Teil 4: Survival of the fittest – zwei Tage in Batumi

Nach zwei Tagen himmlischen Nichtstuns auf dem Schiff ist die Ankunft in Batumi wahre Schwerstarbeit. Mit dem für drei Wochen gepackten Rucksack auf dem Rücken geht es zu Fuß eine halbe Stunde bei über 30 Grad quer durch die Stadt in Richtung Hotel. Es geht vorbei an der Talstation der Seilbahn, die auf den Berg hinter der Stadt führt, über den Hauptverkehrsknotenpunkt mit der nicht feststellbaren Anzahl an Fahrspuren und schließlich durch die engen Straßen der flachen Wohnhäuser, die an allen Ecken von Klimaanlagen tropfen – es ist wunderschön. Und unfassbar anstrengend.

Irgendwo in der Altstadt

Es gibt keine schlechten Ideen. Oder doch?

Nachdem wir für den nächsten Tag eine Zugfahrt nach Tiflis und eine Unterkunft vor Ort buchen konnten, kann es auch schon losgehen. Wir laufen ein wenig planlos durch die Altstadt in Richtung Strand und finden uns in einem wunderbaren Durcheinander aller Baustile wieder, die irgendwo auf der Welt zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte mal angesagt waren. Die Menschen leben hier in einem wilden Potpourri aus verschnörkelten Altbauten, bunten Plattenbauten und einfachen flachen Häusern mit kleinen Läden im Erdgeschoss.

Der vorläufige Höhepunkt dieses wilden Mixes findet sich auf dem Europe Square. Hier steht ein Kasino neben einem Märchenschloss neben einer McDonald’s-Filiale neben einem modernistischen Turm neben einer traditionellen Astronomischen Uhr. Und in der Mitte reckt die Statue der Prinzessin Medea einen vergoldeten toten Widder in die Höhe. Als man das Ganze hier geplant hat, tat man das wohl unter dem Motto: “Es gibt keine schlechten Ideen. Jeder darf einen Beitrag leisten.”

Europe Square – nicht im Bild: das Kasino, der McDonald’s und das Märchenschloss

Nachdem wir angemessen lange gestaunt haben, verlassen wir die Szenerie und finden uns nebenan auf dem Theater Square vor einem Brunnen wieder, in den das Wasser aus den Brüsten der nackten Frau sprudelt und der vor einem Panorama aus Plattenbauten und dem Säulenportal des Theaters steht. Hier gab es offensichtlich eine ganze Menge schlechter Ideen, aber niemanden, der deren Umsetzung unterbinden konnte.

Theatre Square

Dann geht es weiter auf den Boulevard, der sich sieben Kilometer am Meer entlang in Richtung Süden erstreckt. Rechts davon liegt der Strand, links davon die Stadt.

Batumi Boulevard

Survival of the fittest

Der Strand besteht in Batumi nicht aus Sand, sondern faust- bis fußgroßen Kieselsteinen. Den meisten Urlaubern scheint das allerdings wenig auszumachen, denn sie liegen entweder direkt mit dem Handtuch auf dem Boden oder auf einer der gelben Plastikliegen, die hier direkt am Strand ausgeliehen werden können.

Strand

Links des Boulevards verläuft eine Fahrspur für die Fahrräder, Mofas und Caddies, die hier an zahlreichen Punkten vermietet werden. Vor dem Überqueren dieser Spur empfiehlt es sich, mehrfach in beide Richtungen zu sehen und sich zu beeilen, denn hier gilt Darwins Grundsatz “Survival of the Fittest” ohne Ausnahme. Wer nicht schnell genug von der Straße kommt, wird wahrscheinlich einfach umgekachelt.

