Warum ihr unbedingt mal mit dem Zug verreisen solltet

[Dies ist ein Beitrag zur Bloggerparade „Freude am Bahnfahren“ von den Bloggerkollegen von Teilzeitreisender.de. Schaut mal rein, es lohnt sich!]

Als ich im letzten Jahr Freunden, Bekannten und der Familie eröffnete, dass wir im Sommer mit dem Zug von Hamburg nach Usbekistan reisen würden, erntete ich zumeist als erste Reaktion betretenes Schweigen. „Hat sie wirklich ‚Usbekistan’ gesagt? Und ‚Zug’?“ Wenn meine Gesprächspartner merkten, dass sie zu lange geschwiegen hatten, bekam ich Antworten wie: „Schön. Ist mal was anderes.“ oder „Na ja, ihr fahrt ja auch immer viel mit der Bahn.“. Meine Begeisterung konnten nur die Allerwenigsten teilen.

Dabei kann ich es gar nicht verstehen, warum nicht mehr Leute mit dem Zug verreisen. Klar, es soll jeder seine Freizeit so verbringen wie er es für richtig hält. Aber warum verfallen so viele Leute in einen an Panik grenzenden Stresszustand, sobald sie die beiden Worte „Zug“ und „fahren“ in einem Satz kombiniert hören? Die meisten von ihnen sind seit Jahren nicht mehr mit dem Zug gefahren oder „gerade erst letztens mit der S-Bahn zum Flughafen und das hat mir schon wieder gereicht!“.

Was genau ihnen gereicht hat, können sie meist nicht eindeutig benennen. Meist stellt sich aber heraus, dass die betreffenden Personen sich nicht an Fahrpläne halten oder mal ein paar Minuten am Tag neben einem Wildfremden sitzen können. Oder sie verwechseln die Bahn mit ihrem Wohnzimmer und bemängeln fehlenden Komfort oder Sitzplätze.

Also: warum zum Teufel sollten diese Leute sich in einen Zug mit hunderten anderen Fahrgästen quetschen, wenn sie auch allein ohne diesen lästigen Kontakt zu Mitmenschen im Auto über die Autobahn gurken könnten? Gegenfrage: Warum fahren wir denn vier Tage lang mit dem Zug von Sankt Petersburg in die usbekische Einöde, wenn wir die gleiche Strecke in weniger als fünf Stunden zurückgelegt haben könnten? So teuer sind internationale Flüge ja nun auch nicht mehr. Die Antwort ist ganz einfach: Weil wir es können!

Jeder sehnt sich doch nach einer stressfreien Zeit in seinem hochverdienten Jahresurlaub. Warum also soll ich mich nur wenige Stunden nach Beginn meiner Reise dem Stress der russischen Hauptstadt aussetzen, wenn ich mir auch einen Tag und zwei Nächte Zeit nehmen kann, mich zu seelisch und moralisch darauf vorzubereiten?

Ich kann mich auch nicht daran erinnern, vier so stressfreie Tage am Stück erlebt zu haben wie auf unserer Fahrt von Sankt Petersburg nach Turtgul, Usbekistan. Auf einer derartigen Verbindung gibt es weder einen geregelten Tagesablauf noch irgendwelche gesellschaftlichen Zwänge, denen man sich unterordnen muss. Mal davon abgesehen, dass dort niemand nackt herumläuft.

Unser Abteil

Du schläfst, wenn du müde bist. Du gehst spazieren, wenn du dir die Beine vertreten willst. Du isst, wenn jemand im Zug ist, der Brot oder Piroggen verkauft. Du öffnest die Abteiltür, wenn du Besuch empfangen möchtest und schließt sie wieder, wenn es dir reicht. Mit anderen Worten: Du ist frei, genau das zu tun, worauf du Lust hast. Im Zug hast du das, was im Alltag viel zu oft fehlt: Zeit. Und die kannst du für das nutzen, wofür du sie sonst nicht hast: Wildfremde, dich selbst, deinen Reisepartner, ein gutes Buch, die vorbeiziehende Gegend, Brettspiele, ausschlafen, abschalten, unerreichbar sein. Die Möglichkeiten sind quasi grenzenlos.

Nebenbei siehst du, wie langsam, aber stetig die Gegend an dir vorbei zieht und sich die Landschaft fast unmerklich verändert. Steigst du in einer Metropole wie Sankt Petersburg in ein Flugzeug und ein paar Stunden später in der usbekischen Wüste aus, ist der Kulturschock vorprogrammiert. Siehst du aber über mehrere Tage die üppige grüne Landschaft immer weiter schrumpfen und die salzige Wüste immer mehr Platz einnehmen, kannst du dich auf das einstellen, was dich erwartet.

