Teil 9: „Welcome to Armenia!“

“Welcome to Armenia!” Der junge Schaffner, der zuvor ein Auge auf die beiden blonden Norwegerinnen in unserem Abteil geworfen, sich aber mit dem Englischen sehr schwer getan hatte, strahlt über das ganze Gesicht als wir früh am Morgen mit dem Nachtzug aus Tiflis in Jerewan einfahren. Besonders stolz ist er auf unsere erstaunten Gesichter, weil wir vor der geplanten Ankunftszeit angekommen sind.

Es ist Dienstagmorgen halb acht und von der Rush Hour, die man zu dieser Uhrzeit in einer Hauptstadt erwarten würde, ist nicht allzu viel zu sehen. Ein paar Taxifahrer warten vor dem Bahnhof, in der Metro sitzen ein paar halb schlafende Gestalten in Anzug oder Kostüm und der Straßenverkehr sieht auf dem Platz der Republik, dem zentralen Ort Jerewans, auch eher überschaubar aus. Armenien scheint kein Frühaufsteher-Land zu sein und das macht es direkt mal sympathisch.

Wir schließen uns der allgemeinen morgendlichen Trägheit an und gehen erstmal in unserem Hotel frühstücken. Obwohl wir für die 275 Kilometer lange Zugfahrt nach Jerewan fast neun Stunden gebraucht haben, hat die Zeit nicht gereicht, um ernsthaft auszuschlafen. Dementsprechend passiert an diesem Vormittag erstmal nicht mehr viel.

Rolltreppen und Ausblick

Später am Nachmittag führt uns unser erster Weg ins Stadtzentrum zum Cafesjian Museum of Art, einem Kunstmuseum, das uns in erster Linie nicht wegen der Kunst anzieht, sondern wegen seiner Bauweise. Das Museum liegt in einem massiven treppenförmigen Gebäude, das Kaskade genannt wird und einen Hügel hinauf führt.

Davor befinden sich eine Menge Skulpturen, umgeben von bunten Beeten, darauf weitere Skulpturen und Beete gepaart mit Aussichtsplattformen und im Inneren gibt es ebenfalls Kunst, eine Rolltreppe und Zugänge zu den Aussichtsplattformen.

Wer sportlich und willens ist, die 572 Stufen selbst zu erklimmen, kann das machen. Wem die über 30 Grad Celsius dafür zu viel sind, der kann beim Rolltreppefahren die etwas eingestaubte Ausstellung bewundern und oben angekommen einen Überblick über die Stadt bekommen.

Die Rolltreppen erinnern an die 1970er Jahre, in denen die Kaskaden gebaut wurden, und stilecht befinden sich an einigen Absätzen auch die zu erwartenden Rolltreppenwärterinnen, die für Ordnung sorgen. Oder die von Haus aus bestehende Ordnung beobachten.

Weil so eine Rolltreppenfahrt körperlich schon ziemlich anspruchsvoll ist, gönnen wir uns im Park vor zwischen den teilweise fragwürdigen Skulpturen einen frischen Eistee und bekommen die Möglichkeit, einen ganz besonderen Schauspiel beizuwohnen.

Straßenverkehr und Theatervorführungen

Man stelle sich die beiden armenischen Cousins von Bruno und Herbert, den beiden Polizisten aus den Werner-Filmen, vor und stecke sie in eine armenische Polizeiuniform. Die Kulisse ist eine zweispurige Einbahnstraße vor den Kaskaden, die diese von einem Park trennt und gut befahren ist. Für Fußgänger bietet sich etwa 30 Meter rechts und links von der direkten Geraden Park-Kaskaden die Möglichkeit, die Straße sicher über eine Fußgängerampel zu überqueren.

Da die ständig unter Zeitdruck stehenden Touristen und die wenig an Verkehrsregeln interessierten Armenier weder Zeit noch Lust haben, diesen Umweg in Kauf zu nehmen, warten sie in der Regel auf eine günstige Verkehrslage und überqueren die Straße auf direktem Wege. Dabei muss kein Auto anhalten und niemand wird verletzt.