Die Fahrspur – sieht nicht halb so gefährlich aus wie sie ist

Auf der Fahrspur lässt sich eine gute Stichprobe der Besucher des Batumi Boulevard nehmen. Da sind ganze Familien, die von ihren achtjährigen Kindern auf motorisierten Fahrzeugen durch die Gegend kutschiert werden, zwei Frauen in Burkas auf einem Moped, ein paar halbstarke Checker auf ihren Fatbikes und eine ganze Menge anderer Leute auf einer ganzen Menge verschiedener Gefährte. Die motorisierten unter ihnen haben alle gemeinsam, dass sie an der Stelle, an der sich die Bremse befinden sollte, nur eine Hupe haben. Aber auch auf das Verständnis der nicht motorisierten Fahrer sollte man sich nicht verlassen, denn für Fußgänger bremst hier niemand.

Und die Polizei, von der man ein umsichtiges Eingreifen in den Verkehr oder zumindest mal eine Drosselung der Geschwindigkeit erwarten könnte, ist eigentlich nur zu sehen, wenn ein unmotivierter Beamter eine überaus beleibte Frau im Polizeicaddie über den Boulevard chauffiert.

Polizei-Fahrzeuge

Die Polizei glänzt in Batumi übrigens nicht nur mit ihren ultra-angepassten Strandfahrzeugen – neben den Caddies gibt es noch Mofas mit Sirene auf dem Gepäckträger – sondern auch mit ihrer Untätigkeit gegenüber Wildcampern. Auf der Wiese vor dem Hilton am Boulevard stehen die Zelte einiger Wildcamper, was wohl eher die Regel als eine Ausnahme ist.

Sommer, Sonne, Strand

Es macht Spaß, am Batumi Boulevard spazieren zu gehen. Zwar versucht das Schwarze Meer so zu tun als wäre es gar kein Meer – weder rauscht es noch riecht die Luft salzig -, aber der Rest ist ganz wunderbar. Die vielen unbeschwerten Leute, die großen Palmen, das schimmernde Meer, die zahlreichen Clubs und Cafés. Es ist kein echtes Paradies – dafür ist Batumi viel zu künstlich -, aber mal für einen kurzen Abstecher geht die Stadt schon klar.

Je weiter wir uns Richtung Süden bewegen, desto höher werden die Gebäude jenseits der Fahrspur. Hotelketten, Wohnhäuser, Bürotürme wetteifern darum, wer den größten hat, und scheinen auch in Zukunft immer mehr zu werden. Derzeit wird ein Bauprojekt namens „Twin Towers“ mit 45 Stockwerken umgesetzt und im ganzen Land vermarktet.

Das werden mal die Twin Towers – einer ist schon fast fertig

Gar nicht weit entfernt von der Twin Towers-Baustelle befindet sich ein Gebäude namens „Magnolia“. Dabei handelt es sich um einen Hotel- und Apartment-Komplex mit Innenhof, der offenbar noch gar nicht so alt ist, aber bereits so wunderbar verwohnt aussieht, dass er überhaupt nicht in die Umgebung passt.

Magnolia

Am kleinen Strandvergnügungspark mit seinen verwaisten und verrosteten Fahrgeschäften beschließen wir, dass wir für heute genug haben vom Boulevard. Also riskieren wir ein letztes Mal unser Leben und Überqueren der Fahrspur, um querfeldein zurück durch die Stadt zu laufen.

Vergnügungspark am Strand

Wir umrunden den Ardagani See, einen kleinen künstlich angelegten See gegenüber des Vergnügunsparks und erreichen den Nurigeli See, an dem man sich des Abends zum gemütlichen Beisammensein trifft. Vor allem jetzt zum einsetzenden Sonnenuntergang bei sinkenden Temperaturen ist das Panorama sehr schön und kaum ein Quadratmeter im Gras unbesetzt.

Nurigeli See

Und wer keinen Platz mehr abbekommen oder Kinder zu bespaßen hat, kommt im Vergnügungspark nebenan auf seine Kosten. Im Gegensatz zu dem Park am Strand wirkt dieser hier, als würde sich zumindest mal hin und wieder jemand um die Wartung und Pflege der Geräte kümmern. Außerdem ist das Panorama in diesem Vergnügungspark deutlich exklusiverer Natur.

