Teil 3: „Don’t be late!“ – mit dem Schiff über das Schwarze Meer

Zugegeben, der Morgen, an dem du zu einer zweitägigen Schiffsreise aufbrichst, ist ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt an einer Lebensmittelvergiftung zu laborieren. Aber da bis dahin alles so glatt gelaufen ist, was Zeiten und Verbindungen angeht, sehe ich diesen Umstand als kleines Opfer an den Gott der Pünktlichkeit und füge mich meinem Schicksal. Im Grunde gibt es auch keine Alternative, denn die Fähre nach Batumi in Georgien fährt nur alle paar Tage und nicht weiter zu kommen ist weiterhin keine Option.

Я говорю очень плохо по-русски

Weil in der Städtebauordnung der Stadt Odessa offenbar verfügt ist, dass in jedem Häuserblock mindestens eine Apotheke untergebracht sein muss, haben wir die Auswahl zwischen zwei Apotheken im Radius von einer Minute Fußweg. Mit dem Screenshot einer Übersetzungsapp bewaffnet, wende ich mich vertrauensvoll an die ältere Dame hinter dem Tresen und ich bin mir sicher, dass sie mich absolut kompetent berät.

Da sich meine Russisch-/Ukrainischkenntnisse allerdings darauf beschränken, die kyrillische Schrift lesen und schreiben zu können und zu sagen, dass ich sehr schlecht Russisch spreche, bin ich hinterher nicht allzu viel schlauer als vorher, habe aber immerhin zwei verschiedene Arten von Tabletten zum Ausprobieren.

Von der einen Sorte bekomme ich eine ganze Packung mit allem drum und dran. Von der anderen nur einen Bogen, da der offenbar ausreichend ist. Die Dame verzichtet darauf, mir die Verpackung oder den Beipackzettel mitzugeben, weil ich den zwar lesen könnte, aber sowieso nicht verstehen würde. Außerdem muss die andere Hälfte der Packung ja auch noch verkauft werden.

Zwei Tabletten No-Schpa haben gereicht…

Ich beginne also mit der Sorte, von der ich den Beipackzettel habe, suche darin nach einer Tabelle mit Zahlen und hoffe, die Dosis für Erwachsene erwischt zu haben. Eine Recherche im Internet soll im Nachhinein ergeben, dass es sich tatsächlich um das krampflösende Mittel handelt, um das ich gebeten hatte. Bis dahin hätte ich aber geschworen, dass es Kotzpastillen sind, denn in den nächsten Stunden bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, irgendwie klar zu kommen und nirgendwo hin zu brechen.

Daher bin ich leider nicht in der Lage gewesen, die Vollkommenheit der Szenerie rund um das Einchecken auf unserem Schiff zu genießen, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich versuche hier trotzdem mal, es angemessen wiederzugeben.

Schaftransporte und Zollformulare

Der Hafen Tschornomorsk befindet sich im Süden von Odessa und mit einem ortskundigen Fahrer dauert die Fahrt dorthin etwas länger als eine halbe Stunde. Nachdem wir die Stadt verlassen haben, befinden wir uns auf einer Landstraße, an der es links und rechts eigentlich nur noch Felder gibt, als plötzlich mitten im Nichts ein Hochhaus mit der Aufschrift Бизнес Центры (Bisnes Zentr) auftaucht. Dort müssen wir an einem Schalter im Erdgeschoss einchecken und werden schließlich mit einem Shuttle zusammen mit anderen Passagieren zum Hafen gebracht.

Denis und Anika, Kategorie C

Das Shuttle ist ein schwarzer Achtsitzer, der schon einige Jahre geshuttelt hat, und es darf jeder mitfahren, der irgendwie sein Gepäck im Kofferraum unterbringen kann. Auf unserer Runde sind das am Ende etwa zehn Personen – plus Fahrer natürlich. Auf die hinteren beiden Dreierbänke quetscht man sich jeweils zu viert, Denis und ich teilen uns den Beifahrersitz und ab geht die Fahrt.

Sie dauert glücklicherweise nur wenige Minuten – ein ortsunkundiger Fahrer hätte niemals den korrekten Weg gefunden, vor allem, weil man diesen nicht als echte Straße wahrnimmt – und endet an einer kleinen Baracke, an der schon weitere Fahrgäste mit Mopeds und Autos, einige LKW und zwei weißrussische Schaftransporte auf uns warten.

In der Baracke müssen einige Male unsere Namen auf verschiedenen Listen abgehakt und Stempel verteilt werden und dann heißt es warten. Gastfreundlich wie es in so einem Hafen nun mal zugeht, steht den Fahrgästen dafür natürlich ein Warteraum zur Verfügung. Dieser verfügt über zwei Sitzgelegenheiten und ein paar Tische. Fenster gibt es nicht, dafür ist aber immerhin die eine Hälfte des Raumes beleuchtet. Ich verbringe die Zeit größtenteils in der unbeleuchteten Hälfte zwischen zwei Tischen am Boden liegend und bin glücklich darüber, mich nicht bewegen oder übergeben zu müssen.