Auftritt Herbert und Bruno. Eine kleine Gruppe Armenier wartet an der Straße auf eine Lücke im Verkehr und setzt sich schließlich in Bewegung. Pfiffe von Bruno und Herbert – sie stehen etwas seitlich zum Geschehen – und bestimmte, mahnende Worte. Die Verkehrssünder huschen über die Straße und lassen sich nicht weiter stören.

Eine paar weitere Passanten kommen und gehen, ohne Herbert und Bruno oder ihre Pfiffe und Ansagen auch nur zu hören. Diese Szene wiederholt sich noch einige Male und lediglich bei einer kleineren Gruppe Chinesen sind Bruno und Herbert erfolgreich. Wahrscheinlich weil in China auf das unerlaubte Überqueren einer Straße eine mehrjährige Haftstrafe steht.

Ein Hauch von Sowjetunion

Wir hingegen haben genug von diesem Akt in Endlosschleife, sodass wir das Stück vor dem Ende verlassen und uns aufmachen in Richtung des Wasken Sarkissjan Stadions der Republik, denn hier soll am Abend das Europa League-Qualifikationsspiel zwischen dem heimischen FK Pjunik Jerewan und dem kasachischen FK Tobol Qostanai stattfinden. [Den Bericht zum Spiel gibt es hier]

Auf dem Stadtplan Jerewans findet sich ein Grünstreifen, der aussieht wie ein sehr langgezogener Park und die Kaskaden mit dem Stadion verbindet. Weil uns nach etwas Schatten und einem Spaziergang durchs Grün ist, wollen wir diesem Streifen folgen.

Es stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um den erhofften Park handelt, dieser sich aber deutlich weniger grün gestaltet als es der Stadtplan uns weismachen will. Dass Armenien über 70 Jahre lang eine Sowjetrepublik war, wird nicht nur hier anhand der Springbrunnen mit ihrer typisch sowjetischen Komposition aus Beton, Kanten und dem Fehlen von Feingeist sichtbar.

Auch der Kinderpark in der Nähe unseres Hotels sieht mit dem bunten Riesenrad und den vielen teils verwaisten Klettergerüsten aus wie die Millionen anderer Spielplätze in der gesamten ehemaligen UdSSR.

Und im Kond-Fußgängertunnel, der die Innenstadt mit dem grünen Stadtteil Aygedzor verbindet, scheinen selbst die flackernden Leuchtstoffröhren aus einer Zeit zu kommen, in der die Vorhänge eisern waren und Leuchtstoffröhren in Fünf-Jahres-Plänen produziert worden sind.

Ein Hauch von Geschichte

Dabei ist Jerewan keineswegs eine der typischen hektisch hochgezogenen Städte der Sowjetzeit, sondern zählt zu den ältesten Städten der Welt. In diesem Jahr feiert Jerewan seinen 2.800. Geburtstag und ist damit mal eben schlappe 2.000 Jahre älter als Rostock, das 2018 zur 800-Jahr-Feier einlud. In Mitteleuropa herrschte um die Zeit der Gründung Jerewans gerade die Bronzezeit. Rom wurde erst 29 Jahre nach Jerewan erbaut. Nur um ein paar Eckdaten zu nennen, mit denen das Alter Jerewans einzuordnen ist.

Armenien ist zudem eines der ältesten Länder der Welt und zugleich das erste christliche Land und das, in dem die erste Kirche der Welt gebaut wurde.

Das größte Heiligtum der Armenier ist der Berg Ararat, an dem Noahs Arche gestrandet sein soll. Der Berg zierte das Wappen Armeniens schon als das Land noch eine Sowjetrepublik und der Berg nach langen Auseinandersetzungen um die Grenzverläufe in der Region hinter die Staatsgrenze der Türkei gerutscht war.