Vergnügungspark mit exklusivem Ausblick

Der Spaziergang endet vorerst an der Seilbahn hinter dem Miracle Park, von dem aus alle Türme zu sehen sind, die die Skyline der Stadt prägen. Da ist der Alphabetic Tower mit den vier Meter großen georgischen Buchstaben und dem kugelförmigen Dach, das dem Ganzen einen gewissen Interpretationsspielraum einräumt. Dann ist da noch der grau-weiße Turm der amerikanischen technischen Universität mit der riesigen Uhr, deren Zahlenfelder aussehen wie goldene Gondeln eines Riesenrades. Und die beiden großen Türme weltweit bekannter Hotelketten.

Batumis Türme

Auch hier sind viele Menschen damit beschäftigt, sich einen schönen Urlaub zu machen, indem die am Riesenrad anstehen, an den zahlreichen Ständen etwas zu knabbern kaufen oder einfach lauschig zusammen sitzen und Bier trinken. Es scheint als gäbe es in dieser Stadt keinen Ort, an dem man allein ist.

(Sonnenuntergang + Berg) x Getränk = gemütlicher Abend

Den Abend wollen wir eigentlich ganz entspannt auf dem Berg ausklingen lassen, auf den die Seilbahn fährt. Eigentlich. In der Realität stehen wir für die zehnminütige Fahrt eher unentspannt eine halbe Stunde in einer vollkommen überfüllten Wartehalle an und stellen oben fest, dass es keinerlei Möglichkeiten gibt, sich außerhalb des Restaurants aufzuhalten, das sich direkt an die Station anschließt. Das ist ja im Grunde kein Problem, denn mit einem Getränk bei schönem Blick auf die Stadt hatten wir durchaus gerechnet. Leider fehlte in unserer Kalkulation der Faktor “Karaokenacht”.

Man sagt ja eigentlich, dass die Georgier ein sehr musikalisches Volk wären, und tatsächlich haben wir auch schon den einen oder anderen talentierten Straßenmusiker in Batumi gesehen. Entweder sind die Menschen hier an den Mikrofonen also keine Georgier oder das Klischee stimmt nicht, denn schön ist hier mal gar nichts. Dafür aber laut.

Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass von den Tischen des Restaurants aus gar kein Blick auf die Stadt möglich ist, weil man aus unerfindlichen Gründen einen Sichtschutz in Richtung Meer und Innenstadt angebracht hat. Wer dieses Panorama sehen will, muss über die Wand schauen oder sich neben hundert andere Leute ans drei Meter breite Geländer drängeln.

Sonnenuntergang über Batumi

Na ja, wie dem auch sei, es lassen sich noch einige Punkte finden, an denen man den Sonnenuntergang über der Stadt fotografieren kann, und die Schlange für die Abfahrt ist nicht mal halb so lang wie ihre Schwester im Tal und befindet sich in einer Halle, in der die Sänger nicht zu hören sind. Win-Win.

Vom Versuch, nicht zu schwitzen

Den nächsten Tag wollen wir ganz entspannt angehen. Am Nachmittag fährt nämlich unser Zug nach Tiflis und davor wollen wir nicht allzu sehr ins Schwitzen geraten. Das ist bei über 30 Grad und ohne Wind natürlich ein überaus ambitioniertes Ziel, an dem wir bereits in dem Moment scheitern, in dem wir das klimatisierte Hotelzimmer verlassen.

Weil wir in nächster Zeit nicht allzu viel Wasser sehen werden werden, geht es wieder Richtung Waterkant. Am Yachthafen unweit des Miracle Parks liegen einige festlich bis kitschig geschmückte Fähren, die die gesamte Umgebung mit dem beschallen, was die Inhaber für gute Musik halten. Daneben beginnt bereits der Strand, der auf diesem Abschnitt schon um die Mittagszeit sehr voll ist.

Strand am Alphabetic Towerr

Wir folgen dem Weg, der in den Boulevard übergeht so langsam und so weit im Schatten der Palmen wie möglich, denn es ist nicht einfach nur warm, sondern komplett windstill und damit echt drückend. Zwischen den Strandaufgängen stehen einige Statuen aus schmalen Metallstäben, die alle das Thema “Liebe” haben und ganztägig als Fotomotiv sehr beliebt sind. Außer uns scheint hier niemand zu schwitzen.