Einladend wie kein anderer Warteraum…

Irgendwann kommt ein Mann in den Raum, legt einen Stapel Blätter aus und plötzlich alle sind ganz aufgeregt, weil es etwas zu tun gibt. Die Zolldeklaration ist auszufüllen. Leider steht sie nur auf Ukrainisch zur Verfügung. Glücklicherweise ist unter den anderen Wartenden ist ein Typ, der Ukrainisch und Englisch spricht, gerade nichts besseres zu tun hat und daher den unwissenden Touristen helfen kann. Außer uns gibt es davon tatsächlich noch eine Handvoll anderer.

Boarding? Kotzt mich an!

Als das dann auch erledigt ist, wird erstmal weiter gewartet. Dann kommt nach einer gefühlten Ewigkeit die Grenzkontrolle und schließlich wird es Zeit fürs Boarding. Genauso wie am Flughafen dürfen sich Reisende nicht frei zwischen Terminal und Schiff bewegen. Anders als am Flughafen tragen hier allerdings alle ihr komplettes Gepäck bei sich.

Und weil der zur Verfügung stehende Kleinbus, in dem am Ende etwa zwanzig Prozent mehr Menschen mitfahren als vorgesehen, keinen Kofferraum hat, steht zum Gepäcktransport ein Gefährt bereit, das in seinem ersten Leben mal ein Gabelstapler war, nun aber anstelle der Gabeln über eine Baggerschaufel verfügt, in der alle Taschen, Rucksäcke und Fahrräder Platz finden müssen. Letztere fallen ein paar Mal runter, aber so ein Mehrere-Tausend-Euro-Mountainbike sollte das ja schon aushalten. [Ich ärgere mich im Nachhinein tot, dass ich das Teil nicht fotografiert habe, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt leider andere Prioritäten.]

Boarding, zu Fuß aufs Autodeck

Bevor wir das Schiff betreten dürfen, muss natürlich noch mal eine Namensliste abgehakt und irgendwas gestempelt werden und dann dürfen wir auch schon an Deck. Leider handelt es sich erstmal nur um ein Autodeck, von dem aus nur ein kleiner Fahrstuhl zum Passagierdeck pendelt. Und weil so gut wie alle anderen vor uns anstehen, müssen wir eine Weile warten. Mein Magen, der lieber unter dem Tisch liegen geblieben wäre, ist allerdings kein Fan von dem Benzingeruch, der in der Luft liegt, und so kommt es zum Unvermeidbaren. Glücklicherweise ist eine Spucktüte zur Hand und danach alles nur noch halb so schlimm. [Habt ihr euch schon mal mit 20 kg Gepäck auf dem Rücken übergeben? Ist gar nicht so einfach.]

„Don’t be late!“

Wir erhalten an der Rezeption schließlich unseren Schlüssel und können endlich unsere Kabine beziehen, die an Gemütlichkeit kaum zu überbieten ist. Ein Doppelstockbett aus Metall, ein Tisch, ein Stuhl, Dusche, WC.

So gemütlich…

Und um die Gemütlichkeit auf die Spitze zu treiben, gibt es sogar ein Bild an der Wand, das niemals schief hängen kann, weil es links und rechts mit einer Schraube durch den Rahmen in der Wand fixiert ist.

…und so liebevoll dekoriert.

Auf dem Schiff gibt es anderthalb Tage lang eigentlich nichts weiter zu tun als irgendwo herumzuhängen und auf die nächste Mahlzeit zu warten. Wir haben – wie die meisten anderen Passagiere auch – Vollpension gebucht, werden über Lautsprecher informiert, wenn das Essen bereit steht und höflichst gebeten, nicht zu spät zu kommen. Diese Ansagen sind die einzigen, die ins Englische übersetzt werden, und enden immer mit den Worten „Don’t be late!“.

Don’t be late!

Es gibt für jede Mahlzeit eine festgelegte halbe Stunde am Tag und diese sollte bitte auch eingehalten werden. Das Küchenpersonal hat schließlich nicht den ganzen Tag Zeit, sich ums Essen zu kümmern. Als wir am ersten Morgen erst um 8:20 Uhr statt um 8:00 Uhr beim Frühstück erscheinen, werden wir von der Küchenchefin empfangen und ausgeschimpft. Es ist ein mahnender Zeigefinger im Spiel, der auch immer wieder auf die Uhr zeigt, und ihre Tonfall klingt sehr bestimmt. Wir verstehen die gute Frau zwar nicht, lassen es uns aber eine Lehre sein und nehmen uns vor, ab sofort pünktlich zu erscheinen.

Dabei ist so viel Aufregung gar nicht notwendig. Man kühlt das Restaurant nämlich auf etwa 15 Grad herunter, sodass das Essen innerhalb weniger Minuten so kalt ist, dass man sich – egal, wie früh man kommt – immer wünscht, noch pünktlicher gewesen zu sein. Für Menschen, die ihre Mahlzeiten gern warm und in Ruhe genießen, ist das hier zumindest mal ein Perspektivwechsel.

