Was ihr auf einer Zugfahrt in Russland braucht – und was nicht

Das russische Schienennetz ist sicher nicht das dichteste auf der Welt – tatsächlich ist es mit seinen durchschnittlich 5,1 Schienenmetern pro Quadratkilometer sogar unheimlich dünn. (Zum Vergleich: Deutschland weist eine Dichte von 117 Metern pro Quadratkilometer auf.) Dafür ist es aber mit 87.157 Kilometern das zweitlängste der Welt – es würde mehr als zweimal um den Äquator gehen.

Russland ist das flächenmäßig größte Land der Erde und wer es bereisen möchte, muss damit rechnen, dass für Entfernungen andere Dimensionen gelten als bei uns im engen Europa. Die längste Ausdehnung Deutschlands von Nord nach Süd beträgt 876 Kilometer Luftlinie – die längste Ausdehnung Russlands von West nach Ost etwa 9.000 Kilometer. In elf Zeitzonen. Wer das Land einmal durchqueren will, muss hier schon etwas mehr Zeit mitbringen. Stichwort „Transsib“, die von Moskau nach Wladiwostok sechs Tage braucht.

Dementsprechend erfordert eine größere Zufahrt in Russland andere Vorbereitungen als eine, die man Hierzulande als „größer“ bezeichnen würde. Und weil der Platz im Rucksack beschränkt ist, ist es besser, zweimal zu überlegen, womit ihr diesen vollstopfen wollt. Um euch ein paar Anregungen für das Packen zu geben, bekommt ihr hier eine kleine Übersicht über die absolut notwendigsten Utensilien – und die, die ihr nicht brauchen werdet.

Was ihr unbedingt braucht

Becher

Einen robusten Metallbecher solltet ihr auf jeden Fall dabei haben. Alle Fernzüge in Russland (und in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion) verfügen über Wagons, die mit einem Samowar ausgestattet sind. Das sind stationäre Wasserkocher, teilweise mit Kohle beheizt, die rund um die Uhr heißes, gekochtes Wasser bereithalten. Damit könnt ihr Kaffee oder Instant-Nudeln kochen.

Wenn nicht dafür, dann braucht ihr euren Becher aber auf jeden Fall für den Wodka, den eure Abteilnachbarn oder andere Mitreisende mit euch teilen wollen. Macht euch nichts vor, das wird passieren, wenn ihr euch nicht wie absolute Arschlöcher benehmt. Und wenn es so weit ist, soll es doch nicht daran scheitern, dass ihr kein Behältnis habt, aus dem ihr trinken könnt, oder?

Zugfahren in Russland (1)

Göffel/Spork/Esswerkzeug

Beim Göffel – oder in der englischen Version „Spork“ – handelt es sich um ein äußerst praktisches Essbesteck, das zugleich Gabel und lÖFFEL ist. Am praktischsten ist dieses Gerät, wenn es zusätzlich über eine kleine Klinge verfügt. Für die vielen ungesunden, aber überaus schmackhaften Mahlzeiten, die es unterwegs zu vertilgen gibt – Instant-Nudeln (aus eurem Becher), Kolbossar (Wurst, die im Zug oder auf dem Bahnhof von fliegenden Händlern verkauft wird), abgepackter Kartoffelsalat (den ihr vorher gekauft habt) und alles, was das Zugrestaurant zu bieten hat – ist euer Göffel euer bester Freund. Ein sauberes Taschenmesser kann sicher auch nicht schaden.

Instant-Kaffee/Tee

Auch wenn kulinarischer Hochgenuss anders schmeckt, ist der vollständige Verzicht auf ein heißes Getränk zum Frühstück tausendmal schlimmer als dieses komische Krümelzeug. Zusammen mit einem Trockenmilcherzeugnis und heißem Wasser aus dem Samowar lässt es sich schon irgendwie herunterwürgen. Außerdem gehört es bei einer solchen Zugfahrt dazu, auf etwas Luxus zu verzichten. In diesem Fall auf den obligatorischen Kaffeevollautomaten, den jeder zug-nach-irgendwo.de-Leser besitzt. Stellt euch also nicht so an!

