоз

Meer und Wodka

Nach dem Shoppen geht es in Richtung Strand. Odessa verfügt nämlich über einige Sandstrände, von denen der längste fast bis zum Hafen reicht. Obwohl der Strand ziemlich schmal und gut besucht ist, wirkt er nicht überfüllt. Auf der Promenade drängelt sich ein Restaurant an das andere und unten am Wasser gibt es den einen oder anderen Strandclub, in dem Liegen und ganze Betten mit Baldachin gemietet werden können.

Strand

Wir nehmen in einem der Restaurants Platz, die etwas erhöht liegen und daher einen tollen Blick auf das Meer bieten, und wollen uns den Nachmittag mit einem Cocktail versüßen. Leider scheitern die ersten beiden Bestellungen daran, dass kein Rum im Haus ist [Keine Ahnung, wie man einen Gastronomiebetrieb anständig führen will, wenn man keinen Rum da hat. Aber gut, not my Job.], aber schließlich lässt sich noch etwas mit Wodka finden, denn der ist niemals aus.

Ist auch ohne Rum ganz nett: Odessa

Schaut man von hier aus direkt geradeaus auf das Meer, gibt es außer Strand, Sonne und entspannten Menschen nichts zu sehen, das die Stimmung trüben könnte. Ein Blick nach links allerdings bringt schon etwas Ernüchterung, denn dort überragen die Kräne und Marineschiffe die Szenerie. Von letzteren verlassen einige den Hafen und werden dabei von einem sehr tief fliegenden Hubschrauber verfolgt, was von den Strandbesuchern als willkommene Abwechslung am Horizont mit dem Smartphone festgehalten wird.

Nach einem weiteren Cocktail verlassen wir das Restaurant wieder und laufen die Promenade weiter in Richtung Norden. Hinter dem Alptraum eines großen Familien- und Clubhotels, von dem aus die gesamte Umgebung mit nervigem Elektropop beschallt wird, endet der Strand. Es gibt nicht wenige Besucher, die die Nähe zum Hotel mit den Fressbuden und dem Delfinarium zu suchen scheinen, denn sie liegen auf mit den Handtüchern auf dem blanken Betonboden und sonnen sich als wäre es das normalste der Welt, neben einem Sandstrand auf den Steinen zu liegen und das Panorama des Hafens zu genießen.

Wäre mit Rum vielleicht ein bisschen schöner: der Hafen von Odessa

Am Denkmal für den unbekannten Seemann, an dem ein ewiges Feuer brennt und unheimlich pathetische Musik über Lautsprecher gespielt wird, geht es weiter durch den Park Tarasa Schewtschenka mit dem Stadion Tschernomorez in Richtung der Potemkinschen Treppe. Das Zentralstadion Tschernomorez ist ein modernes Stadion, dessen Glasfassade im Licht der Sonne golden glänzt, und Heimstätte des gleichnamigen Erstligavereins.

Stadion Tschernomorez

Viele Stufen und Kräne

Die Potemkinsche Treppe ist das Wahrzeichen Odessas und verbindet über 192 Stufen den Hafen mit der etwas erhöht liegenden Innenstadt. Steht man am unteren Ende der Treppe und schaut nach oben, sieht es so aus als würde sie niemals enden, weil die Stufen bis zum Horizont zu verlaufen scheinen. Der Trick ist, dass sich die Treppe nach oben hin verjüngt, weshalb sie deutlich länger wirkt als sie tatsächlich ist.

Die Potemkinsche Treppe von unten: eine mehrtägige Wanderung

Oben angekommen fragt man sich, wie man auf den paar Stufen dermaßen außer Atem kommen konnte, denn von hier sind fast ausschließlich die breiten Absätze und kaum Stufen zu sehen. Außerdem scheint sie nun auf der gesamten Länge dieselbe Breite zu haben, was sie wiederum kürzer wirken lässt.