Außerdem hast du im Zug einen großen Vorteil, den du sonst nirgendwo hast: Deine Mitreisenden haben ebenso viel Zeit wie du und können sich genauso wenig von dort weg bewegen. So gibt es kein Entkommen voneinander und du musst dich quasi mit ihnen auseinandersetzen. Das ist aber keineswegs schlecht, im Gegenteil. Es entstehen spontane Schicksalsgemeinschaften, du lernst Menschen kennen, denen du sonst nie im Leben begegnet wärst, und du kannst viel über deren Leben und Kultur erfahren.

Sanat, Abdulla, Vodka, Denis

Wo sonst hätten wir Boris, einen oppositionellen Usbeken kennengelernt, der sich nicht mehr dauerhaft in seinem Land aufhalten und im russischen Exil nicht mehr in seinem Beruf als Anwalt arbeiten kann? Wie ungläubig hätten wir es abgelehnt, wenn Sanat uns auf der Straße angeboten hätte, uns in seinem Auto Samarkand zu zeigen und uns anschließend zu sich nach Hause einzuladen? Wie schnell hätten wir das Restaurant wieder verlassen, in dem der Kellner ein nie gewaschenes Hemd getragen und uns unser Abendessen in einer Tüte verpackt serviert hätte?

Noch nie hat sich eine Hand voll Wildfremder darum gekümmert, ob ich bei einem längeren Zwischenhalt auch wieder rechtzeitig zur Weiterreise zurück bin. Noch nie haben uns wildfremde Menschen ungefragt ihre Telefonnummern und die ihrer Angehörigen aufgeschrieben, damit wir sie anrufen könnten, sollte es Probleme geben oder wir etwas benötigen.

Notfallkontakte

Sowas erlebt man nur im Zug. Im Flugzeug bietet dir niemand seinen letzten Schluck Vodka an. Auf der Autobahn schenkt dir niemand Kekse oder Mandarinen aus reiner Freundlichkeit. Im Flugzeug setzt sich die Stewardess nicht neben dich und sagt dir bei jedem Feld auf dem Einreisebogen vor, was dort eingetragen werden soll, nur weil du die Landessprache nichts verstehst. Und in Reisebus mit einer deutschen Reisegruppe kannst du deine Sprachkenntnisse in Russisch, Usbekisch, Englisch und Händen und Füßen nicht weiter ausbauen.

Ja, okay. Du musst ein bisschen schmerzfrei sein, wenn du so eine lange Zugreise unternehmen und sie nebenbei auch genießen möchtest. Im Abteil hast du wenig Platz. Wenn die anderen Betten durch andere Reisende belegt sind, hast du auch wenig Privatsphäre. Es gibt meist keine Duschen. Feuchte Tücher und Trockenshampoo sind schon mehr als die meisten anderen dabei haben.

Wenn du nicht bereit bist, ein paar Tage auf den Komfort von vier Sternen oder einen Internetzugang zu verzichten, hast du keinen Spaß auf einer solchen Reise. Dann solltest du lieber deinen Urlaub an der Schwarz- oder Mittelmeerküste pauschal über Tui buchen.

Wenn du aber mal ein paar Tage auf einiges verzichten und dich einer anderen Welt öffnen kannst, wirst du die Reise deines Lebens erleben. Du wirst Dinge lernen, die du in keinem Seminar der Welt lernen kannst. Du wirst Menschen kennenlernen, die du sonst nie getroffen hättest. Du wirst hinterher Geschichten zu erzählen haben, die niemand sonst erzählen kann. Und am Ende wirst du reicher sein es dir ein siebenstelliger Lottogewinn ermöglichen könnte.

[Diese Reise führte uns mit dem Zug von Hamburg über Moskau und Sankt Petersburg auf die Seidenstraße in Usbekistan – Chiva, Buchara, Samarkand und Taschkent. Zum Abschluss unserer Reise in Almaty, Kasachstan, haben wir etwa 10.000 Kilometer mit der Bahn zurückgelegt. Alle Tagesberichte dieser Reise findet ihr hier: Seidenstraße 2013.]