Hygieneartikel

Wenn ihr nicht mit einem Luxus-Sonderzug unterwegs seid, werdet ihr höchstwahrscheinlich nicht in den Genuss einer Dusche kommen. Daher solltet ihr diesbezüglich auf jeden Fall mit feuchten Tüchern und Deo ausgestattet sein. Taschentücher oder Toilettenpapier sind ebenfalls äußerst empfehlenswert. Obwohl die Schaffner eigentlich meist darauf achten, dass immer welches vorhanden ist, kann es durchaus vorkommen, dass das Toilettenpapier fehlt. Da es in den meisten Situationen überaus blöd aussieht, mit einer Klorolle über den Gang zu laufen, bevorzuge ich eine Packung Taschentücher.

Desinfektionsmittel solltet ihr auf jeden Fall dabei haben. Wie in Deutschland kommt auch in Russland kein Trinkwasser aus dem Wasserhahn, sodass eure Hände nach dem Händewaschen vielleicht noch nicht ganz so sauber sind, wie ihr es gern hättet, bevor ihr euer Essen anfasst. Vor allem Leuten mit einem empfindlichen Magen empfehle ich den regelmäßigen Gebrauch von Desinfektionsmittel, denn es gibt durchaus Angenehmeres als den ganzen Tag auf einer Zugtoilette zu verbringen, während die Schlange derer, die ebenfalls mal müssen, immer länger wird. Dort kann man nicht mal die Gegend anschauen.

Ich hasse es hinterher jedes Mal wieder, aber das Trockenshampoo ist das einzige, das dem Haarewaschen im Zug nahe kommt. Beim nächsten Waschen mit Wasser habe ich es immer verflucht, weil ich mir die Haare dreimal waschen musste, bevor sie wieder kämmbar waren. Unterwegs war es aber eine angenehme Abwechslung.

Zugfahren in Russland (2)

Handtücher

Mit eurem Bettzeug bekommt ihr meist ein kleines Handtuch. Weil dem aber nicht immer so ist, macht es durchaus Sinn, eins dabei zu haben. Dabei spreche ich nicht von einem Zwei-mal-drei-Meter-Frottee-Badetuch, sondern von einem kleinen Tuch für das Gesicht. Bei Outdoor-Ausstattern gibt es diese in verschiedenen Materialien, die schnell trocknen und sich klein verpacken lassen. Diese sind zwar etwas teurer, aber absolut praktisch.

Bücher/Spiele

Ja, es ist sehr spannend zu sehen, wie sich die Landschaft langsam verändert und eine ganz neue Umgebung entsteht. Aber bevor es so weit kommt, kann die Gegend eine sehr lange Zeit sehr eintönig sein. Da können ein gutes Buch oder ein paar kleine Spiele für Abwechslung sorgen.

Außerdem könnt ihr damit eure Mitreisenden neugierig machen und mit Ihnen in Kontakt kommen. Als wir auf dem Weg nach Usbekistan Scrabble gespielt haben, kam der Koch auf dem Weg durch den Zug bei uns vorbei und war ganz fasziniert davon. Auch wenn er kein Wort verstand, das Spiel nicht kannte und wenig beizutragen hatte, setzte er sich zu uns und hat sich unheimlich Mühe gegeben, mir zu helfen.

Zugfahren in Russland (3)

Papier und Stift

Bei der Kommunikation mit Menschen, mit denen man keine gemeinsame Sprache spricht, sind Stift und Papier Gold wert. Oben genannter Koch konnte uns so beispielsweise darüber aufklären, dass die Zäune neben der Bahnstrecke gegen Schnee und Kamele gedacht waren. Andere Unterwegsbekanntschaften haben uns Ihre Kontaktdaten für den Notfall aufgeschrieben. Und wenn euch keiner eine Botschaft malen oder seine Handynummer aufschreiben möchte, könnt ihr immer noch anfangen, eure Erlebnisse aufzuschreiben.