In einem der zahlreichen Beachclubs am Boulevard, in dem wir die einzigen Gäste sind, lassen wir uns nieder und verbringen einige Zeit im Schatten unseres Pavillons bei Kaffee und Shisha und sinnieren ein wenig über diese Reise. Bei so viel Glück, wie wir bisher hatten, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Wir haben es wie geplant in einer Woche nach Georgien geschafft und das beste liegt noch vor uns.

Beachclub

Batumi ist ein interessanter Einstieg in dieses Land, auch wenn wir nicht hoffen, dass es repräsentativ für den Rest Georgiens ist. Es ist zwar eine außergewöhnliche Stadt, aber insgesamt schon sehr künstlich und ein wenig moderner als wir die nächsten beiden Wochen gern hätten.

Aufbruch

Als dann schließlich die Zeit gekommen ist, spazieren wir noch ein wenig durch die Altstadt zum Hotel, holen das Gepäck und winken den ersten Taxifahrer ran, den wir sehen. Der bringt uns für einen schmalen Taler zum Bahnhof, wo wieder ein bisschen gewartet wird.

Der Zug ist in Georgien nicht das beliebteste Verkehrsmittel und daher gibt es nicht allzu viele Verbindungen. Internationale Strecken werden in der Regel durch die Bahngesellschaften des Nachbarlandes bedient und auch sonst setzt man in Georgien eher auf den Bus.

So kommt es, dass in den anderthalb Stunden, die wir am Bahnhof verbringen, ungefähr zwei Züge für Bewegung sorgen. Außerdem steht an einem Gleis ein alter armenischer Nachtzug nach Jerewan, der den Eindruck vermittelt als würde er dort seit seiner Ankunft am Morgen stehen und das Gleis auch bis zur Abfahrt am Abend blockieren.

Batumi Central – nicht sooo viel los

Unser Zug ist ein ziemlich moderner Zug einer schweizer Firma mit zwei Stockwerken und Sitzbezügen in Flugzeugoptik. Glücklicherweise geht hier in Georgien nichts ohne eine Reservierung, denn der Zug ist voll bis auf den letzten Platz.

Die Strecke führt zuerst sehr schön direkt am Meer entlang und danach einmal quer durch das ganze Land. Wir legen einige außerplanmäßige Stopps ein, in denen man auf die Idee kommen könnte, dass mit der Technik etwas nicht stimmt. Aber am Ende hilft das, was immer hilft, wenn man nicht weiter weiß: ausschalten, Stecker ziehen und neu starten.

Zug oder Flugzeug?

Als absehbar ist, dass wir mit anderthalb Stunden Verspätung in Tiflis ankommen werden, sind wir überrascht, dass niemand beginnt, auf die Deutsche Bahn zu schimpfen, oder lautstark nach einem Fahrgastrechteformular zu verlangen. Stattdessen sind die Leute entspannt, einige lachen sogar.

Wissen die denn nicht, dass es in einer solchen Situation nicht schicklich ist, nicht mit allen anderen Fahrgästen darum zu wetteifern, wer die schlechteste Laune hat und das größte Martyrium durchleben muss? Sind die etwa nie in Deutschland mit dem Zug gefahren? Was sind das bloß für Menschen, die in einer ärgerlich Situation, die sich aber nicht ändern lässt, ruhig bleiben und das beste draus machen? Die gefallen mir. Können wir das nicht in Deutschland auch so machen?

Zahlen und Fakten

  • Streckenverlauf: Batumi – Tiflis
  • Lander: Georgien
  • Kilometerstand: 4.240 km
  • Davon hier: 410 km

Verbindungen

  • 809 Batumi (ab 21.7.2018, 17:10 Uhr) – Tbilisi-pass. (an 23:30 Uhr) / 50 GEL = 17,70 Euro (2 Personen im Großraumwagen, 2. Klasse)

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