10 Gedanken zu „Warum ihr unbedingt mal mit dem Zug verreisen solltet

  1. Ein wirklich toller Bericht, der mir wirklich Lust macht, auch mal so was verrücktes auszuprobieren. Einfach mal um Weg zu sein, um Menschen kennenzulernen… Und ein ganz besonderes Land

  2. Pingback: Freude am Bahn(fahren) - Ich bin nicht allein. - Teilzeitreisender.de

  3. Liebe Kollegen, wir Autoren, welche nun in der Rubrik „Teilzeitreisender: Bahnfahren“ gelistet wurden, sollten uns alle einmal persönlich zum „Bahnbloggergipfel“ treffen. Dies kann dann zum Anlaß werden einen ganz neuen Blog zu schaffen.

  4. Hey, der Bericht ist wirklich super und total spannend geschrieben. Ich habe bei „Zugfahrt“ auch immer die Nase gerümpft, aber wenn man das so liest, dann klingt das gar nicht mal so schlecht. Mich würde interessieren, wie viel so eine Bahnfahrt kostet. Ich lege weite Strecken zumeist mit Fernbus oder Flugzeug zurück, weil es sehr oft einfach günstiger ist.

    Nahverkehr ist zwar auch oft günstig, aber den nutze ich schon täglich, und ehrlich: er nervt. Gerade, wenn man Gepäck dabei hat und das habe ich eigentlich immer.

    So eine lange Zugfahrt macht man dann aber auch eher des Zugfahrens wegen und nicht, weil man sich das Ziel genauer ansehen möchte, oder? Man ist ja dann wirklich nicht lange an einem Ort und ich als Städtereisender wüsste nicht, ob ich da auf meine Kosten kommen würde. Aber man könnte es ja mal ins Auge fassen… Vielleicht nicht gleich aus Deutschland raus, ich kenne ja schon das eigene Land kaum… Vielleicht sogar schlechter als andere Länder.

    Liebe Grüße
    Julia

    • Hallo Julia,

      natürlich steht der Spaß am Bahnfahren an einer der ersten Stellen bei einer solchen Reise. Aber den Aufenthalt in den verschiedenen Orten kann man ja individuell anpassen. Du musst ja nicht vier Tage durchfahren, sondern kannst mehrere Zwischenhalte einplanen und dich dort aufhalten, solange du willst. Wenn du lieber länger in den Städten bleibst, dann fährst du eben nicht so weit, hast aber das, was für dich persönlich wichtig ist. Da ist der Zug ja genauso individuell wie das Flugzeug oder der Bus.

      In Deutschland reisen wir auch viel mit der Bahn, aber es ist alles insgesamt viel stressiger und nicht so offen und entspannt wie beispielsweise im osteuropäischen oder zentralasiatischen Ausland. Am deutschen Nahverkehr habe ich auch keinen Spaß und im Fernverkehr ist alles so steril und unpersönlich. Deswegen genieße ich es auch, Deutschland mit dem Zug zu verlassen. Es ist Richtung Osten vielleicht nicht alles so modern wie im neusten ICE, aber dafür fühle ich mich dort einfach wohler. Ich kann dir also nur empfehlen, mal ins Ausland (z.B. Ungarn, Rumänien, Bulgarien) zu fahren.

      Den Preis der gesamten Bahnreise kann ich dir gar nicht genau sagen. Weil der Preis nicht im Vordergrund stand, sondern das Erlebnis, hat sich der nicht im Langzeitgedächtnis festgesetzt. An die Fahrt werden wir uns im Gegensatz dazu noch sehr lange erinnern. Falls es dir in irgendeiner Weise hilft: Wir fahren im Oktober von Thessaloniki nach Sofia im Nachtzug für 76 Euro pro Person inkl. Reservierung. Du kannst also davon ausgehen, dass der Fahrpreis im ähnlichen Maße abnimmt wie das Alter der Züge zunimmt.

      Liebe Grüße
      Anika

  5. Wenn ich Euren Bericht lese bekomme ich gleich wieder Fernweh. Ich reise sehr gerne in Osteuropa mit der Bahn. Das ist irgendwie entspannt. Und die russischen Schlafwagen sind für tagelange Reisen auch ganz bequem. Wie Ihr richtig schreibt verändert sich bei langen Bahnreisen die Wahrnehmung der Zeit und die anderen Fahrgäste haben auch genügend Zeit zum Plaudern und Austauschen (ob mit „Händen und Füssen“ oder in der jeweiligen Landessprache). 😉

    Weiterhin viel Spaß beim Zugreisen!

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