Die Potemkinsche Treppe von oben: nicht der Rede wert

 

An unseren beiden Tagen in der Stadt kommen wir zweimal an der Potemkinschen Treppe vorbei und bezwingen sie einmal davon Stufe für Stufe zu Fuß in der prallen Mittagssonne – wir sind schon vorher so verschwitzt, dass das eigentlich auch nicht mehr auffällt. Beim zweiten Mal fahren wir dem Funicular – der Standseilbahn -, das direkt neben der Treppe verläuft. Wie es sich für ein Fahrzeug des öffentlichen Nahverkehrs gehört, werden Ein- und Ausstieg sowie Fahrkartenverkauf von einer resoluten Dame geregelt, die es nicht schätzt, wenn man trödelt oder im Weg steht.

Oper und Ponyreiten

Das Panorama, das sich beim Blick von der Treppe auf das Meer zeigt, ist – wie erwähnt – ernüchternd und geht auf den Morski Woksal, ein paar Kräne und ein Hochhaus. Wenn man sich dann aber nur einmal umdreht, ist man wieder in der Altstadt angekommen und steht auf einem namenlosen Platz zwischen der Statue eines Statthalters des 19. Jahrhunderts und den alten Häusern auf dem Primorski Boulevard mit seinen Bäumen und Bänken.

Von hier aus ist es nun nicht mehr weit zum Opernhaus mit den bunten Beeten, dem Springbrunnen und den Bänken, auf denen sich viele Menschen tummeln. Einer von ihnen watet durch das Becken des Springbrunnens und sammelt die Glücksmünzen ein, die die Touristen hinein geworfen haben. Es macht den Anschein als wäre der gute Herr hier freiberuflich unterwegs.

Opernhaus

Der Stadtrundgang endet schließlich, wo er begann: am Stadtgarten, der nur wenige Gehminuten von der Oper entfernt liegt. Die angrenzende Deribasiwska Straße ist tagsüber eine gewöhnliche Fußgängerzone, wird bei Einbruch der Dunkelheit allerdings zur Amüsiermeile mit Volksfeststimmung. Die Terrassen der Restaurants sind bis auf den letzten Platz gefüllt und in der Fußgängerzone gibt es neben Ponyreiten, Livemusik und Zuckerwatte alles, was das ukrainische Touristenherz höher schlagen lässt.

Ja, sie hat wirklich „Ponyreiten“ geschrieben, denn das gehört zu einem richtigen Volksfest offenbar dazu.  Und damit es sich nicht anfühlt wie im Streichelzoo, sind die Ponys in rosa Tütüs gesteckt oder mit Herzchen bemalt worden. Oder sie tragen ein Horn auf der Stirn und werden als Einhorn verkauft. Es ist alles ganz zauberhaft.

Deribasiwska Straße am Abend

Nun werd‘ mal fertig, ich hab‘ nicht ewig Zeit!

Man sagt, Odessa wäre die unukrainischste Stadt der Ukraine und verglichen mit dem Teil, den wir auf unserer Anreise gesehen haben, kann ich dem nur zustimmen. Während der Rest des Landes seine sowjetische Vergangenheit nicht leugnen kann, fällt es in Odessa – zumindest im Stadtzentrum – schwer, hier eine ehemals der UdSSR zugehörigen Stadt zu sehen. Zu barock und zu bunt sehen die Gebäude aus, zu grün sind die Viertel und zu einladend sind die Parks.

Dass wir uns in einem Land befinden, in dem derzeit Krieg herrscht, wird uns eigentlich zu keinem Zeitpunkt der Reise bewusst. Dass die Stadt seit Annexion der Krim durch Russland nun mehr Touristen empfängt, hingegen schon, denn vor allem am Strand wirkt vieles neu gebaut und die zahlreichen Wohnhäuser und Hotels, die dahinter in die Höhe sprießen, sind seitdem zumindest mal nicht weniger geworden.

Obwohl Odessa ganz anders ist als ich es mir vorgestellt hatte und mir niemand ungefragt ein Gedicht aufgesagt hat, bin ich nicht enttäuscht von der Stadt, denn sie ist absolut sehenswert und einladend. Auch wenn es sich hier lohnt, russisch sprechen zu können, kommt man zuweilen auch mit Englisch ganz gut klar. Und für den Rest gibt es noch Hände, Füße und ein nettes Lächeln.

Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 2.630 km
  • Davon hier: 30 km
  • Städte: Odessa
  • Länder: Ukraine

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