Die Türken störten sich daran, dass ein Teil ihres Hoheitsgebiets im Wappen eines anderen Landes abgebildet war und mahnten die armenische Sowjetrepublik, den Ararat aus ihrem Wappen zu entfernen, denn sie hätte kein Recht, den Berg im Wappen zu tragen. Nachdem man von sowjetischer Seite darauf hingewiesen hatte, dass sich der Mond, der die Flagge der Türkei ziert, auch nicht auf dem türkischen Staatsgebiet befände, verlief dieser Konflikt dann irgendwie im Sande.

Ararat

Der Ararat liegt nur etwa 60 Kilometer Luftlinie entfernt von Jerewan und an guten Tagen ist der über 5.000 Meter hohe Berg mit seinem schneebedeckten Gipfel von der Stadt aus zu sehen. Als wir Jerewan mit unserem Mietwagen in Richtung Süden verlassen bemerken wir ihn erst gar nicht.

Er versteckt sich hinter einem diesigen Nebelschleier als wollte er nur von denjenigen gesehen werden, die sich wirklich voll und ganz auf ihn konzentrieren. Er wirkt mit seiner schieren Größe am Horizont, hinter der flachen Landschaft wie eine Fata Morgana. Latent anwesend, aber eigentlich nicht recht ins Bild passend. In jedem Fall mystisch genug, um ein wichtiges religiöses Symbol abzugeben.

Wir sind auf dem Weg zum Kloster Chor Virap, das sich keinen Kilometer von der armenisch-türkischen Grenze entfernt befindet und damit direkt im Schatten des Ararat liegt.

Auf dem Parkplatz warten ein paar Souvernirhändler und Männer mit weißen Tauben, die sie gegen Geld zum Posieren für Fotos anbieten, auf Kundschaft. Ein chinesischer Reisebus ist gerade aufgebrochen, sodass sich die Menge der anwesenden Touristen ansatzweise in Grenzen hält.

Der Legende nach ist der Ort, an dem heute das Kloster steht, auch der Ort, an dem das Christentum zur Staatsreligion und Armenien damit zum ersten christlichen Land der Welt wurde. Nach dieser Legende soll Gregor der Erleuchter im 3. Jahrhundert n.Chr. für 13 Jahre vom König eingesperrt worden sein, um vom christlichen Glauben abgebracht zu werden. Als dieser sich weigerte und zudem noch eine als unheilbar geltende Krankheit des Königs heilen konnte, hatte dieser natürlich keine andere Wahl als das Christentum zur Staatsreligion zu machen.

Das Klostergelände ist gar nicht mal so groß und daher wirken selbst die relativ wenigen Besucher wie eine viel zu große Menschenmenge, die hinter jeder Ecke lauert und allein durch ihre Anwesenheit gepaart mit den Selfiesticks eine ganze Menge Atmosphäre auffrisst.

Wirklich eindrücklich wird Chor Virap für uns erst als wir den Hügel nebenan hochklettern, auf dem wir allein sind und auf das kleine Kloster im Schatten des biblischen Berges schauen können.

Noch mehr Kirchen

Weil wir für heute noch nicht genug haben von der geschichtsträchtigen armenischen Kultur, machen wir uns auf den Weg zum nächsten Kloster: Geghard, das eigentlich gar nicht weit nördlich von Chor Virap liegt, allerdings nur aus Richtung Jerewan anzufahren ist, was den Weg etwa verdoppelt.

Die Hauptstraßen sind gesäumt von Leuten, die ihre Ernte entweder direkt aus dem Kofferraum ihres Ladas  heraus verkaufen oder einen kleinen Holzstand im Schatten eines Baumes aufgestellt haben.

Die Straßenverhältnisse rangieren von “ausgezeichnet” über “fragwürdig” bis “offenes Gelände”. Zeitweise sind außer uns nur Geländewagen auf den zerfahrenen Überresten einstiger Straßen zu sehen. Allerdings hat unser Hyundai Sonata schon 60.000 Meilen Erfahrung im Getriebe und einen Riss in der Windschutzscheibe. Den kann so schnell nichts mehr erschüttern.