Rubel

Ja, es ist durchaus logisch, die Währung des Landes bei sich zu haben, in dem man sich gerade befindet. Aber gerade wer auf der Reise in ein anderes Land ist und nur noch andere Währungen bei sich trägt, verlässt sich vielleicht zu sehr darauf, dass er mit seinen US-Dollar alles kaufen kann. In Russland kommt ihr damit jedenfalls nicht sonderlich weit. Beim Versuch, in Wolgograd auf dem Bahnsteig etwas Essbares zu erstehen, musste ich das einsehen. Selbst unser Koch hätte uns sein Essen nur für den doppelten Preis in US-Dollar verkauft. Passt also auf, dass ihr bis zum Schluss ein paar Rubel in der Tasche habt.

Zugfahren in Russland (4)

Was ihr nicht braucht

Bettzeug/Schlafsack

Das nimmt nur unnötig Platz im Rucksack weg. Wenn ihr es also nicht für einen anderen Teil eurer Reise braucht, lasst es Zuhause. Ihr bekommt nämlich in jedem Zug frisch gewaschenes Bettzeug und eine Matratze, damit die Liege nicht zu hart ist.

Schmuck

Wenn ihr mehrere Tage mit dem Zug fahrt, habt ihr andere Prioritäten als jeden Tag wie aus dem Ei gepellt auszusehen – annehmbar zu riechen zum Beispiel. Niemand wird sich dafür interessieren, dass ihr eine Rolex oder Massivgoldnasenpiercings tragt – abgesehen von Taschendieben vielleicht. Es ist zwar relativ sicher in russischen Zügen, da es mindestens einen Schaffner pro Wagon gibt, sich eine Gemeinschaft unter den Fahrgästen entwickelt, die aufeinander aufpasst und ihr eure Abteiltür verriegeln könnt. Um aber auf Nummer Sicher zu gehen, empfiehlt es sich, keine Wertgegenstände dabei zu haben, die nicht notwendig sind. Und das ist Schmuck allemal.

Ladekabel

Ja, ihr habt eure elektronischen Geräte natürlich dabei und die dazu passenden Ladekabel ebenfalls. Seid euch aber nicht zu sicher, dass sie im Zug auch funktionieren. Auf der Fahrt nach Usbekistan könnten wir unsere Handys nur mithilfe von Kabeln laden, die uns unsere Mitreisenden geliehen haben, denn für unsere Kabel war die Spannung zu gering.

Alles, was unnötig Platz wegnimmt

Machen wir uns nichts vor. Im Zug ist es eng. Wenn ihr euer Abteil mit anderen teilt oder im Platzkartny-Wagon nur eine einzelne Liege gebucht habt, gibt es kaum genug Platz, um euer Gepäck zu verstauen. Auf euren Kaffeevollautomaten, Marmor-Skulpturen oder euer Aquarium solltet ihr nach Möglichkeit verzichten. Lasst Zuhause, was ihr wahrscheinlich sowieso nicht anzieht oder nutzt. Bringt keine Gegenstände mit, die nur die Funktion haben, das Ambiente im Abteil zu verschönern. Das Zeug steht nur im Weg und ihr werdet euch ärgern, es mitgenommen zu haben.

Sollte ich wichtige oder unwichtige Gegenstände vergessen haben, lasst es mich wissen. Ich möchte diese Liste mit eurer Hilfe gern erweitern. Dazu benötige ich eure Ideen! Also los, kommentiert diesen Beitrag, schreibt mich an, egal. Die nächste Zugfahrt kommt auf jeden Fall und dann stehe ich auch wieder ratlos vor meinem Rucksack.

4 Gedanken zu „Was ihr auf einer Zugfahrt in Russland braucht – und was nicht

  1. Interessanter Artikel. Früher hat mich die Transsib auch immer sehr gereizt. Inzwischen bin ich so viel in endlosen Bus- und Zugfahrten sowie Flugzeugen rumgehangen, dass mich das heute nicht mehr so reiizt.