Sieht nicht schlecht aus, ist aber nicht mehr ganz warm

Als wir einmal die halbe Stunde überschreiten, weil wir mit unseren Tischnachbarn – allesamt Touristen, die schon eine ganze Menge gesehen und interessante Geschichten zu erzählen haben – ins Gespräch vertieft sind, werden wir mit einer anderen derselben Rede aus dem Restaurant heraus komplementiert, die wir zu unserem ersten Frühstück gehört haben. Der Zeigefinger auf der Uhr scheint ein wichtiger Faktor in der Gestik der Ukrainer zu sein.

Traumschiff Kaunas Seaways

Aber auch sonst glänzt die Kaunas Seaways mit der Gemütlichkeit und Gastlichkeit eines Anfang der 1990er Jahre sehr modernen Schiffes. Die Wände der Gänge sind holzvertäfelt, an Deck gibt es einige Bänke mit Blick auf die LKW, die auf dem unteren Deck geparkt sind, der Bordshop hat ausschließlich hochprozentigen Alkohol und Zigaretten im Angebot und ist außerhalb der Öffnungszeiten professionell über ein Vorhängeschloss der Größe “Klodeckel” gesichert.

Deck 6

Um Platz zu sparen und Synergieeffekte zu nutzen, sind Kinderspielecke und Bar im selben Raum untergebracht.

Bar/Kinderspielplatz

Da es wie erwartet kein WLAN gibt, ist die Zeit an Bord aber sehr gut dazu geeignet, vom ständigen Erreichbarsein und dem übermäßigen Medienkonsum abzuschalten. So wenig Stress wie hier hat man selten. Dafür bleibt genug Zeit zum Schlafen, Lesen, Weintrinken und um aufs Meer zu schauen. Das ist vor allem am Abend besonders schön, wenn die Sonne langsam hinter dem Schiff im Westen untergeht und eine leichte Brise über das Deck weht.

Sonnenuntergang über dem Schwarzen Meer

Ankunft in Batumi

Weil wir am Mittwoch etwa vier Stunden später abgefahren sind als geplant (warum weiß niemand so genau), laufen wir am Freitag auch erst mit vier Stunden Verspätung in Batumi ein. Das kommt niemandem ganz ungelegen, denn die planmäßige Ankunft war für 6:00 Uhr morgens angesetzt.

Weil wir nun aber erst nach dem Frühstück ankommen, zu dem sich niemand wagt, verspätet zu erscheinen, sind gegen 9:00 Uhr alle wach und an Deck, um Georgien näher kommen zu sehen. Erst ist es nur ein schmaler Streifen Land, der am Horizont kaum auszumachen ist. Aber nach und nach wird die Silhouette der Gebirgsketten immer größer, bis schließlich auch die etwas eigentümliche Skyline Batumis mit ihren Türmen und dem Strand erkennbar ist.

Land in Sicht

Das Anlegen dauert eine ganze Weile und scheint Schwerstarbeit für Matrosen und Hafenarbeiter zu sein und nach einer gefühlten Ewigkeit haben sich dann auch die Grenzbeamten an Deck bequemt. Die Pass- und Zollkontrolle findet in der Bordbar statt, vor der sich dramatische Szenen abspielen, weil immer mehr Leute von hinten nach vorn drängen, die Beamten sich aber naturgemäß Zeit lassen, bis die ersten Passagiere kontrolliert werden.

Aber nachdem die etwa 20-köpfige armenische Familie vor uns durch ist, sind wir auch schon an der Reihe. Als wir artig die Fragen nach unseren Plänen beantwortet haben und unsere Namen auf einer ausreichenden Anzahl an Listen abgehakt wurden, werden wir in Georgien willkommen geheißen und dürfen von Bord gehen, wobei zum Abschied nochmal eine Liste abgehakt wird. Ich frage mich, was passiert, wenn mal ein Name auf einer Liste ohne Haken bleibt. Ob dann eine Fahndung ausgelöst wird?

Wir verlassen also mit Sack und Pack den Hafen auf dem Fußweg und laufen durch die Mittagssonne in die Altstadt, wo sich das Hotel befindet. Nach einer Woche sind wir also endlich in Georgien angekommen und fühlen uns im Gewusel der engen Gassen mit den zahlreichen kleinen Läden wie am anderen Ende der Welt. Jetzt kann es losgehen.

Zahlen und Fakten

  • Streckenverlauf: Odessa (UA) – Batumi (GE)
  • Länder: Ukraine, Georgien
  • Kilometerstand: 3.830 km
  • Davon hier: 1.200 km

Verbindungen

  • Kaunas Seaways Odessa Tschornomorsk (ab 18.7.2018, 18:00 Uhr) – Batumi (an 20.7.2018, 10:00 Uhr) / 8.100 UAH = 250 Euro (2 Personen, private Kabine mit Fenster, Vollpension)

2 Gedanken zu „Teil 3: „Don’t be late!“ – mit dem Schiff über das Schwarze Meer

  1. Großartig. Wir sind auch mit der Kaunas vor knapp 3 Wochen gefahren, allerdings in die andere Richtung und ich war ebenso mit Darmkrawall bestraft! THabt noch viel Spaß beim Reisen. Ich reise gerne lesend mit!

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