Das Kloster Geghard ist sehr schön direkt an einem Berg gelegen und passt sich mit der unaufgeregten Bauweise aus Fels in die Umgebung ein. Im Inneren herrscht eine gedämpfte Stimmung, die durch die Dunkelheit – es gibt nur ein kleines Fenster – verstärkt wird. Im Vorraum zünden Gläubige Kerzen aus Bienenwachs an, im Altarraum stehen einige Ikonen am Altar. Hier kann gebetet werden.

Hinter dem Kloster verläuft der Fluss Azat, an dessen Ufer die Bäume und Büsche unter den ganzen Taschentüchern, die viele Besucher aufhängen, kaum noch zu sehen sind. Wer hier sein Taschentuch an den Baum knotet, kann sich nämlich was wünschen.

Von klassischem Zellstoff über gebügeltes Stofftuch mit Rüschen bis hin zum echten Louis Vuitton-Fake ist alles dabei, was die bunte Welt der Taschentücher hergibt. Dieser Brauch wird übrigens nicht nur hier am Kloster Geghard gelebt, sondern ist auch an vielen anderen Kirchen und sogar an einsamen Kreuzen am Straßenrand zu beobachten.

Auf dem Rückweg nach Jerewan legen wir einen Halt am Tempel von Garni ein, dessen Bauart auf den ersten Blick an die Akropolis in Athen erinnert. Anders als sein großer Bruder aus Griechenland ist der Tempel von Garni aus Basalt gebaut, was ihn deutlich dunkler wirken lässt. Seine Lage an einer Schlucht mitten im öden Bergland hat aber schon etwas besonderes.

Fehlende Korkenzieher und vorhandene Schraubverschlüsse

Zurück in Jerewan halten wir an einem großen Supermarkt, um uns für den Abend zu versorgen. Im Hotel haben wir noch eine Flasche Wein, die wir allerdings mangels Korkenzieher nicht öffnen können. Es stellt sich leider heraus, dass der Laden trotz seiner sehr stattlichen Weinabteilung keine Korkenzieher führt.

Plan B sieht vor, dass wir einfach eine neue Flasche Wein mit Schraubverschluss kaufen und die alte als Trinkgeld im Hotelzimmer zurück lassen. Wir stehen also zwischen den Weinregalen und versuchen, irgendwas mit Schraubverschluss zu finden. Weil wir wohl etwas planlos wirken, spricht uns eine junge Verkäuferin an. Wir schildern unsere missliche Lage und erklären, dass wir irgendwas mit Schraubverschluss suchen. Egal was, Hauptsache Wein und rot. Wir haben nicht den Eindruck, hier groß wählerisch sein zu können.

Die junge Dame führt uns nur einmal um die Ecke und schon stehen wir vor einem kleinen Tresen, an dem der Hauswein in verschiedenen Sorten frisch abgefüllt wird. Hier ist es vollkommen egal, wofür wir uns entscheiden, denn hier wird alles in Plastikflaschen abgefüllt. Nach einigen Probiergläschen fällt die Wahl auf einen fruchtigen Granatapfelwein, der uns die späteren Stunden versüßen soll.

Zahlen und Fakten

  • Streckenverlauf: Tiflis – Jerewan – Pokr Vedi – Geghard – Gani – Jerewan
  • Länder: Armenien
  • Kilometerstand: 6.925 km
  • Davon hier: 415 km
  • Pjunik Jerewan – Tobol Qostanai 1:0 [Link zum Bericht]

Verbindungen

  • 201 Tiflis Pass. (ab 30.7.2018, 22:16 Uhr) – Jerewan (31.7.2018, 7:25 Uhr) / 129 GEL = 42 Euro (2 Personen im Schlafwagen, 4er Abteil)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.