    Zwei interessante Punkte, die du vielleicht noch nicht wusstes: Erstens, die Samoware gibt es auch in China in jedem Zug. Dort werden sie hauptsächlich genutzt, um den Tee frisch aufzugiessen und die Instantnudeln zubereiten. Als ich 2001 das erste Mal in Peking war, wurden die Samoware noch mit Kohle betrieben und entsprechend stank es in den Bahnhöfen. Heute gibts das längst nicht mehr.

    Zweitens: Wer die klassische Transsibreise machen will, sollte sich vielleicht besser beeilen. Russland und China verhandeln derzeit über eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Moskau und Peking. Wenn ich die Nachricht vor ein paar Tagen richtig verstanden habe, wird noch diesen Herbst mit dem Bau einer Teststrecke zwischen Moskau und Kazan begonnen, die 2018 fertig sein soll und die beiden Städte mit 400 Stundenkilometern verbindet. Der Rest der Strecke dürfte in spätestens zehn Jahren in Betrieb sein. Es ist anzunehmen, dass dann die durchgehende langsame Verbindung eingestellt wird und man entweder im Schnellzug, im Touristenzug oder in Regionalzügen mit ständigem Umsteigen unterwegs sein wird.

    • Hallo Oli,

      vielen Dank für deinen Kommentar und die Infos. Ich bin leider noch keine professionelle Reisende bzw. Reiseboggerin, daher faszinieren mich diese langen Zugreisen nach wie vor.

      Dass es in China auch Samoware geben soll, habe ich schon mal von einer entfernten Urlaubsbekanntschaft gehört, die in China mit dem Zug unterwegs gewesen ist. Ich hatte das eher für eine Ausnahme gehalten, aber wenn es tatsächlich die Regel ist, umso besser. Das ist auch eine wichtige Information für unsere Zugfahrt nach Japan, die wir im Sommer geplant haben.

      Ich bin zwar noch nie mit der Transsib gefahren und habe es mittelfristig auch nicht vor, weil die Strecke mittlerweile zu einer Hauptverkehrsroute geworden zu sein scheint und abseits dieser Strecke mehr Abenteuer winken. Aber sollte sie tatsächlich zu einer Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgebaut werden, fände ich das sehr traurig. „Moskau – Peking in 19 Stunden“ klingt wenig reizvoll im Gegensatz zu „Moskau – Peking in 7 Tagen“ – zumindest für den Reisenden. Das technisch begeisterte Publikum wird es freuen. Vielleicht kommt die Transsib dann doch noch mal auf den mittelfristigen Reiseplan bis 2018.

  2. Hallo, ich habe diese Zugfahrt auch gerade hinter mir.
    Ergänzend kann ich sagen: Ja, es gibt jetzt auch Duschen in den Wagen, sogar in der 2. Klasse. Kaffee und Milch gibt es beim Zugbegleiter welcher mittlerweile auf einen elektrischen Wasserkocher umgestiegen ist. Man muss also kein Pulver mehr mitbringen. Auch 4 Gläser mit Löffel standen im Abteil zur Verfügung. Deutsche Handy-Ladegeräte funktionieren mittlerweile auch, da im Abteil 220V anliegen, sofern gerade Strom vorhanden ist. (Beim Umspuren nicht) Das mit den Dollarnoten hatte ich mir auch eingebildet, aber ich habe von meinen 100$, 95 wieder mit nach Hause gebracht. Die will keiner so recht haben. Man kann sie aber in Wechselstuben in Rubel umtauschen. Das umtauschen empfehle ich auch für den Euro, da der Kurs bspw. in Moskau besser ist als in Berlin. Da gibt´s 10 Rubel mehr je 1 Euro.

    • Danke für das Update 🙂 Ich denke allerdings, dass die Mehrzahl der Züge in Russland noch alten Standards entspricht und empfehle trotzdem weiterhin Kaffeepulver 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.